Wir Kinder von der Bahnhofstrasse

Zwar erwachsen, aber noch grün hinter den Ohren kämpften sie für ihr altes Schulhaus – und sind heute noch stolz.
Bild: Wikimedia/DidiWeidmann

 

Buchs ZH ist eine Agglogemeinde im Furttal. Es hat 6275 Einwohner, 24,3 Prozent von ihnen mit ausländischem Pass. Buchs hat eine Kirche, einen Waldrand, ein Gemeindehaus mit Skulptur, dazu Wohnblocks, Gewerbe, eine Umfahrungsstrasse und ein paar alte Dorfbrunnen. Das ist weder aussergewöhnlich noch aufregend. Doch für mich ist Buchs mehr als nullachtfünfzehn, denn hier bin ich aufgewachsen.

Vor 45 Jahren war Buchs noch keine Agglogemeinde, sondern ein Bauernkaff: knapp 1000 Einwohner, fast keine Ausländer und gar keine Umfahrungsstrasse. Neben dem Riegelhaus von Hans Schlatter gab es eine Schmitte, in der die Ackergäule beschlagen wurden, und wer in die Stadt fahren wollte, musste in Oerlikon umsteigen.

Das Einzige, was damals die weite Welt ankündigte, waren die Coronados, die im Tiefflug übers Dorf donnerten und schwarze Kerosinstreifen am Himmel hinterliessen. In Buchs ärgerte sich darüber kaum jemand, im Gegenteil. Es gab Buben, die sassen an ihren freien Nachmittagen mit dem Feldstecher am Fenster und hofften im Cockpit den Piloten zu erkennen. Wer in jener Zeit in Buchs aufgewachsen ist, ist kein Agglo-Bewohner, er ist ein Landei.

Bild: Screenshot/Gemeinde Buchs

Das Landei, das mittlerweile schon seit über 20 Jahren mitten in Zürich arbeitet, klickt sich auf der Gemeindehomepage von Buchs durchs Fotoalbum und wird nostalgisch. Da ist zum Beispiel ein vergilbtes Bild eines stattlichen Hauses, das handschriftlich mit «neues Schulhaus» angeschrieben ist. Es muss vor den Weltkriegen entstanden sein, denn zu unserer Zeit war es bereits das alte Schulhaus. Die Schulzimmer standen leer, nur im zweiten Stock wohnte noch Fräulein Wolff, die strenge Lehrerin.

Das alte Schulhaus war bei den Kindern an der Bahnhofstrasse beliebt. Hinter dem Haus, bei den Kletterstangen, gab es angeblich Haifischzähne, nach denen man im Sand stundenlang wühlen konnte. Neben dem Schulhaus war eine grosse Wiese, auf der die Kinder an langen Frühlingsabenden mit Federballschlägern Jagd auf Maikäfer machten. Die Tierchen steckten sie in Ovo-Büchsen, und bevor die Kinder nach Hause mussten, schütteten sie die Käfer zusammen aus und schauten zu, wie sie davonsurrten. Vor dem Schulhaus standen zwei grosse Lindenbäume, die sich besteigen liessen und die im Sommer wunderbar nach Lindentee dufteten. Auch bei den Grösseren kam das Schulhaus gut an. Es gab zum Beispiel beim Kellerabgang eine Nische, in der man ungestört Ernte 23 rauchen konnte, die man im Lädeli bei Frau Vonkänel gekauft hatte.

Später wollte der Gemeinderat das Schulhaus abreissen und die Linden fällen. Doch das tat den Kindern von der Bahnhofstrasse, die unterdessen zwar erwachsen, aber noch grün hinter den Ohren waren, in der Seele weh. Sie sammelten Unterschriften und gingen an die Gemeindeversammlung. Und die liess sich tatsächlich von den nostalgischen Gefühlen erweichen und verwarf die Abrisspläne.

Heute steht das alte Schulhaus direkt an der Umfahrungsstrasse. Aber es steht noch. Und das Landei aus der TA-Redaktion denkt stolz: «Dieses Haus haben wir Kinder von der Bahnhofstrasse in Buchs hinterlassen.»

2 Kommentare zu «Wir Kinder von der Bahnhofstrasse»

  • Maiko Laugun sagt:

    Der Titel des Beitrages erinnert mich an das Buch namens *Wir Kinder vom Bahnhof-Zoo*. Falls bewusst so gewählt, dann scheint mir dies deplatziert.

    • Junisäure sagt:

      Ihr Beitrag erinnert mich an übertriebene politische Korrektheit und ersonnene Zusammenhänge. Falls dem so ist, dann scheint mir dies deplatziert.

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