«Du Schlampe, du Bitch»

Was würde wohl durch den Kopf einer männlichen Melanie Winiger rauschen, wenn man mit einer leeren 1000-Franken-Flasche durchs noble Zürichberg-Quartier geht?

Fundstück: Eine Weinflasche «Château Cheval Blanc 1990». (Foto: Beni Frenkel)

Ich habe bei der Haltestelle Kirche Fluntern eine Weinflasche gefunden. Auf dem Etikett stand «Château Cheval Blanc 1990». Leider hat jemand die Flasche schon getrunken. Voll kostet die Cheval Blanc über 1000 Franken. Ich hielt die Flasche unter meine Nase und zog den Cheval-Blanc-Duft ein. Nussig, herb, Muskat und leicht ranzig. Was jetzt? So eine Flasche kann man nicht einfach stehen lassen. Ich verstaute sie in meiner Tasche. Dann dachte ich: Warum so schüchtern? Das ist eine 1000-Franken-Flasche. Ich nahm sie wieder hervor und hielt den Flaschenhals cool zwischen Mittel- und Zeigefinger.

Da es Sonntag war, sah ich damit sehr gut aus. Die Menschen lächelten mich an und nickten mir wohlgesinnt zu. Schade, dass niemand sein Handy auf mich richtete und den Film auf Youtube stellte.

Als Kind war ich übrigens ein sehr guter Schauspieler. Da ich aber nicht so hübsch war, bin ich leider kein Star geworden. Viele Frauen, die zur Miss Schweiz erkoren werden, machen später eine grosse Karriere als Schauspielerin. Von ihnen habe ich gelernt: Du musst deine Rolle richtig fest verinnerlichen. Ich habe mich also gefragt: Warum gehe ich mit einer leeren 1000-Franken-Flasche durch das noble Zürichberg-Quartier? Was würde jetzt durch den Kopf einer männlichen Melanie Winiger rauschen?

Ich schloss die Augen und versuchte mich zu konzentrieren. Ich stehe hier auf der Strasse, weil ich gerade Schluss mit Stress gemacht habe. Er hat mich erwischt, wie ich einen anderen Rapper vernaschte. Stress schrie: «Du Schlampe, du Bitch!» Ich warf ihm zwei Gläser nach. Oder ist das etwas zu klischeehaft? Ich warf ihm drei Teller nach. Der vierte traf ihn endlich. Stress liegt am Boden. Ich beuge mich über ihn. Mein Négligé ist offen. Ich frage: «Darling, ist alles okay?»

Nichts ist okay. Stress hustet und spuckt. Natürlich alles Ketchup. Er richtet sich auf und sackt gleich wieder zusammen. Ich habe ihn dumm am Hals getroffen. Was sind seine letzten Worte? Die müssen speziell sein. Die Kamera zoomt auf ihn. Im Hintergrund traurige Musik. Stress will reden. Aber so viel Ketchup fliesst aus seinem Mund, man versteht gar nichts. Ich beuge mich zu ihm. Die Kamera macht einen kurzen Schwenker auf meine schönen Brüste, dann wieder zu Stress. Er sagt: «Je t’ai toujours aimée.» Dann fliesst ein Riesenschwall Ketchup aus seinem Mund.

Jetzt die Cheval-Blanc-Szene. Wie machen wir einen schönen Übergang, der auch ein bisschen logisch ist? Ich werfe mich auf den Boden und beginne hysterisch zu schreien, so wie wir das an der Schauspielschule von Lee Strasberg gelernt haben. Im Arm halte ich den toten Kopf von Stress. Dann werde ich nachdenklich und suche nach etwas Alkoholischem. Das Négligé habe ich ausgezogen. Aus der Minibar werfe ich alle Flaschen auf den Boden. Nur eine nicht. Eben diese 1000-Franken-Flasche. Den Korken beisse ich ab. Und dann gluck-gluck-gluck.

In der nächsten Szene stehe ich vor der Kirche Fluntern. Ich werfe die leere Flasche in den Glascontainer. Im Hintergrund fröhliche Musik. Das Signet von «Swiss Recycling» erscheint. Abspann!

1 Kommentar zu ««Du Schlampe, du Bitch»»

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    „Was würde jetzt durch den Kopf einer männlichen Melanie Winiger rauschen?“ – na luft halt. 🙂 und he, herr frenkel – ich hoffe, sie kommen zu geld. gepaart mit fehlendem stil wären sie dann eine wahre zierde des kapitalismus und hätten zugang zum inneren zirkel der fdp. würg. äh ja.

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