Eine Glacegeschichte (11)

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um Paranoia und Lockstoffe, um Lissabon und Originale – in erster Linie aber um Konter auf Augenhöhe.

Am Limmatplatz gibt es bisweilen nützliche Verschwörungstheoretiker-Infos. (Bild: Keystone)

«Wenn du keine Paranoia hast, heisst das noch lange nicht, dass sie dich nicht verfolgen.» Das ist erstens natürlich richtig und zweitens durchaus wichtig, gerade in einer Zeit, in der Verschwörungstheorien wieder salonfähig sind. Drittens ist es aber vor allem jener Satz, den mir kürzlich ungefragt einer dieser Wirrköpfe mit auf den Heimweg gab, die man häufig (und für mein Empfinden zu wohlwollend) als «Originale» charakterisiert, und die sich gerne da aufhalten, wo sie auch ohne eigenes Zutun ein Publikum finden, sprich an fett frequentierten Knotenpunkten wie Bellevue, Central oder Stauffacher.

Mir ist es am Limmatplatz passiert, aber es hätte mich ebenso in verkehrstechnischer Magerkost (also an peripheren Kleinstationen wie Neubühl oder Zielweg) oder sogar mitten auf dem herbstlich verwaisten Saffa-Inseli erwischen können. Weil ich offenbar etwas ausströme oder -strahle – einen perfiden Lockstoff, eine pittoreske Aura oder weiss der Gugger –, das solche Zwischenfälle irritierend oft anzieht.

Ich kann, wie vor drei Wochen geschehen, spätabends mit Dutzenden anderen Allerweltsmenschen trinkend vor einer Bar in Lissabon stehen – und der Einzige, dem von einer zwielichtigen Gestalt mit Robert-Davi-mässig vernarbter Fratze (und schlicht atemberaubender Knoblauchausdünstung; meu deus, diesbezüglich haben die da unten im südlichen Süden aber definitiv die wahre Ware!) Haschisch oder Kokain zum Kauf angeboten wird, der bin ich (übrigens, so glaub ich, ohne jedoch die aktuelle Marktlage zu kennen, zu ganz anständigen Preisen).

Ich kann, wie vor zehn Tagen eingetroffen, am helllichten Nachmittag mit Dutzenden anderen Silver Surfern plus einer Mutter mit Dreikäsehoch im 72er-Bus gen Wollishofen pendeln – und der Einzige, dem der kleine Rotblondschopf «Du Gaggi» an den Kopf wirft, der bin ich. (Als er das tat, war ich froh, dass er nicht Rolf hiess – seine Latte-macchiato-Mama schalt ihn mit: «Aso nei, Rouven, das seit me nöd zu fremde Manne» – und dass ich kein angeblich narzisstischer Walliser bin, und dass wir uns im ÖV und nicht im Fussballstadion befanden, ansonsten hätte ich dem Lümmel womöglich instinktiv den Hintern versohlt.)

Dazu unser Expertentipp in Form des probaten Gegenmittels: Man muss die «Angreifer» verbal übertrumpfen, ihnen also auf Augenhöhe klarmachen, dass man noch viel durchgeknallter ist, als sie es sind (oder gern wären).

Beim zitierten Paranoia-Spezialisten hätte beispielsweise ein Konter mit Samuel L. Jacksons abgewandeltem Hesekiel-25,17-Zitat aus «Pulp Fiction» gut gepasst: «Und ich sag dir, Kumpel: Der Pfad der Gerechten ist auf beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet sei der, der im Namen der Barmherzigkeit…»; spätestens an dieser Stelle wär er wohl verstört weggerannt. Dem Lausbub indes hätte man entgegnen können: «Und du bisch en Bisi-Fur…»… ja, sorry, Sie haben völlig recht: Das ist jetzt sogar für unser burleskes Gebrauchsanleitungsniveau ein bisschen peinlich.

Jedenfalls: Schön, Sie sind wieder da, ich hoffe, Sie hatten eine gute Zeit! Nächste Woche, in Teil 12, gehts dann um die portugiesische (brrrr!) und die piemontesische (mmmh!) Glacekultur.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.