Gottloses Geld

Die atheistischen Freidenker feiern ihr heiliges «Denkfest» - finanziert von den reformierten Kirchen.
Gott gibt den göttlichen Funken an Adam. Der bezahlt damit das Fest der Freidenker.

Gott gibt den göttlichen Funken an Adam. Der bezahlt damit das Fest der Freidenker.

Die Freidenker glauben nicht nur einfach nicht an Gott. Sie sind die lose Gruppe von Atheisten, die der Religion allgemein und auf breiter Front den Kampf angesagt hat. Ihre Exponenten – die bekanntesten sind wohl Andreas Kyriacou und Valentin Abgottspon – weibeln in den Medien und auf Social Media gegen jegliche Form von Religion.

Nun feiern die Schweizer Freidenker in ein paar Tagen im Volkshaus ihr Denkfest, eine Art Weihnachten für Atheisten.  Kernthema des Anlasses wie immer bei den Atheisten: «Wie lasse ich die Religion hinter mir» bzw. «Reformation des Denkens».

So weit, so banal. Nun, nicht ganz. Das Budget von über 160 000 Franken wird zur Hälfte – mit 80 000 Franken – vom Verein «500 Jahre Reformation» bestritten. Der Verein besteht aus reformierten Kirchen unter der Mitwirkung der Stadt Zürich. Die Kirchen bezahlen also die Party ihrer Feinde.

Als Atheist besuchte ich das letzte Denkfest 2014, meine Frau war in ihrer Funktion als Evolutionsbiologin als Sprecherin geladen. Der Anlass war mittelmässig besucht, gestandene Atheisten führten Diskussionen in der Vorhalle und standen sich in ihrem Nichtglauben bei. Jeder Zweifel am Zweifel galt als Häresie. Spiritualität auch abseits von Religion war Sünde. Es erinnerte mich an eine freikirchliche Veranstaltung, in der man den Begriff «Jesus» mit «Ratio» ausgetauscht hatte. Und zum Schluss wurde ein klassisches Konzert aufgeführt, dessen religiöse Texte man mit atheistischen Hymnen an Universum und Urknall ersetzte. Ich war ergriffen.

Natürlich kommt da die Frage auf, wieso die reformierten Kirchen den Anlass ihrer Erzfeindeunterstützen. Würde die Kirche einen Anlass von ihren anderen Feinden, den Satanisten, auch mitfinanzieren? Eher nicht.

Natürlich erscheint es als Zeichen der Souveränität, wenn man dem Gegner quasi seine heiligen Feste finanziert. Und die reformierten Zürcher Kirchen geben sich seit Jahren alle Mühe, so progressiv wie möglich zu erscheinen. Zeitgeist rules. Dazu gehören Schamanismus, Yoga und Meditation in den Kirchen. Da sind dreissig Silberlinge für die Gottlosen eigentlich nur ein kleiner Schritt.

Ich vermute aber andere Absichten dahinter: Schliesslich sind die kämpferischen Freidenker – ausser den Kirchen selbst – die Einzigen, die in den Kirchen noch eine relevante Grösse attestieren. Fallen die Atheisten weg, bleibt den reformierten Kirchen nur noch das Image einer spirituellen Kuschelgruppe. Also unterstützt man den Gegner. Viel Feind, viel Ehr‘.

Ein anderer Erklärungsansatz wäre, dass die Kirchen den missionarischen Eifer, mit welchem die Freidenker gegen Religion weibeln, goutieren und die Atheisten in die Ökumene aufnehmen. So hätten die Gottlosen mit ihrem missionarischen Sendungsbewusstsein und ihrem Dogma endlich den Status einer Religion. Alle wären glücklich.

Natürlich sind nicht alle glücklich. Das christliche, rechtskonservative «Idea Magazin» ruft schon Gottes Fluch und Feuer auf den kirchlichen Verein. Und auch die Atheisten sind nicht wirklich glücklich, dass sie ihre Messe nur mit dem Geld des Erzfeindes durchführen können. Man macht diesen Teil der Finanzierung nicht gerne zum Thema.

Mir als gemässigtem Atheisten kann das Zusammenrücken von Freidenkern und Kirchen eigentlich nur Freude bereiten. Ich glaube nämlich nicht an Gott, wie die Freidenker, schätze aber, was die reformierten Kirchen in den Bereichen Soziales und Zwischenmenschliches für unsere Gemeinschaft leisten. Zeit, dass diese Gruppen sich etwas näher kommen.

22 Kommentare zu «Gottloses Geld»

  • frater lupus sagt:

    Die mehrheit derer, zum atheismus was sagen müssen, unterstellen diesen atheisten doch mehr oder weniger unverholen irgendeinen “gläubigen fanatismus“. Warum denn wohl …?
    Hab’ ich’s übersehen, oder hab‘ ich da wirklich nicht ein einziges mal den begriff: “Agnostiker“ gelesen?
    Und auch die “Pascal’sche Wette“ würde hier ganz gut in den themenbereich passen …
    Aber ich werde den eindruck nicht los, dass sich da beide seiten etwas überschätzen, was ihre diesbezügliche urteilskraft anbelangt – mit dem bisschen hirn …
    (Aber war es nicht der grosse Lichtenberg, der herausfand, dass Gott von allen gaben, die klugheit unter den menschen am gerechtesten verteilt habe … denn jeder meine doch, geradezu im übermass damit beschenkt …? Naja.)

