Verschwiegener Missbrauch

Unser Autor kann die Verharmlosung und Schlamperei im Missbrauchsfall Jürg Jegge nicht ertragen. Er erzählt aus seiner eigenen Heimgeschichte.
Wer glaubt schon einem Kid aus einer Institution?

Wer glaubt schon einem Kid aus einer Institution?

«Ich schlag dich tot, wenn du das noch einmal versuchst», waren in etwa meine Worte, als ein Mann in seinen 40ern versuchte, mich in intimer Weise zu berühren. Es war das Jahr 1982 und ich war 13. Die Szene spielte sich im Billard-Raum einer staatlichen Institution für verhaltensauffällige Jugendliche im Raum Bern ab. Eine halbe Stunde später war ich auf der «Kurve», auf der Flucht aus der Institution.

Die Diskussion um den Missbrauch von Jugendlichen und Kindern in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde in den letzten Wochen durch die Fälle Jegge und Polanski wieder in den Fokus gerückt. In den Kommentarspalten und auch in gepflegten Unterhaltungen von Bildungsspiessern und Kulturschaffenden taucht die Verharmlosung, die Rationalisierung so beiläufig auf, dass man sie beinahe für normal hält. Und das in einem zivilisierten Land im 21. Jahrhundert.

Niemand will den Dreck von früher aufwühlen, niemand will genau hinschauen. Oder man meint lakonisch «Das war doch eine andere Zeit. Damals galten andere gesellschaftliche Regeln.» Jep. Das gilt für Sklaverei oder Folter auch. Und jetzt weigert sich im Fall Jegge sogar die Staatsanwaltschaft Zürich, anständig zu ermitteln. Ich kanns einfach nicht fassen.

Es war nicht Jürg Jegge, der sich damals in mein Vertrauen einschleichen und das ausnutzen wollte. Ich wurde auch nicht unter Drogen gesetzt wie beim Fall Polanski. Es war einfach ein Fall, wie er damals in Institutionen nicht so selten vorkam. Mit 13 schaute ich bereits auf eine Heimkarriere und auf Aufenthalte in deren teureren Versionen – Internaten – zurück.

In jedem einzelnen dieser Orte für Kinder und Jugendliche gabs eine Form von Missbrauch. Ob die brutalen Prügelstrafen im katholischen Internat im Kanton Zug, ob psychische Gewalt in anthroposophischen Schulen oder die pädophilen Einzelgänger in zwei der staatlichen Institutionen, als Kind in Institutionen ist man den Erwachsenen hilflos ausgeliefert.

Wenn man mit Ehemaligen aus stationären Einrichtungen und Internaten spricht, kommen von jedem einzelnen solche Geschichten, Gerüchte und traumatischen Erlebnisse. Von jedem. Ob der Lehrer, der mit einer Schülerin schläft, ob gewalttätige Strafen, Psychoterror, es sind die Geschichten von Erwachsenen mit Macht und Charakterfehlern. Es sind die Geschichten von Kindern, die die Erfahrung machten, dass sie sowieso keine Chance haben – egal was sie erzählen und sagen. Und es sind die Geschichten von Erwachsenen von heute.

Der 13-jährige Junge von damals – ich – hatte Glück. Nicht jeder verfügt über ein derart tiefes Misstrauen gegenüber Erwachsenen wie ich damals. Und nicht jedes Kind kann mit einer Billardkugel in der Hand einer Autoritätsperson mit dem Tod drohen. Und das ist verflucht nochmals gut so. Eine Gesellschaft soll ihre Kinder schützen. Die sollten das nicht selbst tun müssen. Und dazu müssen die Mechanismen und Strukturen in jedem einzelnen Fall genau untersucht werden. Es braucht einen gesellschaftlichen Scheinwerfer auf die Institutionen. Egal, ob das den Verantwortlichen von Staat oder Institution gerade genehm ist.

Missbrauch trifft oft die Schwächsten. In Institutionen sind meist Kinder und Jugendliche, die bereits verletzt, verunsichert, traumatisiert und verstört sind. Gerade diese Kids sind anfällig für die geheuchelte Freundschaft eines Jürg Jegge oder für die Autorität einer Vaterfigur. Und meist hatten diese Kids nicht mal den Schutz oder die Unterstützung ihrer Eltern.

