Wo wir stehen

Ich werde nie verstehen, wie das funktioniert, dass die Perspektive alles ändert.

Eine Frage der Perspektive: Plötzlich verändert sich die gesamte Ansicht. Bild: Urs Jaudas

Als ich auf den Bus wartete, fuhr vor unseren Augen ein Elektrovelo vorbei. Wir hatten es schon von weitem kommen hören. Der Radfahrer, ein junger Mann, hatte laut gesungen, gegen das Gedröhn des Morgenverkehrs angesungen, er war ganz in sich gekehrt, man hörte ihn noch, lange nachdem er vorbeigefahren war. Er schien aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Kultur. In Afrika singen die Leute auf dem Velo, wenn sie einsam über die Feldwege balancieren.

Die Wartenden an der Busstation hatten den Sänger gar nicht mitbekommen. Die meisten hörten ihre Lieder im Kopfhörer. Leute, die am Morgen auf der Strasse singen, sind eher selten bei uns, in unserer Zivilisation. Wenn man ernsthaft singen will, trifft man sich nach der Arbeit, Chöre gibt es in Zürich ja genug.

Immerhin, vor ein paar Tagen hörte ich auf einer Dachterrasse im Niederdorf die melancholischen Klänge eines Alphorns. Wir waren eingeladen, schicke, moderne Wohnung am Limmatquai. Es war ein milder Abend, man konnte in alle Himmelsrichtungen sehen, die Predigerkirche, den Hirschenplatz, das Oberdorf mit den aufeinandergeschachtelten Häusern, die in einer arabischen Stadt stehen könnten. Drüben in der Freimaurerloge auf dem Lindenhof blinkte es mysteriös, mal rot, mal blau. Und aus der Häuserzeile über der Schipfe drang das warme Licht der Wohnungen.

Fenster standen offen, beim Hotel Storchen sassen Leute unter den Lauben. Der Anblick hatte etwas Bilderbuchartiges und gleichzeitig Geheimnisvolles. Es war, als schaute man mit den Augen der oberen Zehntausend; wer hier wohnt, ist angekommen im Zirkel der Vermögenden, der Alteingesessenen: Das also ist ihr Zürich. Es wirkt kompakt, stilvoll, heimelig.

Unterwegs zur Einladung war mir die Altstadt langweilig vorgekommen, biederes Gemäuer, gepflästerte Strassen, kein Leben, die Touristen taten mir leid. Was gibt es denn hier zu sehen? Die braven Cafés, die Zunfthäuser? Doch jetzt, von oben, schien Zürich überraschender, als es von unten aussah. Auf den umliegenden Dachterrassen waren Menschen, man sah in fremde Wohnungen.

Seltsamerweise wirkte Zürich trotz der Kleinstadthaftigkeit urban, mit dem Wirrwarr aus dem Mittelalter, über die Jahrhunderte in die Höhe gewachsen. Man spürte: Die Stadt hat eine Geschichte. Eine Geschichte, die seltsamerweise erst mit dem Blick von oben real zu werden schien.

Ich werde nie verstehen, wie das funktioniert, dass die Perspektive alles ändert. Dass unsere Wahrnehmung der Welt davon bestimmt wird, wo wir stehen. Aber so ist es nun einmal, und ich kann nur staunen. Steht man zum Beispiel im zehnten Stock einer Wohnung in der Europaallee und schaut über die Stadt, verändert sich die Perspektive total. Die Altstadt wirkt dann wie ein Spielzeugdorf, ein Wurmfortsatz der Vergangenheit ohne Einfluss auf die Dynamik der Stadt.

Real hingegen ist die halb fertig gebaute Allee mit ihrem grossen Massstab. Real sind die Hochhäuser Richtung Hardplatz und Limmattal, real ist der Velofahrer auf der schnurgeraden Ausfallstrasse in Züri-West, der gegen den Verkehr ansingt.

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