  • Lena Tanner sagt:

    Danke an den Autor, dass er mich vor etwa zwei Wochen auf das Denkfest aufmerksam gemacht hat. Schon beim Anschauen des Programms dachte ich allerdings, dass Herr El Arbi eher verzeweifelt nach etwas gesucht hat, um die Freidenker als Veranstalter in die Pfanne zu hauen. Nun, nach zwei Tagen im Volkshaus muss ich sagen: der Anlass war eine grosse Nummer! Kurzweilige und lehrreiche Referate und eine super Stimmung. Herr El Arbi war wohl nicht dabei. Deshalb gehe ich auch nicht davon aus, dass er von seinen Vorurteilen wegkommen wird. Aber vielleicht will er dies ja gar nicht? Wie auch immer: ich freue mich auf das nächste Denkfest.

    • Réda El Arbi sagt:

      Sorry, meine Frau war Sprecherin beim letzten Denkfest. Und natürlich ist es kein Problem, wenn sich Gleichdenkende versammeln. Jeder Gläubige findet Gottesdienste ja auch super.

  • Giorgio Girardet sagt:

    Was den «Freidenkern» entgangen ist: die reformierte Kirchen der Schweiz haben seit 1868 kein offizielles Bekenntnis mehr, keine «Konfession». Dies weil sich damals im Kirchenkampf die liberaleren Reformierten weigerten, bei jeder Taufe das apostolische Glaubenbekenntnis mit Jungfrauengeburt und Auferstehung von den Toten zu rezitieren. Seit 1868 ist die reformierte Kirche der Schweiz, die «Konfession der Konfessionslosen», im Grunde nur noch ein humanistischer Solidaritätsverein mit einer antikatholischen Tradition. Dass die Menschen daraus austreten, ergibt sich daraus, dass seit der Einführung von Blitzableiter und Brandversicherung, Krankenkassenobligatorium, AHV, SUVA und BVG der Bürger in vielen Zwangssolidaritäten sich findet und sich von der Mutter aller Solidarität abnabelt.

  • pierre sagt:

    ich finde der Titel „Denkfest“ klingt irgendwie religiös, sektiererisch, so fundimässig. ist zwar irgendwie offtopic aber im übrigen sah ich letzthin mal eine lidl-werbung, da hiess es, bei lidl werde gar nicht mehr gearbeitet, sondern gespielt. der präsident des ch-gewerbe-verband, so ein fundi anderer art, hatte auch mal gesagt, arbeit sei nicht mehr arbeit sondern spiel. aber eigentlich is mir das wurscht.

    • frater lupus sagt:

      … und folgerichtig wäre : Wenn der krampf auf dem bau, oder im gastgewerbe, die eintönigkeit in einer fabrik und der stress in einem büro nicht mehr “arbeit“ sind, sondern eben “spiel“, würde sich doch für dieses vergnügen (da es doch nur ein spiel ist) – eine kräftige lohnreduktion rechtfertigen … – sehr zur freude – damit auch diese ein bisschen was davon haben – der “spiel-geber“ (klingt doch eindeutig besser als “arbeit-geber“ …).
      Ausgenommen von diesen lohnreduktionen wären natürlich die fussball-“spieler“, tennis-“spieler“, golf-“spieler“ etc. …

  • SrdjanM sagt:

    Statt schlaumeierisch zu kichern, wäre das genaue Lesen der Stellungnahme zur Finanzierung und des überarbeiteten Programms angebrachter… Aber lassen wir diese unwichtigen Details bei Seite, der Atheismus steht ja nicht mal in Fokus dieser Veranstaltung. Nur findet sie halt im gleichen Jahr wie die anderen Veranstaltungen zum Thema 500 Jahre der Reformation, also hat man das in einigen Themen aufgegriffen, wäre ja eine verpasste Chance, es nicht zu tun.
    Damit hat man auch unerwartete Sponsoren angelockt, was auch nicht unbedingt schlecht ist, so lagen sich das in Inhalten nicht spiegelt… hoffentlich führt es sogar zum Dialog.
    Davon könnte das «Denkest» ja auch nur profitieren, wie Sie ja selbst erfahren haben.

  • Maiko Laugun sagt:

    Konfessionslose finanzieren durch die normalen Steuern ebenfalls die Kirchgemeinden und nicht nur die Gläubigen mit den Kirchensteuern. Das ist die eigentliche Schweinerei.

    P.S. Atheisten sind zudem selber Gläubige. Sie glauben an die Nichtexistenz Gottes, während die Christen an Gott glauben. Das ist das gleiche. Der Hund liegt im Wort *glauben* begraben.