Es sind diese Kids, die durch die Aufarbeitung der Vergangenheit geschützt werden. Heute. Jetzt.

Wie gesagt, ich hatte Glück. Nachdem mich die Polizei ein paar Wochen später wieder in die Institution brachte, gabs ein Gespräch mit der Leitung und dem Psychologen. Man gab vor, meiner Schilderung nicht zu glauben. Der beschuldigte Betreuer war krankgeschrieben. Man stellte mich als Lügner hin. Danach hab ich diese Geschichte bis heute niemals und niemandem gegenüber mehr erwähnt.

Komischerweise tauchten meine gewalttätige Drohung oder meine Schilderung des Übergriffversuchs niemals in meinen Akten auf, obwohl sonst jedes verbotene Rauchen einer Zigarette festgehalten wurde. Ich wurde innerhalb kürzester Zeit abgeschoben und kam in ein Lehrlingsheim ohne erwähnenswerte Betreuung. Ich hatte mir meinen Weg nach draussen erzwungen.

Glück gehabt? Mein Vertrauen in Erwachsene mit Macht war schon damals so zerrüttet, dass ich es für angebracht hielt, einem von ihnen mit dem Tod zu drohen. Und das wünsch ich keinem einzigen Kind.

Also, liebe Justizbehörden, Institutionen, Erwachsene: Nehmt einen Stock und grübelt in dem Dreck, bis auch der letzte Fall geklärt ist.

30 Kommentare zu «Verschwiegener Missbrauch»

  • Claude sagt:

    Heime wurden halt weniger als schutz des kindes als vielmehr dem schutz der öffentlichkeit vor dem Kind angesehen. So seh ich das. Als ich ins Heim musste (mit 10) sah ich mich nicht schlimmer als jedes andere Kind, mal etwas ungestüm mal etwas unüberlegt, und meistens verträumt. Im Heim lehrten mich die Mitschüler , dass die Aufsicht der Erwachsenen keine rolle spielt, wenn man kein eigenes Zimmer hat. Heute bin ich 45, das thema schmerzt noch immer. Aber das totschweigen oder das nichtsdavonwissenwollen wird mich wohl bis an mein ende kränken. Ja, die unbeschwertheit , die man der Kindheit zuschreibt, endete da. Aber das leben ging irgendwie weiter.

  • Sarina Schneider sagt:

    Herr El Arbi und diverse Kommentatoren/innen hier gehen leider von einem völlig falschen Verständnis der Aufgabe der Staatsanwaltschaft aus. Diese besteht nicht in der historischen Aufarbeitung schlimmer Handlungen, sondern einzig in der Klärung, ob (noch) justitiable Strafhandlungen gegeben sind. Gelangt sie zur Erkenntnis, dass dies nicht (mehr) der Fall ist, muss sie das Verfahren einstellen und darf nicht einfach weiter Zeugen vorladen. Im Fall Jegge wurden offenbar sämtliche potentiellen Opfer befragt; diverse machten von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch. Unverjährte Taten wurden keine bekannt. Anstelle dieses Staatsanwaltschafts-Bashings wäre die Forderung nach einer historischen Aufarbeitung sinnvoller.

    • Réda El Arbi sagt:

      Naja, niemand aus dem System, in dem Jegge funktionierte, wurde envernommen. Missbrauch ist übrigens ein Offizialdelikt und es auch ohne Opferaussagen zu ermitteln. Sorry, Halbwissen reicht nicht.

  • Beryll sagt:

    Danke , Réda El Arbi für Ihren Bericht und Ihren mutigen Einsatz.
    Selber spreche ich aus bis heute schmerzlicher Erfahrung von Missbrauch durch den eigenen Vater und einer Mutter, die zwar bis heute behauptet nichts mitbekommen zu haben , aber meiner Meinung nach einfach weggeschaut hat. Also selbst in der Familie ist der Schutz der Kinder nicht unbedingt gewährleistet.
    Ignorieren, wegschauen nichts damit zu tun haben wollen ist leider auch heute noch in unserer oft armseligen Gesellschaft eher die beschämende Regel als die Ausnahme. Lieber totschweigen und somit den Opfern noch mehr Leid und das oft lebenslang ,zufügen. Das es für solche Verbrechen überhaupt eine Verjährung gibt ist eine zusätzliche Beleidigung der Opfer .
    Was wir zu wissen bekommen ist nur die Spitze des Eisberg

