Vegetarische Leichenfledderei

Hiltl hat die Leiche des Perla ausgegraben, grell geschminkt, mit Vegi-Food ausgestopft und lässt sie jetzt an den Fäden seines Unternehmens tanzen.
Anbiederung der peinlichsten Art.

Anbiederung der peinlichsten Art.

Man hätte Rolf Hiltl eine weitere – gefühlt tausendste – vegetarische Filiale seiner Foodkette an der Langstrasse wohl verziehen. Das Perla Mode war bereits tot, und niemand hätte einen Unterschied zwischen einem McDonalds oder einer anderen Gastrokette an seiner Stelle bemerkt.

Man hätte ihm wohl auch die leicht sexistische Werbung mit den Melonen vergeben (siehe Bild oben), kann der alternde Herr doch nichts für seinen Pennälerhumor. Aber die Benennung in «Perle» und die Gestaltung des neuen Mainstream-Hipsterspuntens  war einen Zacken zuviel. Hiltl hat sich gerade zur Hassfigur der Szene im Vieri und Foifi gemacht.

Das Sterben des Perla hatte die Zürcher Kulturszene geschmerzt. Man leistete Trauerarbeit, hat sich die Essenz des Arbeitens und Lebens in diesem Biotop erhalten und auf neue Orte und Projekte verteilt. Man war darüber hinweg.

Und dann kommt der Rolf, nennt seinen neuen Club am gleichen Ort – im neuen Vorzeige-Gentrifzierungsbau – «Perle» und  stellt wie Trophäen eines erlegten Tieres stolz dieselben Graffiti aus, die am alten Gebäude prangten. Hiltl hat die Leiche des Perla ausgegraben, grell geschminkt, mit Vegi-Food ausgestopft und lässt sie jetzt an den Fäden seines Unternehmens tanzen.

Hiltl sieht kein Fehlverhalten oder fehlendes Feingefühl. Das alles habe natürlich nichts mit dem alten Perla zu tun. Eine Perle sei etwas Schillerndes und Weibliches, sein Club ziehe viele Frauen an, erklärt er gegenüber dem Tages-Anzeiger. Es sei höchstens eine «Reminiszenz» an eine vergangene Zeit.

Echt jetzt? Nicht nur, dass der Name und die geklauten Graffiti billigste, schleimigste Anbiederung an die Szene ist, die Erklärung zeigt, dass der Rolf seine Nachbarn und die Quartierbewohner für völlige Vollidioten hält. Wie sonst könnte er glauben, dass sie ihm den Quatsch abnehmen?

Natürlich machte er es nicht besser, als er versuchte, mit viel Geld Szene-Bands und alternative Künstler und DJs für die Eröffnung zu kaufen. Ich persönlich hab ja auch meine Mühe mit der Szene (ich halte DJs, Künstler, Autoren, Musiker und solche Leute für schwierig), aber ganz sicher sind sie bei aller Exzentrik selten käuflich. Sie haben abgesagt.

Aber was kümmerts den Hiltl? Seine Kundschaft kommt nicht aus dem Quartier. Anvisiert ist die Laufkundschaft, die im bald zum Supermarkt umgestalteten Quartier konsumiert und dann vielleicht noch etwas Geld im Kosmos liegen lässt, bevor sie die Quadratmeile wieder verlässt.

Man kann sich damit abfinden, dass das Quartier ausgehöhlt wird und stirbt. Aber man muss sich nicht auch noch verhöhnen lassen.

11 Kommentare zu «Vegetarische Leichenfledderei»

  • Ari sagt:

    Nun, etwas pseudokreative Dekoration von Vorgängern zu integrieren ist kaum was neues und habe ich schon öfters gesehen in der Vergangenheit und in Zürich. Viel Wind um Nichts. Einfach nur ein Luxus-Zwist zwischen Szenische und Geschäft. Denn das betreibt Hiltel, und dass doch recht erfolgreich. Dafür, dass Hiltel, auch für Randständige gesundes Essen spendiert, spreche ich Ihm meine Achtung aus. Ein guter Geschäftssinn, der noch eine Soziale Seite integriert find ich i.O. Hille wird zu Unrecht attackiert. Doch der Werbeeffekt dadurch, ist Ihm sicher.
    Dies von einem“Kreativen“, der in Altstetten arbeitet, weil er die Mieten im Zentrum nicht zahlen könnte.

  • Beni sagt:

    War das Perla-Mode denn nicht selbst ein Symbol der Gentrifizierung? Die Arbeiter und Nutten als ursprüngliche Bewohner des Quartiers gehörten jedenfalls kaum zur Zielgruppe; eher die Szeni-Hipster, die genauso dem Mittelstand angehören wie die Gäste im Hiltl. In den USA bezeichnet man die Pionierfunktion der Kunstschuppen bei der Gentrifizierung bekanntlich als „Artwashing“.

