Heinz und Kurt

Es gibt Leute, die gehen zu zwei Coiffeuren. Vielleicht aus schlechtem Gewissen, vielleicht, weil es den Gang zum Psychiater erspart.

Besuch beim Barbier: Diese Utensilien dürfen  nicht fehlen.  (Foto: Credit: Emanuele Ravecca / Getty Images)

Meine beiden Coiffeure heissen Kurt Müller und Heinz Bächli. Müller hat seinen Laden an der Waffenplatz-, Bächli an der Albisstrasse. Die Männer sind um die 70 Jahre alt. Seit ich von Baden nach Zürich gezogen bin, gehe ich zu den beiden

Ich verstehe mich sehr gut mit ihnen. Es ist nie langweilig. Kurt Müller ist eher der dynamische Typ. Er macht immer Witze. Weil ich einen Bart trage, fragt er mich zur Begrüssung: «Oben und unten?» Ich nicke ihm zu und kenne schon seine nächste Frage: «Wie tief unten?». Ich erröte dann stets.

Heinz Bächli ist eher der Ruhige. Er hört mir aufmerksam zu und rast dabei mit seinem Elektroschneider durch meine Haare. Weil ich vom Typ her ein Warmduscher bin, tut mir das manchmal ein bisschen weh. Wenn keine Kundschaft da ist, sitzt Herr Bächli mit dem Gesicht zur Albisstrasse. Wenn er beobachtet, wie ich mich die steile Albisstrasse mit dem Velo hochquäle, springt er aus seinem Laden und wirft mir als Aufmunterung die jüdische Wochenzeitschrift «Tachles» in den Gepäckträger. Die kriegt er nämlich gratis zugeschickt. Manchmal bekomme ich auch die Zeitschrift «Wohnmobil & Caravan». Ich gucke ihn dankbar an und keuche weiter.

 

Das Coiffeurgeschäft von Heinz Bächli. (Foto: Beni Frenkel)

Auch Kurt Müller bekommt das «Tachles» gratis zugestellt. Häufig sehe ich durch das Fenster, wie er bei einem Kaffee die Zeitung liest. Kurt Müller weiss deswegen alles. Er führt mit mir gerne philosophische und/oder theologische Diskussionen. Seine Grundhaltung zum Judentum kann man so zusammenfassen: «Die Juden sollen sich nicht so anstellen!» Das gefällt mir. Und weil er der Mann mit der scharfen Schere ist, wage ich auch nie, Kontra zu geben.

Von Heinz Bächli erfahre ich dafür alles über Wollishofen. Auch er weiss alles. Schon Monate im Voraus wusste er, dass eine Bäckerei in Wollishofen demnächst schliessen wird. Im Unterschied zu Kurt Müller hört er ein bisschen mehr zu, als dass er redet.

Wenn ich über die beiden Coiffeure nachdenke, bedaure ich es, dass ich nicht mit einem Mann verheiratet bin. Ich finde, ich kann viel besser mit Männern reden als mit Frauen. Kurt Müller zum Beispiel sieht meine wild wuchernden Nasen- und Ohrenhaare. Ohne zu fragen, haut er die ab. Eine Coiffeuse würde mir Vorwürfe machen, ich soll mich besser pflegen.

Herr Müller schneidet übrigens nur Männern die Haare. Beim Heinz Bächli weiss ich das gar nicht einmal. Ich habe jedenfalls noch nie eine Frau in seinem Laden gesichtet. Um ehrlich zu sein, könnte ich mir dort auch keine vorstellen. Auf dem Boden liegen noch ein paar Haare. An der Ecke türmen sich die Zeitungen in die Höhe.

Dass ich gleich zu zwei Coiffeuren gehe, muss ich auch noch erklären. Eigentlich bin ich immer zum Kurt Müller gegangen. Dann bin ich einmal fremdgegangen, eben zum Bächli. Seitdem plagen mich Schuldgefühle. Ich will keinen der beiden verletzen. So wechsle ich immer ab, einmal zum Heinz, einmal zum Kurt.

Im Prinzip müsste ich zu gar keinem gehen. Bei mir wächst oben nichts mehr, und unten komme ich selber ran. Aber das weiss hoffentlich jeder: Ein Coiffeur erspart häufig den Gang zum Psychiater.

1 Kommentar zu «Heinz und Kurt»

  • Maiko Laugun sagt:

    Ach, den guten alten Kurt Müller gibt es noch immer?! Im schönsten Quartier der Stadt Zürich, nämlich die Enge (bin selber dort aufgewachsen)? Als ich noch in der Schweiz lebte, war ich jahrelang Kunde bei ihm. Kann mich nicht mehr an das genaue Jahr erinnern. Es müsste aber ca. ab Ende 70er, anfangs 80er Jahre gewesen sein. Da mir schon mit 30 die meisten Haare ausfielen, wurde ich ihm untreu und verwendete nur noch einen Elektro-Schärmaschine.

    Ich weiss nicht, ob ein Coiffeur einen Psychiater ersetzt, aber bei Kurt Müller traf zumindest der folgende uralte Spruch zu: *Das kannst Du Deinem Coiffeur erzählen!*

    Damals war er günstig – und clever/geschäftstüchtig. Er kaufte immer bei der jüdischen Bäckerei auf der anderen Strassenseite ein >> Kundenfang! 🙂

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