Zürichs «Harveys»

Die Empörung über Harvey Weinsteins Übergriffe schwappt über die Stadt. Dabei müssen wir gar nicht so weit suchen. Zürich ist voller «Harveys».
Der übliche Harvey lebt nicht in Hollywood, sondern in der Nachbarschaft.

Der übliche Harvey lebt nicht in Hollywood, sondern in deiner Nachbarschaft. (Bild Time.com)

«Pass auf, der kann seine Griffel nicht bei sich behalten», ist wohl eine Warnung, die die meisten Frauen in dieser Stadt schon das eine oder andere Mal gehört haben. Bei der widerlichen Geschichte des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein war die Empörung gross. Aber wir müssen gar nicht so weit suchen. Zürich ist die Stadt der «Harveys».

Da ist zum Beispiel der Typ aus der Kommunikationsbranche, bestens vernetzt – bis hinauf in die Politik – mit zwei Verurteilungen wegen Nötigung und sexueller Gewalt. Oder der Journalist in verantwortungsvoller Position, der seine Macht immer wieder benutzte, um Praktikantinnen nachzustellen. Da ist der ehemalige Unia-Chef, der Mitarbeiterinnen belästigte. Da ist der Kollege, der sich nicht zurückhalten konnte, Kolleginnen immer wieder ungefragt Dickpics (Web-2.0isch für Bilder vom eigenen Penis) zuzuschicken.

Ich könnte ohne Schwierigkeiten noch drei oder vier Beispiele der letzten paar Jahre aus dem Gedächtnis grübeln, und sicher kennt jede Frau so ein Beispiel aus eigener Erfahrung oder aus dem beruflichen oder privaten Umfeld.

Eines haben all diese Typen gemeinsam: Sie werden von ihrem Umfeld gedeckt und geduldet. «Er ist ja sonst ein netter Typ, er hat einfach Probleme mit Grenzen», hab ich mir anhören müssen, als ich das Umfeld des Kommunikationstypen konfrontierte. «Die Mädchen haben sich ja selbst in diese Situation gebracht, man weiss doch, wie er ist», war wohl die übelste Entschuldigung, die abgesondert wurde.

Versteht mich nicht falsch, hier gehts nicht um Typen, die sich unter Alkohol mal daneben benommen haben, oder um Typen, die das Flirten nicht lassen können. Hier gehts um Typen, die in dieser Stadt eine lange Geschichte von Grenzüberschreitungen aufweisen. Und deren Freunde so tun, als ob das eine Art physisches Tourette-Syndrom wär, für das diese Männer nichts können.

Und nicht nur die Männer machen sich zu kumpelhaften Komplizen, auch viele Frauen aus dem Umfeld suchen immer wieder Entschuldigungen – «Er ist halt ein Mann» – und wittern einen Teil der Schuld bei den Opfern. «Sie hats ja herausgefordert», hör ich da von Bekannten, die sonst mit dem Pussyhat auf die S-Bahn warten. Frauen und Männer, die jetzt über Harvey empört sind, dulden ihre eigenen Harveys still oder entschuldigend in ihrem eigenen Umfeld. Ich verstehs nicht.

Natürlich reagieren die Zürcher Harveys gleich wie ihr Hollywood-Bruder, wenn sich jemand mal lautstark wehrt: Sie gehen in Therapie. Genutzt hats in keinem der mir bekannten Fälle. Es gibt Therapien gegen krankhaftes Verhalten. Es gibt keine Therapie dagegen, ein Ar******** zu sein.

Genützt hat in meiner Erfahrung nur klare Konfrontation und die Drohung der Vernichtung der sozialen und beruflichen Existenz bei weiteren Vorfällen. Nur hat ja nicht jeder meine Möglichkeiten.

«Aber was soll man denn tun? Es gibt ja keine Beweise!», hör ich dann. Nun, wenn man eine Geschichte einmal hört, könnte es ein übles Gerücht sein. Wenn sich eine Geschichte aber über Jahre in ähnlicher Weise wiederholt, braucht man keine Beweise, um den Typen zu konfrontieren. Es braucht nur etwas Mut.

Es reicht schon, wenn man sagt: «Sorry, mit dir will ich nichts zu tun haben. Verschwinde aus meinem Umfeld, such dir einen neuen Club, eine andere Bar» oder «Wenn ich sowas nochmals höre, melde ichs dem Chef, gehe an die Medien oder zeige dich an».

Natürlich ist es eindrücklich, wenn jetzt alle Frauen auf ihrem Facebook-Profil den Hashtag #metoo benutzen. Aber es macht nur sichtbar, was wir eigentlich eh schon wussten. Schliesslich kennen wir die Widerlinge.

Jetzt brauchen wir nur noch den Mut, auch im Alltag hinzustehen und «Stopp» zu sagen. Gerade wenn dieser Typ ein Freund und «eigentlich ganz nett» ist. Es geht darum, Prinzipien über Personen zu stellen.