Ach, du arme Stadt Zürich

Was für eine Arroganz doch einige Personen gegenüber der Agglo an den Tag legen.

Die Stadt wird Mainstream: Fahnen weisen im Arboretum auf das korrekte Grillverhalten hin. Bild: Stadt Zürich

Ich bin wütend. Und da neigt man zu verbalen Entgleisungen. Daher bitte ich ich schon im Voraus um Entschuldigung. Allerdings müsste sich zuerst jene Person entschuldigen, die sich in der «SonntagsZeitung» folgendermassen geäussert hat:

«Wir haben gelitten wie die Hunde. In Glattbrugg hatte es keine anständigen Beizen zum Lunchen, und das Gefühl, dort zur Arbeit zu gehen, war nichts Gutes.»

Der Artikel drehte sich um Firmen, die einst in die Agglo zogen, weil dort die Büros billiger waren, und nun zurück in die Stadt gehen, weil es da so viel «cooler» ist. Der Chef eines Unternehmens in Kreuzlingen will hoch qualifizierte Softwareentwickler anlocken, indem er eine Dependance in der Stadt Zürich eröffnet, denn:

«Am Mittag wollen sie in die hippen Restaurants gehen, und ihre Ehefrauen möchten eben nicht in Kreuzlingen zum Friseur.»

Abgesehen davon, dass sich die Hauptstrasse in Kreuzlingen vor einem Vergleich mit der Zürcher Limmatstrasse nicht scheuen muss… was für eine oberflächliche und geringschätzige Einstellung haben diese Personen von dem Leben in der Agglo?

Welche Arroganz und Ignoranz! Wer in Glattbrugg lebt, ist laut ihnen gewissermassen vor die Hunde gegangen. Und hip sind nur Restaurants in der Stadt Zürich – aber dort offenbar alle. Dass in Kreuzlingen eines der ersten veganen Restaurants des Landes eröffnet worden war, ist ihnen entgangen. Kommt dazu: Was soll der Spruch mit den Ehefrauen, deren Lebensinhalt anscheinend der Coiffeurbesuch ist? Das ist Agglomenschenund frauenverachtend.

Gemach, versuche ich mich zu beruhigen: So sieht uns offenbar die Aussenwelt. Das ist eben die Agglo in den Augen der anderen. Und beim Abregen überkommt mich unvermittelt ein tiefes Mitleid: mit der Stadt Zürich. Denn die Menschen, die so denken und leben wollen, bevölkern ja eben die Stadt, sitzen in den Restaurants – und ihre Ehefrauen in den Coiffeursalons. Sie treiben die Preise hoch und vertreiben die nicht ganz so hippen Menschen in die Agglo. Die Stadt wird Mainstream und opfert dafür das, was sie eigenartig, einzigartig gemacht hat.

So weit gedieh mein Text bis Sonntagabend, wütend aus dem Bauch heraus geschrieben. Am Montagmorgen stand in meinem Leibblatt folgender Titel: «Zürich droht die Seele zu verlieren.» Und dort steht in klar verständlichen, ganz und gar reflektierten Worten des Stadtforschers und Soziologieprofessors Christian Schmid das, was mein Bauch meinem Kopf hätte diktieren sollen:

«Es ist mittlerweile offensichtlich, dass sich die Langstrasse stark verändert hat und viele soziale und kulturelle Räume verloren gehen. (…) Die Veränderung der Stadt geht aber weit über die Langstrasse hinaus. Die ganze Innenstadt ist zu einem privilegierten Ort geworden. Zürich läuft insofern Gefahr, seine Seele zu verlieren.»

 

Und was sagen die Zürcherinnen und Zürcher über die Seele der Stadt?

14 Kommentare zu «Ach, du arme Stadt Zürich»

  • Rolf Hefti sagt:

    Lustig wär schon, den ganzen Kanton Zürich, in eine grosszügige Metropole, einzugemeinden. – Den Kantonzüristadt. Politisch würde wieder frisch vermischt und wär nicht mehr getrennt nach Arroganz etc. Immerhin, sogar die jetzige Region Züri bewegt sich. Mein Bruder lebt in Bern, dort jammerte jeder wegen einer neu zu bauenden Tramlinie, obwohl der aktuelle Bus seit bald ewig, – voll ausgelastet ist. Man hat dann später tatsächlich Nein zu dieser Tramlinie gesagt = NULL FORTSCHRITT ! War neulich im Zoo Züri – alles traumhaft – ab wann darf man mit dem Gondeli von Dübendorf aus – dort hochschweben? Es bitzli schnäller wär au für Züri schön ! Mit grossem Stadtkanton könnte gut -alles was die heutigen Kernzürcher nicht mehr wollen – ins davon erfreute Umland ausgelagert werden – zB Fussball !

