Quo vadis, Nachtleben?

Dem derzeit prägenden Langstrasse-Kulturumfeld blüht dasselbe wie seinerzeit jenem im in Zürich West.
Die Langstrasse wird in Richtung Einkaufszentrum gentrifziert. Und die Clubs?

Die Langstrasse wird in Richtung Einkaufszentrum gentrifziert. Und die Clubs? Bild: Keystone

Die Gentrifizierung an der Langstrasse hat Fahrt aufgenommen. Die Mietpreise sind in die Höhe geschossen und verlassen mit grossen Schritten den bezahlbaren Bereich für Kulturschaffende mit schmalem Budget. Immer mehr zahlkräftige Exponenten des Unterhaltungs- und Dienstleistungssektors entdecken die quirligste Ecke Zürichs für sich und auch die SBB Immobilien mischen kräftig mit: Ihnen gehört das Gebäude in dem sich das neue Kulturhaus Kosmos befindet. Bindella wiederum ist bei der Bank am Helvetiaplatz eingestiegen, Hiltl hat an der Langstrasse ein Restaurant eröffnet und dort wo das Regina war, steht ein neues Hotel kurz vor der Fertigstellung.

In den kommenden Jahren werden etliche der jetzt an der Langstrasse aktiven Nachtleben-Betriebe der Gentrifizierung zum Opfer fallen. Dem derzeit prägenden Langstrasse-Kulturumfeld blüht dasselbe wie seinerzeit dem in Zürich West, das es vor ein paar Jahren abgelöst hat: Bis auf die Clubs in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Hardbrücke wie dem Hive, dem Supermarket, dem Helsinki und der Härterei sind alle untergegangen und die Lokale an der Geroldstrasse mussten sich bereits gegen eine drohende Plattmachung stemmen.

Von den Betrieben in der Gegend der neuen ZHdK existiert nur noch der Club Q und der hat mit dem ursprünglichen Q um DJ Gogo nichts mehr zu tun. Die Clubs Dachkantine, Rohstofflager und Tonimolkerei sind längst verschwunden.

Auch wenn‘s noch einige Jahre dauert bis dem Langstrasse-Nachtleben die Luft ausgeht: Wo geht’s hin? Die Stadtkreise jenseits des Milchbucks kommen nicht in Frage. Zwar gab es mal eine Zeit in der dort bekannte Clubs wie das Oxa, der Sensor oder das zweite Rohfstofflager Gäste empfangen haben, aber deren Erfolg wurzelte auch in der Ermangelung innerstädtischer Alternativen für Nachtaktive.

Eine Renaissance ist auch für das Niederdorf nicht zu erwarten: In den engen Gassen hört man jeden Laut und der dortige Quartierverein hat das Nachtleben zum public enemy no. 1 gekürt. Auch das Seefeld und der Kreis 2 sind grösstenteils ungeeignet, da man hier nichts in einem Gebäude eröffnen könnte, das nicht in unmittelbarer Hörweite zu dutzenden Anwohnern liegt. Gleiches gilt für Höngg und den Zürichberg. Im Kreis 1 zwischen Limmat und Talstrasse sind die Mietpreise zu hoch und durch die Strassen weht der Geruch der Banken: Gift für die Subkultur. Ein Anwärter auf den Posten von Zürichs neuer Partymeile ist die Binz in Wiedikon. Dort gibt es noch Platz und gar alte Industriegebäude. Mit dem Binz und Kunz gibt es dort bereits auch einen erfolgreichen Gastrobetrieb mit einer gewissen Szeneaffinität. Andererseits steckt noch vielen der Trubel um die polizeiliche Räumung der besetzten Fabrikshallen der Color Metal AG in den Knochen (Binz bleibt!). Altstetten wiederum ist nicht wirklich attraktiv da wohl vielen zu weit draussen, aber vielleicht sollte man Wipkingen in den Fokus rücken? Dort wird sich in den nächsten Jahren viel Infrastrukturielles tun, Stichwort Rosengartenstrasse. Es wäre vielleicht an der Zeit, sich in diesem für viele noch unbekannten Stadtviertel etwas umzusehen.

Schlussendlich kann man jedoch nur spekulieren wie sich das Zürcher Nachtleben in den kommenden Jahren entwickelt. Sicher sind zwei Dinge. Erstens: Solange es Leute gibt die gerne ausgehen wird es Macher geben die ihnen das Gewünschte bieten. Zweitens: Die Hoffnung, dass die Stadtverwaltung versucht die Gentrifizierung an der Langstrasse zu bremsen ist tunlichst klein zu halten. Sie hat wohl keine Lust dort für immer und ewig als Vermittlerin zwischen zwischen Nachtgastronomie und Anwohnerschaft zu fungieren.

20 Kommentare zu «Quo vadis, Nachtleben?»

  • Jean-Martin sagt:

    Kuuler Artikel – danke. Macht einfach ein bisschen Angst wenn ich Züri West heute so anschaue 🙁

  • Jean-Martin Fierz sagt:

    Gut geschrieben, gut analysiert. Macht einem aber fast ein bisschen Angst. Danke trotzdem.