  • Katrin sagt:

    ….es geht schlicht um Machtmissbrauch und dessen gesellschaftliche Sanktionierung. Bei institutionellem sexuellem Missbrauch ist eine Verjährung ein absoluter Skandal aber es ist durchaus natürlich, dass man sich darauf beruft, um weitere Ermittlungen zu verhindern: sollte da wirklich mal jemand gründlich nachschauen, könnte es sehr schnell für sehr viele Leute der damalige Avantgarde und heutigen Bildungselite peinlich werden. Honi soit qui mal y pense….

  • Katrin sagt:

    ….da sind z.B. die Berufskollegen/Mitstreiter (oft Männer derselben Generation), die wegschauen weil sie ‚die hehre Sache‘ nicht gefährden wollen. Oder die ehrgeizigen Berufsanfängerinnen (oft jüngere Frauen, die z.B. selber vom Problem nicht, oder nur wenig, betroffen sind, etwa weil sie geschützt sind durch einen illustren Familiennamen), die solche Zustände als das zu bezahlende Lehrgeld betrachten und nichts sagen weil es karriereopportun ist. Und schliesslich die vielen Mitarbeitenden, die schon aufgrund ihres niedrigeren sozialen Status befürchten müssen, als Bauernopfer zu enden, wenn sie Missstände anprangern. Alles 1:1 so erlebt wenn auch in einem völlig anderen, strafrechtlich nicht relevanten, Kontext. ….

  • Katrin sagt:

    Ich finde es ist nicht so schwierig sich vorzustellen wie so etwas geschehen kann (sowohl das Verbrechen selber wie auch die schlampige Aufarbeitung). Jegge gehört einer Generation von Weltverbesserern an, die für sich in Anspruch nehmen, sich die Welt zu machen widewidewie sie ihnen gefällt, vermutlich aufgrund des Erfolgs, den ihre Ideen haben. Dahinter steckt natürlich einerseits ein gesamtgesellschaftlicher Konsens, dass solche Männer, zusätzlich zum allgemein gültigen male entitlement, schon aufgrund ihrer Führungsfunktion ein Recht auf erweiterte moralische Grenzen haben, wohl weil sie so viel Verantwortung tragen müssen? Andererseits wird eine solche Straffreiheit bei Grenzverletzungen oft von einem ganzen System an Mitläufern, Helfershelfern und Wegschauerinnen getragen….

  • verena derendinger sagt:

    Es gibt dich,und das zu unserem glück. Du bist die Hoffnung.
    Danke Dir.verena

  • Helmut sagt:

    Ob die Staatsanwaltschaft korrekt gehandelt hat, kann ich nicht beurteilen.
    Mich bewegt eigentlich etwas anderes. Nämlich das, was sich – ausserhalb dieses Blogs – in der Öffentlichkeit, vorab in den Medien, abspielt. Der Knabenschänder Jegge wird in den Boden gestampft, während der Mädchenschänder Polanski bejubelt wird. Dieser doppelte Standard ist doch sehr sonderbar. Degoutant.

  • Daniela sagt:

    Danke für den tollen Beitrag! Ich kann nicht fassen, dass Missbrauch an Kindern weiter so ignoriert und bagatellisiert wird und dass diese schlimmen Verbrechen ungesühnt bleiben.
    Ich habe kürzlich auch Ihren Blog zu Roman Polanski und dem Filmfestival gelesen, den Inhalt kann ich voll unterstützen (mich hat dabei erschüttert, was man teilweise in den Kommentarspalten lesen kann, wieviele Menschen sich mit so einem Täter solidarisieren).
    ps: In der letzten Ausgabe der „NZZ am Sonntag“ prangerte Polanski dann als Opfer stilisiert auf der Titelseite, was für eine Enttäuschung!
    Also nochmal danke für den Beitrag.

