Sicher, aber ohne Arbeit

In seiner Heimat wird ein afghanischer Journalist mit dem Tod bedroht. In der Schweiz ist er sicher. Dafür kann er nichts tun.

Talibankämpfer in Afghanistan: Journalisten, die sie kritisieren, kommen auf eine Todesliste. Bild: Keystone

Vor ein paar Tagen träumte ich von der mazedonischen Grenze. Flüchtlinge waren in Gitterkäfige gepfercht. Müde Männer klammerten sich an die Eisenstäbe und schauten zu uns in die Freiheit. Man hörte Schüsse. Polizisten patrouillierten zwischen den Käfigen. Es hiess, bei einer falschen Bewegung würden sie auf die Flüchtlinge schiessen, vorwiegend auf Frauen und Kinder.

Als ich erwachte, trank ich Tee und ass Zopf mit Butter und Honig. Da kam mir K. in den Sinn. Ein Kollege von der BBC hatte ihn im Flüchtlingslager Idomeni an der mazedonischen Grenze getroffen. K. war aus Afghanistan. Er hatte mehrmals versucht, die Grenze nach Serbien zu überqueren, und war immer zurückgeschickt worden.

Irgendwann muss er es geschafft haben, denn im letzten Winter erhielt ich eine Mail des britischen Kollegen, K. sei jetzt in Luzern. Ob ich mich um ihn kümmern könne. K. habe in Afghanistan als Journalist gearbeitet.

Ein paar Wochen später habe ich K. in Luzern getroffen, bei Filou & Bengel, einem kleinen, coolen Café in der Nähe des Bahnhofs. K. war etwa 25 Jahre alt, sprach anständig Englisch und sah aus, wie Journalisten aussehen. Hornbrille, unauffällig, wach. Er hatte beim Fernsehen gearbeitet, bis ihn die Taliban auf die Todesliste setzten. Er verabschiedete sich von Mutter und Geschwistern und ging in den Iran. Von dort aus brachte ihn ein Lastwagen in die Türkei, über Griechenland gelangte er nach Mazedonien, wo ihn der BBC Reporter getroffen hatte. Via Slowenien und Österreich kam K. in die Schweiz, 5000 Franken habe ihn die Reise gekostet, sagte er.

K. besass ein Smartphone der Marke Samsung, das Gerät war seine Zukunft und seine Vergangenheit, sein Archiv und sein Fenster zur Welt, er sprach via Skype mit seiner Familie und stand in Kontakt mit Reporter ohne Grenzen sowie einer Schweizer Hilfsorganisation für geflüchtete Journalisten. Er wohnte in einer Luzerner Flüchtlings-WG und wartete seit bald einem halben Jahr auf den Entscheid, ob ihn die Asylbehörden aufnehmen oder abschieben.

Die ersten Monate habe er in einer Asylunterkunft in Obwalden verbracht, erzählte K., das sei hart gewesen. Aber K. klagte nicht und hatte ein sympathisches Lächeln. Er war ein Journalist aus einer verlorenen Ecke der Welt, alles, was er wollte, war, seinen Beruf ausüben zu können. Eins war sicher, dass er mehr von Afghanistan verstand als Donald Trump. Es sei absurd, sagte er: In Afghanistan habe er nicht mehr arbeiten können, weil man ihm den Kopf abgeschnitten hätte, wenn er die Wahrheit sagte. In der Schweiz herrsche Meinungsfreiheit, aber man liesse ihn nicht arbeiten, weil er Afghane sei.

Zurück in Zürich, hatte ich herumtelefoniert. Der junge Afghane könnte als Blogger arbeiten, dachte ich; die Schweiz aus der Flüchtlingsperspektive, wenn man sich die Mitgliedschaft in einem Volleyballverein nicht leisten kann: Das würde ich lesen. Eine lokale Internetzeitung interessierte sich für die Idee, aber was aus ihr geworden ist, weiss ich nicht. Ab und zu erhielt ich Nachrichten von K., ich habe nie geantwortet – was hätte ich sagen sollen?

Erwacht aus meinem Traum, schrieb ich K. und fragte ihn, wie es ihm gehe. Es kam keine Antwort.

2 Kommentare zu «Sicher, aber ohne Arbeit»

  • Hans Müller sagt:

    „Er verabschiedete sich von Mutter und Geschwistern und ging in den Iran. Von dort aus brachte ihn ein Lastwagen in die Türkei, über Griechenland gelangte er nach Mazedonien, wo ihn der BBC Reporter getroffen hatte. Via Slowenien und Österreich kam K. in die Schweiz.“ Er ist über fünf (!) sichere Drittstaaten (Iran nicht mitgezählt) in die Schweiz gelangt. Offenbar bedeutet fliehen heute, dass man sich gezielt dorthin aufmacht, wo es einem am genehmsten ist. Hört sich für mich eher nach einem Wunschkonzert als nach echter Not an.

  • Heiner Gautschi sagt:

    Ich verstehe diese Mitleidsschreiben nicht. Sie sind voller Emotionen und ohne überprüfbare Fakten. Der Afghane ist illegal hier und meckert doch: „Die ersten Monate habe er in einer Asylunterkunft in Obwalden verbracht, das sei hart gewesen.“ Und die Geschichte wird immer abstruser: „In Afghanistan habe er nicht mehr arbeiten können, weil man ihm den Kopf abgeschnitten hätte, wenn er die Wahrheit sagte. In der Schweiz herrsche Meinungsfreiheit, aber man liesse ihn nicht arbeiten, weil er Afghane sei.“ Nein: Weil er ein falscher Flüchtling ist und sich nicht im Schengen-Erstland meldete. Das eine hat mit dem andern nichts zu tun. Der Mann hätte ebenso gut in einem sicheren arabischen Drittland bleiben können. Die Schweiz bietet mehr Gratisdienstleistungen.

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