Wir Bülacher!

Ein Stolz, der noch tiefer geht, als es Lokalpatriotismus allein vermögen würde.

Die alte Fassade des Juhu in Bülach. (Bild: zvg)

Selten hört man jene Städter, die in der Agglo aufgewachsen sind, sagen, sie seien stolz auf ihre Herkunft. Stolze Ustermer, Wetziker oder Glattbrugger sind in der Stadt Zürich rar. Warum das so ist, soll nicht Thema dieser Kolumne sein.

Wichtiger ist: Es gibt sie, diese Momente, in denen der Stolz auf seine Agglo-Herkunft auf einmal durchdrückt. Kürzlich war so ein Moment. Der Anlass war eine Art Klassenzusammenkunft. Oder besser: ein Treffen von Leuten, die einmal im Jugendhaus Bachenbülach einund ausgingen. Rund 100 von ihnen kamen im späten September in einem Kulturlokal am Rand der Industriezone Bülachs zusammen. Es gab Bands und Bier, und am Schluss spielte ein DJ, der ebenfalls dem Juhu entstammte, ein paar Lieder von früher – die meisten von ihnen waren in der Erinnerung bedeutungsvoller als heute.

Das Autonome Jugendhaus, auch genannt Juhu, war eine ehemalige Baracke für Flughafenarbeiter und existierte in der Industriezone Bachenbülachs zwischen Einkaufstempel und Tennishalle von 1989 bis 2001. Sozialarbeiter oder anderes Aufsichtspersonal gab es keines, man funktionierte unabhängig als Verein und stand mit der konservativen Stadtregierung konstant auf Kriegsfuss.

Und wie alle Geschichten birgt auch diese Höhen und Tiefen, Abstürze gehörten ebenso dazu wie Freundschaften, Bands wurden gegründet und wieder aufgelöst, DJ-Karrieren haben ihren Anfang genommen, es wurde viel gefeiert, und es fand bei einigen eine frühe Politisierung statt, die linksaussen angesiedelt war.

Bands wie Baby Jail oder die Aeronauten, um die bekanntesten zu nennen, lieferten den Soundtrack dazu. Kurz: Es war ein valabler Ort, um seine Jugend zu verschwenden. Und, wie man jetzt noch einmal sehen konnte, erinnern sich nicht wenige gerne daran zurück.

Man schwelgte also kollektiv noch einmal in der Jugend. Unter den Feiernden Schreinerinnen, Feinmechaniker, Juristen oder Chauffeure; aber auch Lehrer, Dolmetscher, Regionalpolitiker oder Grasdealer. Einige von ihnen wohnen noch in der Gegend, andere hat es in die Stadt verschlagen und ein paar ins Ausland. Nicht wenige haben Familie, einige leben aber auch allein. Kurz: Es war ein grosses Potpourri an Lebensentwürfen, Alter und Karrieren (oder Nichtkarrieren). Man findet das in einem freundschaftlichen Umfeld, in dem man sich gerne mit gleichen Meinungen und ähnlichen Lebensstilen umgibt, nicht sehr oft.

Es war diese Verschiedenheit der Gäste, bei gleichzeitiger Verbundenheit, die den eingangs beschriebenen Stolz entfachte. Als die Band Aligaga, eine gemischtgeschlechtliche Punkband, deren Musiker heute alle etwa 50 sind, mit ihren lauten Stücken den Saal zum Vibrieren brachte, lebte dieser Ort aus der Agglo-Vergangenheit noch einmal auf. Wir alten Bülacher, dachte man! Und einige dürften zusätzlich geahnt haben: Weil so ein Jugendhaus keine Laune der Natur ist, sondern dem Engagement aller geschuldet, geht der Stolz darauf noch tiefer, als es Lokalpatriotismus allein vermögen würde. Es ist dann auch egal, in welcher Agglo er seinen Ursprung hat.

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