  • Nick sagt:

    Was mich (Einzelkind, aufgewachsen in liebevoller Familie fernab von solchen Dingen) mal interessieren würde: wie kann es sein, dass „solche Sachen“ jahrzehntelang (!!) unter den Teppich gekehrt werden konnten? Ich denke da z.B. an die berüchtigte Odenwaldschule in DE. Da waren Kids aus teilweise sehr gut gestellten Familien dabei. Die hatte garantiert Zugang zur Justiz und wussten sich zu wehren. Und trotzdem ging es ewig lang bis es aufflog. Ich stelle mir vor, dass zumindest ein paar Kinder die Eltern informieren oder meinetwegen den grossen Bruder, der sich dann mit ein paar Kollegen einen solchen Lehrer vornimmt. Also, wie ist sowas möglich?

    • Julia sagt:

      Weil für viele Menschen, damals noch viel mehr als heute, der Grundsatz galt: Es KANN NICHT sein, was nicht sein darf. Die Taten werden kollektiv verdrängt, oft auch vom Opfer, das sich nur so schützen kann. So ist es zumindest mir ergangen, als ich bei einer befreundeten Familie in den Ferien war. Der Vater drohte die ganze Zeit mit Schlägen (keine Ahnung warum), die Mutter verschwand wortlos in der Küche, wenn sie es mitbekam. Ich habe mich so geschützt, wie es mir als Kind damals möglich war, ich habe mich versteckt und er war zu faul zum suchen. Die Familie hatte auch noch 2 Söhne, der eine hat mich sexuell missbraucht. Da war niemand, der mir geholfen hätte. Jahre später sind die Erinnerungen teilweise zurückgekommen. Jetzt weiss ich wenigstens, woher meine Panikattacken kommen.

  • Mina Peter sagt:

    Dieser mangelnde Schutz der Schwächsten, der Kinder, manchmal auch Frauen. Und dann dieses enttäuschende Resultat. Verjährung hätte rückwirkend abgeschafft werden müssen.

  • Esther-Mirjam de Boer sagt:

    Das Schweizer Fernsehen zeigt schonungslos direkt, wie „das System Jegge“ damals funktionieren konnte. u.a. ehemalige Kollegen, die noch heute wenig Selbstkritik zeigen und die Menschen, die daran kaputtgegangen sind:
    http://www.srf.ch/play/tv/dok/video/das-system-jegge—missbrauch-im-schatten-der-reformpaedagogik?id=c2d18b8e-4951-44f0-9150-6d100fc77f25&station=69e8ac16-4327-4af4-b873-fd5cd6e895a7
    Wo gibt es diese Systeme heute noch? In Abhängigkeitsverhältnissen, in denen Mächtigere ihre Schützlinge missbrauchen. Psychisch und physisch. Wir müssen die aktuellen Fälle aufdecken und stoppen, auch bei Erwachsenen.

  • Jens Otterbach sagt:

    Die Staatsanwalt HAT doch ermittelt. 6 Monate lang. Und hat alle potentiellen Opfer, bei denen mögliche Taten nicht verjährt wären, befragt. Warum nur schreibt ein Journalist trotzdem solchen Blödsinn? Auch wenn er als Jugendlicher selber betroffen war: entweder kommt ihm beim Fall Jegge, völlig verständlicher Weise, die Galle wieder hoch, dann soll er das schreiben aber lassen, oder er kann als Profi mit seinen Gefühle so umgehen, dass er trotzdem noch Fakten zur Kenntnis nehmen kann. Geschichtsaufklärung ist nun mal nicht Sache der Justiz, sondern der Politik.

    • Réda El Arbi sagt:

      Die Staatsanwaltsschaft hat keinen einzigen der Kollegen von Jegge in seiner Institution einvernommen. Sie haben keine weiteren Ermittlungen im Umfeld angestellt, obwohl ein Anfangsverdacht klar gegeben war. Sie haben einen Aufruf an die Opfer gemacht. Das wars dann.

      Missbrauch in Institutionen wird oft von einem ganzen System gedeckt, wie in den von mir erlebten oder verfolgten Fällen.

      Und bitte erzählen Sie mir nicht, über was ich schreiben kann oder nicht. Wenns Ihnen nicht passt, verlassen Sie den Blog und bringen Ihren Sh*** woanders unter. Sie waren schon bei den Verteidigern von Polanski.

