Wo Landeier den Städtern voraus sind

Je ländlicher die Region, desto mehr Champions. Das gilt zumindest für die Berufs-Weltmeisterschaften.

Alle Schweizer Gold-Medaillengewinner am 5. Wettkampftag an den Worldskills 2017 in Abu Dhabi (Bild: Keystone/SwissSkills/Michael Zanghellini)

Die Schweiz ist zu Recht stolz auf ihr duales Bildungssystem. Die Jugendlichen werden mit der Berufslehre früh an den professionellen Alltag herangeführt. Dieser Erfolg hat sich kürzlich in einem Medaillenregen niedergeschlagen. An den Berufs-Weltmeisterschaften in Abu Dhabi, auch World Skills genannt, haben Schweizerinnen und Schweizer nicht weniger als 20-mal Edelmetall geholt, davon 11-mal Gold.

Die Schweizer Delegation stellte mit 38 Berufsleuten nur 3 Prozent der Teilnehmenden, holte aber 13 Prozent der Medaillen und gar unglaubliche 22 Prozent der Goldmedaillen.

Die Bedingung war, dass die Sanitärinstallateure, Bäckerinnen-Konditorinnen, Möbelschreiner und Gesundheitsfachfrauen nicht älter als 22-jährig sind. Wie gross ist nun – und jetzt kommen wir zum Thema – der Anteil der Agglo an der Schweizer Weltklasseleistung? Grösser als jene der Städte, könnte man sagen. Die einzige Städterin, eine St. Galler Bekleidungsgestalterin, ging leer aus beziehungsweise holte «nur» ein Diplom. Berufsleute aus der Agglo holten immerhin 6 der 22 Medaillen (22 und nicht 20 sind es, weil zwei Zweierteams ausgezeichnet wurden).

Damit ist klar, woher die meisten jungen Superberufsleute kommen. 16 Medaillen, davon 9 goldene, haben Talente vom Land geholt. Fern der städtischen und der Agglo-Hektik lässt sich offensichtlich besser lernen, wenn es um handwerkliches Geschick geht. Ein kleiner Trost für die Nichtlandeier: Immerhin 4 Goldmedaillenträger arbeiten nach der abgeschlossenen Lehre in der Stadt, 2 davon in Luzern. 3 der Ausgezeichneten können ihre Medaillen in Agglo-Betrieben zeigen, darunter ein Silbergewinner bei einem Holzbauer im Glattal.

Somit sind wir beim zweiten Thema des Tages. Aus dem Kanton Zürich kamen nicht allzu viele der Ausnahmekönner. Um genau zu sein, waren es zwei. Besagter Silbermedaillengewinner bei den Zimmermännern wohnt in Turbenthal und arbeitet in Wangen-Brüttisellen. Ein Plattenlegercrack, der zwar keine Medaille geholt hat, aber immerhin ein Diplom, wohnt in Wädenswil, also in der Agglo, und arbeitet im ländlichen Hütten.

Letzteres verwundert nicht. Hütten ist die Lehrling-Hochburg des Kantons Zürich. Nirgends trifft man auf so viele Lernende pro Einwohner wie in der südlichsten Gemeinde. Statistisch kommen in Hütten 45,3 Lehrlinge auf 1000 Einwohner. Knapp hinter Hütten folgen Schleinikon und Wila, das an Turbenthal grenzt, wo ja die einzige «Zürcher» WM-Medaille hingeht. Kein Gebiet für Berufsschüler sind – trotz Aussichten auf Gold – die reichen Gemeinden am Zürichsee: Küsnacht hat die geringste Lehrlingsdichte vor Zollikon und Kilchberg.

In Korea geniesst die Berufs-WM übrigens hohes Ansehen. Ein Goldmedaillengewinner erhält von der Regierung ein Haus geschenkt. In der Schweiz war der einzige «Dank» des Bundesrats an die Champions, dass er die 30 Millionen Franken für die Austragung der World Skills 2021 in Basel nicht genehmigte, worauf die Schweiz ihre Kandidatur zurückziehen musste. Die Landesregierung muss wohl sparen für die Olympischen Spiele 2026. Für diese ist eine Milliarde reserviert.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.