    • Réda El Arbi sagt:

      „Art washing“ bezeichnet so Buden wie das Kosmos. Aufwändig renoviert und aufgepäppelt oder Neubau für Mittelstands-Kulturhipster. Die Zwischennutzung eines Abrissgebäudes zählt da eher nicht dazu. Bitte richtig recherchieren. Vegi-Restaurants gelten da neben Hipster-Cafes übrigens als Anzeichen der für Normalos zerstörten Gebiete.

      • Beni sagt:

        Gentrifizierung ist doch nicht auf Neubauten beschränkt; es handelt sich nicht um ein architektonisches, sondern um ein sozioökonomisches Phänomen. Der entscheidende Faktor ist, dass sich das Angebot in einem Quartier, von den Miet- und Restaurantpreisen bis hin zum kulturellen Angebot, an ein anderes Publikum richtet als an die ursprünglichen Bewohner und so die Bevölkerung mit der Zeit „ausgetauscht“ wird. Und es ist doch so, dass sich das Perla-Mode, trotz Zwischennutzung in einem Altbau, nicht an die ursprünglichen Arbeiter im Quartier richtete, sondern an mittelständische Hipster und Kunststudenten. Der Unterschied zum Zielpublikum des Kosmos liegt höchstens noch in der…

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    also ich bin ja alles andere als ein vegan(er) fan. -> blutiges steak mit einer flasche jack – yeah baby!
    herr el arbi. ich sehe hier das problem wirklich nicht. nur weil der neue name dem alten gleicht, wollen sie hiltl abstrafen? ist das – angesichts auch der stetigen (unschönen…) veränderungen in und von züri – nicht ein wenig übertrieben? also ich finde schon.

    • geezer sagt:

      mir ist’s total egal. der typ scheint erfolgreich zu geschäften und hat seine vegiszene-kunden. was soll’s? ich war einmal – vor vielen, vielen monden schon – in einem hiltl-schuppen und habe für ein paar gramm gemüse ein heidengeld bezahlt. seither habe ich keinen fuss mehr über eine hiltl-schwelle gesetzt und gebe meinen stutz viel lieber in anderen lokalen aus (vorzugsweise in solchen, die tote tiere servieren).

  • Alain de Bottom sagt:

    Ich finde es jedoch toll, dass das Hiltl auch an die Langstrasse kommt.
    Mimimi, ich kann das Gejammer der „Künstler“ und „Szenis“ nicht mehr hören. Diese sind nämlich kein Stück besser, genau so Teil der vielbeschumpfenen Gentrifizierung und letztendlich auch erst seit ein paar Jahren an der Langstrasse. Warum sind sie denn nicht in Altstetten, Schwammendingen oder Dietlikon? Dort haben sie den gesuchten „Arbeitermilieu“-Stallgeruch noch. Aber, nein, das ist hald dann doch nicht so cool.

    • Réda El Arbi sagt:

      Nun ja, das alte Quartier ist tot, das neue wird ein Einkaufsszentrum für Mittelstands-Mainstream-Hipster. Schon ok.

      Aber man muss nicht noch die Leute verhöhnen, die da ein Stück Lebenskultur verlieren.

      PS: ALtstetten und Oerlikon sind gerade sehr interessante Plätze, was Kunst und Kultur abseits der Art Basel-Groupies angeht.

      • Alain de Bottom sagt:

        Naja, Réda, ich kann wenigstens dazu stehen. Aber aus einem Atelier an der Europaallee gegen Veränderung wettern, finde ich irgendwie billig.
        Die Stadt und mit ihr die auch die Langstrasse verändert sich. Wer dies nicht einsehen kann und will, ist in meinen Augen kein Stück besser als die Vergangenheitsnostalgiker der Sünnelipartei, welche ja gerade von den Leuten aus den Kreisen 3&4 als ewiggestrige verhöhnt werden.

        • Réda El Arbi sagt:

          Nu ja, steigende Mieten, keine Nischen mehr, alles auf Konsum ausgerichtet – das ist schon das Sterben. Wie gesagt, dagegen kann man nichts tun. Man muss es aber nicht auch noch geil finden.

          Mich kotzt die Ausverkauf-Mentalität an. Mit einer Glaubwürdigkeit eine Che-Guevarra-Tshirts aus dem H&M.

          Ein Starbucks oder McDonalds wär nicht so widerlich.

          • Alain de Bottom sagt:

            Naja, welche Läden genau an die Langstrasse kommt, darüber lässt sich sicher diskutieren. Aber, dass Künstler u.ä. die ja auch erst seit sagen wir der Jahrtausendwende an der Langstrasse zu Hause sind, sich beschweren, dass sich das Quartier verändert, finde ich irgendwie genau so zynisch. Vorher war es laut, schmutzig, … und etwa genau so attraktiv wie die jetzigen Agglo-Vorort-Gemeinden von Zürich. Die vorherigen Bewohner des Kreis 4 hat auch niemand gefragt, ob sie eine Gallerie oder einen CLub in der Nachbarschaft wollen. Und dass sich die „Szenies“ wirklich um die alteingessenen Bewohner sorgen, ist doch bloss vorgeschoben!

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