  • geezer sagt:

    für mich als vom land zugezogener stadtbewohner bedeutet agglo vorstädte rund um eine grössere stadt. ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen, was an der agglo toll sein soll. im dorf auf dem lande habe ich vielleicht ein haus, einigermassen ruhe, und ich bin sofort in der natur. zudem kenne ich meinen nachbarn und kann beim bauern direkt lebensmittel kaufen, falls ich möchte. in der stadt habe ich sämtliche läden, dienstleister und restaurants gleich um die ecke. dasselbe beim kulturellen angebot und dem öv. das alles bietet mir die agglo nicht oder nur in sehr beschränktem masse. daher kann ich mich echt nicht für sie erwärmen….

  • Hans Hemmi sagt:

    Das mit der verloren gehenden Seele ist aber so eine Sache;“ Mein Großvater war „Grosshandwerker“ und lebte samt Betrieb in einem großen, wunderschönen Bürgerhaus im Seefeld. Das Haus war nach meiner Wahrnehmung in etwa so wie die meisten seiner Nachbarn. Untersuchungen zeigen, die sogenannte Seefeldisierung ist nur ein Prozess dorthin zurück wo das Quartier sich einst befand,zum Wohlstand!. Sowie alle Städte nie das Zuhause der Unterschichten, sondern der Wohlhabenden waren! Zünfte, wie heute Gewerkschaften, waren hauptsächlich dazu da die fleißigen Ausserstädter fernzuhalten. Den wenigen denen der Sprung gelang wurden im wahrsten Sinn des Wortes mit Brandschutzvorschriften Steine in den Weg gelegt. Nur verelendete Städte und Quartiere sind billig. Zum Leid der Sozis.

  • André Rey sagt:

    Die Stadt Zürich leidet bestimmt immer noch unter den Drogen, den Medien der unterhaltungssektor. Die Langstrasse leidet unter den vielen wechseln der Geschäfte. Den vielen Veranstaltungen,das den Bewohnern oft zu viel ist,belästigungen auf den strassen usw!
    Die Schweiz sollte den Komerz in Zürich und Genf verbieten,wie viel verträgt die Wirtschaft ?
    mit livestrim,dem Radio, Face Bock beträgen ?
    Finde es selbst furchtbar,was findet Ihr ?

  • Hugo Horber sagt:

    Diese Diskussionen sind einfach armselig und bünzlig. Von beiden Seiten. In der sogenannten *Gross“-Stadt so wie ausserhalb gibt es doch keinen wirklichen Unterschied. Hatte jahrelang Schwiegereltern beim Lochergut. Ich finde das so schade. Jammern auf Weltniveau. Es kommt mir vor in der Diskussion zum Artikel von Soukoup über die Ostschweiz Die sind rückständig, weil sie konservativ sein sollen und wirtschaftlich rückständig. Dabei ist die Ostschweiz mit die am schnellste wachsende Wirtschaftsregion. Linksbashing, SVPbashing ist unsinnig. Get a life

  • Felix halter sagt:

    Wenigstens gehen sie zum coiffeur, würde der autorin auch gut tun. Ausserdem hätte sie dort eine stunde musse und könnte ihre wirren gedanken etwas ordnen. Probieren sie’s doch. Täte gut.

  • Raphael Studer sagt:

    Stamme selber aus dem nahen Osten (Thurgau), arbeite seit einigen Jahren in Zürich und wohne inzwischen in einer schönen Seegemeinde an der rechten Küste. Alles ausserhalb der Stadt Zürich als Agglo zu bezeichnen, fand ich jedoch schon immer irritierend. Der Begriff ist klar negativ behaftet und kaum jemand stellt sich darunter eine eigenständige Gemeinde mit Wohnraum, Arbeitsplätzen, Einkaufsmöglichkeiten und einem kleinen Kulturangebot vor. Auch wenn Zürich natürlich das wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Zentrum des Universums ist, gibt es ausserhalb noch Orte, die nicht als Agglo bezeichnet werden sollten, sondern einfach nur als authentische und unabhängige Gemeinde im Speckgürtel einer Stadt. Im Falle von Kreuzlingen übrigens Konstanz, nicht Zürich.