      • Marianne Weissberg sagt:

        Dass die Verjährung in solchen Fällen anwendbar ist, ist unglaublich!

      • Peter Stutz sagt:

        Damit wären wir bei einem interessanten und noch weitgehend unbearbeiteten Thema:
        Weshalb werden mit grösster Regelmässigkeit die Opfer zu Tätern gemacht?
        Weshalb schützt das Umfeld reflexartig die Täter und verhöhnt oder bedroht die Opfer?
        Weshalb werden Frauen reflexartig als Täterinnen ausgeschlossen?
        Warum setzen sich Institutionen, Sozialarbeiter und Psychologinnen so inbrünstig für die Heiligsprechung der Täter und für die Kranksprechung der Opfer ein?
        In diesem Bereich sind auch heute noch die Angst, die persönliche Traumatisierung, die Täteridentifikation, die Feigheit und der Sadismus ganzer Generationen von Fachleuten im sozialen Bereich der Grund, weshalb der körperliche, psychische und sexuelle Missbrauch weiter gefördert wird. Geändert hat sich wenig bis nichts.

        • Carolina sagt:

          Auf diese (völlig berechtigte) Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Frauen in Frauenhäusern mit schlimmsten Verletzungen decken weiterhin den prügelnden Mann; Männer leben jahrzehntelang mit Frauen, die sie aufs übelste ausnutzen und missbrauchen; Kinder vertrauen sich niemandem an, erdulden weiterhin schlimmste Umstände etc. etc.
          Es hat viel mit mangelndem Selbstwertgefühl zu tun (das einem, wie der Fall Jegge zeigt, auch eingeredet werden kann); damit, dass gerade Kinder und Jugendliche irgendeine Sicherheit (und sei sie auch noch so trügerisch und manchmal brutal) keiner vorziehen. Wenn Menschen nie in ihren Leben eine Form von bedingungsloser Liebe/Zuneigung erfahren haben, sind sie viel eher gefährdet, sich ausnutzen und missbrauchen zu lassen.

          • Carolina sagt:

            Ich sehe gerade, dass ich diesen Post falsch gesetzt habe – er sollte der Versuch einer Antwort auf Nick (gestern 09.35) sein. Sorry!

    • Sandra Kaas sagt:

      Soviel ich weiss, hat die Staatsanwaltschaft schon von Anfang an Fehler gemacht bei dieser Untersuchung: Das Haus von Jegge wurde nicht sofort als Ermittlungsort bezeichnet, sondern erst einige Tage später, nachdem Jegge genug Zeit gehabt hatte, allfällige Beweise verschwinden zu lassen und wenn das Opfer Zangger, als Kläger in dieser Sache, Mittäter und Mitwisser in diesem Tatbestand genannt hat, die als Zeugen hätten befragt werden sollen, dann hätte die Staatsanwaltschaft auch seriös ermitteln und Zeugenbefragungen machen müssen, um den Tatbestand ermitteln zu können. Dies ist ein erneuter Schlag ins Gesicht des Opfers, das sich nach Jahren traut an die Öffentlichkeit zu gehen u. den Rechtsstaat gegen den Täter anruft und dann wieder, wie als Junge, vom Staat im Stich gelassen wird.

    • Daniel sagt:

      Die von Jegge missbrauchten Jungen waren durchwegs intelligente junge Männer, sonst hätten sie später nicht als Lehrer und Betreuer für ihn arbeiten können. Das Verbrechen bestand darin, dass Jegge mit einem vorgeschobenen IQ-Test jene Jungen in seine Klasse abzweigen konnte, für die er sich interessierte. Der Umstand aber, dass Sonderpädagogen Kinder abklären und auch gleich betreuen dürfen, ist noch heute verbreitet. Man müsste sehr viel genauer hinschauen, wenn Fachpersonen sich so selber begünstigen, auch wenn das Motiv vielleicht nicht sexueller sondern nur finanzieller Natur sein sollte. Viele der Betreuer des Märtplatzes sind ehemalige Opfer. Sie denken, sie seinen Jegge etwas schuldig. In Wahrheit hatte er sie um ihr Leben betrogen, indem er sie als Sonderschüler stigmatisierte.