  • David Neuhaus sagt:

    Wie wärs mit einem Hipster-Club in Hunzenschwil oder Muhen? Einfach irgendwo im Aargau, dort kommen ja die Möchtegern-Coolen her. Bezeichnend ist, dass die Frage der Zukunft des Nachtlebens hier diskutiert wird. Diese Zukunft gibt es bereits, aber das wissen halt nur Eingeweihte. Wenn es dann in zwei Jahren alle wissen und hip finden und dort verkehren wollen, dann ist es nicht mehr hip. Das kreative Nachtleben gehört halt den Krestiven, bis es dann unausweichlich zur Massenbewegung wird. Und: Die Aargauer kommen immer zwei Jahre zu spät.

    • geezer sagt:

      jaja….die ‚kreativen‘ gäll! immer ein bitzeli cooler, als der rest der welt. immer ein bitzeli dem zeitgeist voraus, immer ein bitzeli elitär und wahnsinnig stolz darauf…..typisch bünzlimässig einfältig, aber dafür umso selbstbewusster…..zum glück bleibt ihr unter euch!

  • Töbler sagt:

    Altstetten würde ich nicht unbedingt ausschliessen. Die Badenerstrasse ist im Umbruch und hat den nötigen Charme. Es sind auch bereits ein paar wenige Lokale im Bereich Kunst, Gastro und Clubbing dort angesiedelt. Gerade zwischen Letzigrund und Bahnhof wird vieles passieren (zB. SBB-Werkstätte). Alte und teils ungenutzte Industriegebäude sind noch einige vorhanden. Durch die Bahnhöfe Hardbrücke und Altstetten ist das Quartier nicht so schlecht erschlossen, und wenn dann noch die Limmattalbahn kommt…aber vielleicht darf man bis dahin froh sein, dass es vielen als „zu weit draussen“ scheint 😉

  • David sagt:

    Ein guter Club wird die Leute anziehen, egal wo er steht. Da dürfen es auch mal ein paar Stationen mit der S-Bahn sein. Nicht zu vergessen, viele Clubgänger reisen sowieso von ausserhalb an. Die wird das nicht gross kümmern.
    Als Vergleich: Sisyphos in Berlin. Liegt wirklich weit ab des Zentrums und läuft trotzdem wie geschmiert.
    Auf irgendwelche zufällige Laufkundschaft sollte ein gut gemachter Club eh nicht angewiesen sein.
    Wäre für die Betreiber auch die Chance, weniger Geld an irgendwelche Immobilienkönige auszuschütten und mehr in die Musik (System, Bookings etc.) zu investieren.

  • Kain Schimmer sagt:

    Wipkingen? Dort hätte schon längst eine Ausgangsszene entstehen können, ist aber nicht geschehen. Wieso sollte das plötzlich ändern? Es ist eben ein Wohngebiet und Gentrifizierung gibt es dort auch, man muss sich nur mal die Situation um den Bahnhof Wipkingen anschauen. Die Pläne am Rosengarten werden das höchstens verstärken. Wiedikon ist auch zu sehr ein Arbeits- und Schlafquartier. Mit Bars, aber kaum Clubs. Am meisten Potenzial sehe ich in Altstetten. Praktisch für die Aargauer, die sowieso die grösste Gruppe stellen. Bezahlbare Mieten (Studis, Secondos), Parkplätze, eine immer bessere ÖV-Anbindung (AG). Clubbing wird aber sowieso abnehmen: Zu teuer, unnötig (Dating-Apps), outfashioned.

  • Felix Huwiler sagt:

    @geezer. Was meinst Du mit dem nächsten „Hammer“ ??

  • Antonio sagt:

    Finger weg von der Binz!Wir arbeiten und leben in frieden dort und brauchen keine Gentrifizierungs Hipster sch….e.

  • Billy sagt:

    Und das, obschon ich in Oerlikon in den letzten 12 Monaten ein erhöhtes Aufkommen an Hipstern und Kulturprojekten bemerke…

  • geezer sagt:

    ich schätze die situation ähnlich ein. wobei ich in wiedikon noch eher chancen sehe, als in wipkingen. der nächste ‚hammer‘ steht wohl an der geroldstrasse an. ich bin gespannt, wie lange es noch gehen wird, bis dort alles flachgemacht wird…..

    • Alex Flach sagt:

      Wird wohl noch eine Weile gehen. Die Stadt hat ja die Parzelle auf der das Hive steht in der Hoffnung gekauft, ihr würde auch das restliche Land zwischen Viadudkt und Hardbrücke verkauft. Das war aber nicht der Fall. Und nur mit der Hive-Parzelle alleine kann sie nicht wirklich was anfangen. Zudem hat die Stadtverwaltung wohl auch eingesehen, wie wichtig das Geroldareal für das Viertel ist: Stell Dir mal vor es wäre weg… dann hättest Du da draussen wirklich nur noch eine Glasbetonwüste.

Kommentar

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