  • Gabriel sagt:

    oh, dort gibt es eines der ersten vegetarischen Restaurants – wunderbar!
    Ich hatte übrigens als Kind ein Degu als Haustier, noch bevor der Zoo Zürich diese Viecher hielt. Welche Arroganz und Ignoranz vom Zoo! Ich schreibe hier übrigens etwas, weil ich Journalist bin und einfach etwas schreiben muss…

  • Peter Zürcher sagt:

    „Arroganz“? Bittte schön. Aber gleich noch „Ignoranz“? Klar nein! Schliesslich dreht es sich ja um „Firmen, die einst in die Agglo zogen […] und nun zurück in die Stadt gehen“. Diese Firmen und ihre Mitarbeiter handeln nicht aus Ignoranz, schliesslich haben sie die Agglo jahrelang erlebt, sondern fanden einfach schlecht, was sie dort vorgefunden haben. Dass sie, Frau Arnet, einen anderen Geschmack haben, sei ihnen zugestanden, aber das entwertet nicht das Urteil anderer.
    Ich als Städter, muss mir von Landbewohnern auch dauernd anhören, dass ich in einem unpersönlichen Moloch aus Kaninchenställen lebe, umgeben von Verbrechen, Drogen und bösen Multikultisachen, aber ganz ehrlich, da stehe ich drüber, lächle still und schreibe nicht extra Artikel dazu.

  • tina sagt:

    es ist wie in besagtem artikel. was bleibt denn noch von der langstrasse? es ist immer und immer wieder so. zuerst ist es ein arbeiterviertel, dann wird es ein heruntergekommenes arbeiterviertel, die arbeiter ziehen weg. in den übrigbleibenden, nicht schönen häusern ziehen künstler weil die häuser günstig sind und das viertel unbeliebt. weil die künstler kamen, zieht es publikum an, clubs gehen auf. noch mehr publikum. dann werden die häuser renoviert. es ziehen wohlhabende ein, beschweren sich über den lärm. die künstler ziehen ab. das viertel wird zum museum

    • tigercat sagt:

      Und dazu kommt noch der absolut verheerende Einfluss der Quartiervereine. Mit ihrem unermüdlichen Kampf gegen alles, was stören könnte, sind sie vor allem schuld daran, dass aus „verruchten“ Quartieren In Quartiere werden. Wenn man ihnen nicht Einhalt gebietet, werden sie die Stadt Zürich wieder in die 60er Jahre zurückbeamen.

  • tina sagt:

    es ist ja nicht so, dass ganz züri so denkt wie irgendein zeitungsjournalist schreibt.
    ausserdem sind sie doch froh, dass die leute in züri bleiben, solche leute wollen doch weder die glattbrugger noch die kreuzlinger und eben, wir zürcher auch nicht ;-). aber wir haben sie am hals

  • Christoph B. sagt:

    Die Seele der Stadt Zürich existiert. Sie ist weltoffen und bunt, aber auch zwinglianisch und streng. Dieser Mix gefällt mir seit vielen Jahren prima. Als Stadtbewohner schmunzle ich tatsächlich immer wieder über die Agglos: Kaum wird zB. ein Parkplatz aufgehoben, schreien sie Zetermordio und drohen hilflos, dass sie nicht mehr in der Stadt Zürich einkaufen werden etc. Lustigerweise kommen sie dann aber trotzdem immer wieder…

  • Menschenkenner sagt:

    Als Stadtzürcher erlebe ich im Prinzip genau das Gegenteil hoch 3 auf dem Land (Säuliamt). Es ist schon sehr bedrückend wie sehr die Toleranz und das Verständnis untereinander (Einheimische) auseinander geht. Vom kopflosen Hass gegenüber Ausländern mal ganz abgesehen. Was kann da noch helfen?

Kommentar

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