    • Carolina sagt:

      Otterbach: Schauen Sie sich den Link an, den Esther-Mirjam de Boer gesetzt hat; informieren Sie sich über das System Odenwaldschule. Und wenn Sie dann noch den Botschafter (hier: Reda) angreifen, sollten Sie sich in Grund und Boden schämen.

  • geezer sagt:

    es ist wirklich unglaublich, was in diesem bereich alles verschwiegen, kleingeredet und verdeckt wird. ich habe kürzlich dokumentationen zu den fällen ‚Jimmy Savile‘ und der ‚Rochdale Sex Trafficking Gang‘ im uk gesehen. man glaubt nicht, welche abgründe sich in diesen (und unzähligen weiteren) fällen auftun. aufgrund des immensen psychischen schadens, der in solchen fällen angerichtet wurde und wird, sollte m. e. auch keine verjährung möglich sein.

    • Carolina sagt:

      Man muss nicht nach England schauen, in unserem eigenen Land spielt sich genügend Widerliches ab! Ob Verdingkind, Missbrauch innerhalb der Kirchen, Sportverbände, Familien und Heime (die ja eigentlich, wie Reda richtig sagt, einen Schutzraum für ein Kind darstellen sollten) – wir müssen alle vor der eigenen Türe kehren! Vor allem müssen wir aufhören, wegzuschauen, zu relativieren und – siehe Polanski – elitäre Ausnahmen zuzulassen. Missbrauch ist Missbrauch ist Missbrauch – immer! Es ist für meine Begriffe schon eine Zumutung und ein Schlag ins Gesicht, dass es in diesen Fällen eine legale Verjährung gibt.
      Und an diejenigen, die gern mal die Opfer zu Tätern machen (siehe wieder den Polanski-Blog): Sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, Mittäter zu sein.

      • Maggy sagt:

        Danke Carolina! „Alle vor der eigenen Türe kehren“ ist das Rezept. Was tust du, wenn ein Vater sein nackt krabbelndes Baby von hinten zwischen die Beine fotografiert? Am besten holst du Rat von Fachleuten. Wenn geschiedene Kleinkinder bei jedem Papabesuch als Erstes mit dem in die Badewanne müssen? Du holst Rat beim Fachtherapeut, beim Sozialamt oder beim Kinderschutz. Das betrifft alles, was unter dem eigenen Dach passiert. Für Kinder, die extern untergebracht sind, braucht es externe Vertrauenspersonen. Für die Institutionen braucht es Kontrollinstanzen. Und für Kindesmissbrauch darf es keine Verjährung geben, weil Kinder, denen so etwas passiert, nicht anders können, als es ganz tief zu vergraben um weiter leben zu können. Auch nach Jahrzehnten muss aufgeklärt werden.

        • Peter sagt:

          „Vor allem müssen wir aufhören, wegzuschauen, zu relativieren und – siehe Polanski – elitäre Ausnahmen zuzulassen“

          Das ist DER Satz!

          Und der Artikel von Reda gegen das Vergessen!

          @Reda
          Bitte weitermachen.

  • Désirée Irène sagt:

    du sprichst mir voll aus dem Herzen.
    Ist mir ähnlich ergangen, nicht in einem Heim oder zu Hause, sondern von einem Typen den ich zwar nicht gekannt habe, der ES getan hat.
    Keiner hat mir geglaubt und ich musste mein leben lang selber damit auskommen. Mit den Jahren konnte ich ES verdrängen aber letztes Jahr ist ES wieder hochgekommen und nun geistert ES wieder in meinem Kopf.
    Der Typ hat es sicher vergessen oder ist bereits unter der Erde, ich werde nun versuchen ES wieder zu vergessen, da ich ES nicht weiter mit mir tragen will.

    • Tobias Meyer sagt:

      Ich wünsche Ihnen alles Gute, liebe Désirée. Und ich hoffe, sie finden jemanden, mit dem sie darüber sprechen können. Denn Sie sind sicherlich nicht alleine mit Ihrer Erfahrung. Herzlich, T.

      • rialo sagt:

        DU bist stark,mutig,schön und so vieles mehr.. ES ist feige,erbärmlich,falsch.. du bist also auf der richtigen seite. und du bist stärker. alles gute.

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