So machen Sie sich unbeliebt

Respektive: So erleben Sie Ihre Stadt neu.

Überholen Sie doch mal einen Rennvelofahrer mit dem E-Bike, wenn die Regenfront naht. Bild: Urs Jaudas

Heute gibt diese Kolumne gleich zwei Anleitungen, die das Leben in der Stadt wenn nicht erleichtern, dann doch verständlicher machen. Zwei in einem, zwei zum Preis von einem, ein Schnäppchen!

Es geht erstens darum, den Ärger anderer auf sich zu ziehen. Es geht zweitens darum, die Stadt neu zu erleben. Verknüpft werden die Themen mit dem Elektrovelo – ähnlich wie die Punkte A und B mit E-Bikes verbunden werden, hängen der böse Blick (in der Stadt) und der frische Blick (auf die Stadt) mit dem batteriegetriebenen Gefährt zusammen.

Der Städter, urban und aufgeschlossen und zeitgeistig sowieso, der shared – und fährt als Folge davon ziemlich locker mit dem geliehenen Transportrad durch die City. Er cruist herum, im Max-Power-Modus bewältigt er sogar die steilen Hügel, etwa hoch zum Dolder oder zum Zoo, flott. Zentral auch hier: das Smartphone. Damit reserviert der Städter sein Leihrad, und darauf checkt er, ob er auf seiner Ausfahrt verregnet werden wird.

Der Städter hat sich heute vorgenommen, Richtung Zollikerberg zu pedalen. Er reserviert sich via App ein Müller + Riese beim Blumenladen um die Ecke und radelt los. Das Motörchen summt, das Bübchen in der Transportwanne kreischt vor Vergnügen.

Flott geht es über die Quaibrücke. Das Teil ist gross, aber erstaunlich wendig. Der Plan, der Seepromenade entlang Richtung Zollikon zu cruisen, erweist sich als schwierig. Es hat dort an diesem Samstag ordentlich Fussvolk. Also weicht der Städter auf den Utoquai aus.

Hier macht sich das erste Mal der positive Effekt bemerkbar, dass der Städter aus seinem gewohnten Tramp ausgebrochen ist. Wussten Sie, dass vom See her permanent ein leichtes Windchen Richtung Utoquai zieht? Und dass dieses verrät, dass die breite Hecke, die die Stadt plattmachen will, ein beliebtes Pissoir ist? Da sehen (also riechen) Sie mal!

Die Fahrt geht flott weiter durch die Quartierstrassen hoch Richtung Balgrist. Der Himmel zog sich irgendwann zu, ohne dass es der Städter bemerkt hätte (da schaut man einmal eine Weile nicht auf das Smartphone …). Bei der Schulthess-Klinik muss er mit seinem Rad kurz unterstehen. Zeit, den Regenradar zu prüfen und den Ladestand der Velobatterie (es bleiben 4 von 6 Strichli, trotz Turbounterstützung).

Der Regenradar zeigt: In fünf Minuten öffnet sich ein regenfreies Zeitfenster von 15 Minuten, Google Maps sagt 18 Minuten Fahrzeit ohne elektrische Unterstützung. Als los.

Auf der Forchstrasse quält sich ein Radfahrer in profimässiger Kluft und tief über den Lenker gebeugt mit dem Renner den Berg hoch. Der Städter dagegen sieht leger aus, sitzt aufrecht auf dem Komfortsattel, schliesst auf – und überholt bei der nächstbesten Gelegenheit.

Der Radrennfahrer saugt sich an, bleibt im Windschatten – muss aber bald aufgeben und abreissen lassen. Er wird Zollikerberg im Regen erreichen. Und er wird den Städter für seine Unverschämtheit verfluchen. Fast so, wie Mountainbiker am Uetliberg Jogger und Briskwalker verfluchen, die sie im Aufstieg überholen.

3 Kommentare zu «So machen Sie sich unbeliebt»

  • Helvetia sagt:

    Mein E-Bike ist auch mein Alltagsgerät, wenn sich damit Rennradler angepisst fühlen, ist das deren Problem. Ich mache mein Ding und sie ihres…
    Allerdings mag ich ungefragtes Windschattenfahren gar nicht; gibt auch viele Alltagsradler, die irgendwie das Gefühl haben, sich bei mir anzusaugen, vorallem wenn es steiler wird. Was, wenn ich plötzlich mal bremsen muss? Ich kann nicht für den hinter mir auch noch schauen, aber wegen dem Rückspiegel sehe ich den ständig. Wenn Rennradler sich gegenseitig Windschatten spenden, ist das was anderes, die sind das gewohnt und auch dafür trainiert, ich fühle mich dann eher verfolgt. Abstand wäre auch hier Anstand…

  • Maurus von Planda sagt:

    Aufsatznote: 3-3.5

  • Yves sagt:

    Der Unterschied vom E-Bike Fahrer und Rennradnutzer ist, dass er E-Biker sein Bike als Fortbewegungsmittel nutzt (also zumindest mache ich das so) und der Rennfahrer als Trainingsgerät. Der Neid auf die lockere Bergauffahrt ist bei vielen Rennradnutzer sehr gross.

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