    Bezeichne mich selber als konfessionslos, nicht als Atheist.

  • Andreas Kyriacou sagt:

    Die Kirchlichen Gelder machen 14% der 80K aus. Und die empfinden auch Kirchenvertreter als bestens investiert – das Denkfest hat diverse Aussiebungsrunden überstanden. Ohne die Drittmittel hätten wir beispielsweise die Luther-Spezialistin Susan Karant-Nunn nicht einfliegen können. Und auch das Theaterstück „Prophet 3.0“, das auf Voltaires „Le fantisme ou Mahomet Le Prophète“ beruht, wäre ohne diesen Beitrag nicht zustande gekommen. Dieses Stück, mit dem Voltaire den Zusammenhang von Religion und Macht thematisierte, und das trotz des orientalischen Settings primär eine bissige Kritik an der katholischen Kirche darstellte, verdient es, in einer zeitgenössischen Form wieder auf die Bühne zu kehren. Gerade im Kontext einer Rückschau auf die Reformation.

    • Réda El Arbi sagt:

      Ich sag ja, das die Kirchenvertreter begeistert sind, den Anlass mitzufinanzieren. Und ich sag auch, dass ihr den Anlass ohne diese Unterstützung so nicht hättet durchführen können.

      Was ich hier humoristisch beleuchte, ist der Geldfluss von einer Organisation zu einer anderen, die ihr die Existenzberechtigung abspricht.

      Und natürlich, dass die Freidenker, die sich gegen Vermischung von Kirche und Staat wehren, Gelder aus einen kirchlich/staatlich-gemischten Fonds abgreifen.

      Ihr hättet mit „Ey, wir holen uns nur die Kirchensteuern zurück, die wir vor unsrem Kirchenaustritt einbezahlt haben“ oder so reagieren können. Das wär irgendiwe souverän.

      Diese Rechtfertigungsorgie ist irgendwie schwach.

  • Stefan W. sagt:

    Ich denke, Kirchen sind heutzutage eben toleranter, als fundamentalistische Atheisten. Letztere sind in ihrem Anti-Glauben ungefähr gleich verbohrt, wie es die Kirche im Mittelalter in ihrem Glauben war. (Führende Freidenker fühlen sich ja schon von einem Kreuz an der Wand persönlich angegriffen…)
    So gesehen ist die finanzielle Unterstützung Andersdenkender aus kirchlicher Sicht verständlich. Weniger verständlich finde ich, dass die Freidenker das Geld annehmen…

  • geezer sagt:

    glauben nicht auch die atheisten, dass sich nichts (im herkömmlichen sinn) glauben? wie auch immer. wir sind alle frei, uns individuell zu entscheiden. danke für den lustig geschriebenen blog! „Es erinnerte mich an eine freikirchliche Veranstaltung, in der man den Begriff «Jesus» mit «Ratio» ausgetauscht hatte. Und zum Schluss wurde ein klassisches Konzert aufgeführt, dessen religiöse Texte man mit atheistischen Hymnen an Universum und Urknall ersetzte. Ich war ergriffen.“…made my day!..:-)

  • Andreas Kyriacou sagt:

    Dass die Jury, der auch Kirchenvertreter angehören, entschied, das Denkfest zu unterstützen, hat mit Sicherheit auch damit zu tun, dass es in mehreren Programmpunkten sehr unmittelbar um die protestantische Reformation geht. So etwa bei Susan Karat-Nunns Vortrag zu den Auswirkungen von Luther auf die Rolle der Frau, bei Reinhold Schlotzes Rückblick auf die antisemitischen Äusserungen Luthers und beim Eröffnungsvortrag Bernd Roecks zur Frage, ob die Reformation ein zwingender Vorläufer der Aufklärung war. Mit Vorträgen über wissenschaftliche Reformationen des Denkens und Spekulationen über Reformationen des Denkens, die uns noch bevorstehen, zeigt das Denkfest, dass das Thema «Reformation» ein viel zu wichtiges und interessantes ist, um es EDU-Biblizisten und anderen Polteris zu überlassen.

  • Andreas Kyriacou sagt:

    Ach Gottchen, Reda, Du trollst auf EDU-Niveau. Auch Du warst offenbar schlicht zu faul, Dir das Programm anzusehen, und Dich über die Finanzierung kundig zu machen. 86% der Mittel, die dem Verein 500 Jahre Zürcher Reformation zur Projektunterstützung zur Verfügung stehen, stammen aus säkularen Quellen: vom Lotteriefonds, von der Stadt Zürich und von Zürich Tourismus. Diese Gelder wurden mit den Beiträgen der Reformierten Kirche des Kantons und der Stadt Zürich, welche die restlichen 14% einschiessen, gepoolt. Somit wird auch das Denkfest zu 86% mit weltlichen Mitteln aus diesem Topf mitfinanziert. Das Denkfest kriegt übrigens knappe 6 Promille der Mittel, die dem Verein zur Projektfinanzierung zur Verfügung standen.

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