Die beste Armee der Welt

Am Knabenschiessen kommen die Erinnerungen: Pamir auf, liegen, atmen, schiessen. Guter Soldat.

Antreten! Soldaten der Schweizer Armee. (Foto: Urs Jaudas)

Wenn Knabenschiessen ist, tauchen bei mir Erinnerungen an die RS auf. Ich bin nämlich ehemaliger Nachrichtensoldat. Rekrutenschule Romont, dann fünf Jahre Mannschaftsreserve, am Ende zwei WK in Sempach, später fünf WK in Hinwil. Melde mich zum Dienst. Die Obligatorischen habe ich im Albisgüetli geschossen. Pamir auf, liegen, atmen, schiessen.

Ich war ein sehr guter Soldat. Ich wäre fast Gefreiter geworden. Dem Sohn erzähle ich immer, Gefreiter komme gleich nach dem General. Leider fand während meiner Aktivzeit kein Krieg mit Schweizer Beteiligung statt. Ich gehe noch heute davon aus, dass wir ihn gewonnen hätten. Es wäre mir eine Ehre gewesen, die Schweiz zu verteidigen. Wir Nachrichtensoldaten hatten schon damals die verdammte Vaterlandspflicht, Symbole auf eine laminierte Umgebungskarte zu malen.

Hunderte Male haben wir das in den WK für den Ernstfall geprobt: Ringring, das Telefon. Soldat Frenkel! Jawohl, verstanden. Ich wiederhole: zwei feindliche Panzer in Oerlikon. Verstanden! Schnell zücke ich meine Militärschablone und zeichne zwei Panzersymbole irgendwo in Oerlikon hin. Das Militär hat mich mit zwei Faserstiften ausgerüstet: blau und rot. Ich weiss nie, ob Rot Gegner bedeutet oder Freund. Darum tausche ich die Farben immer ab.

Ringring, das Telefon. Soldat Frenkel! Jawohl, verstanden. Ich wiederhole: zwei feindliche Panzer nicht in Oerlikon gesichtet, sondern in Wallisellen. Verstanden! Ich schraube den Deckel des Alkoholfläschchens auf, nehme einen Armeelappen und tunke ihn in den Alkohol. Im Bunker beginnt es zu müffeln. Egal, es herrscht Probekrieg. Ich wische die beiden Panzer in Oerlikon weg und zeichne stattdessen zwei in Wallisellen. Dort wohnt ein guter Freund von mir. Wäre jetzt wirklich Krieg, würde ich ihn anrufen: Marcel, verschwinde aus Wallisellen.

Dann passiert lange nichts. Ein gutes Zeichen für unsere Truppen. Die beste Armee der Welt zerschlägt jeden Feind! Neuer Befehl: Mittagessen, verstanden! Am Nachmittag wieder im Bunker. Neue Nachricht von der Kriegsfront: Die beiden Panzer haben sich in Luft aufgelöst. Dafür drei Radpanzer in Winterberg entdeckt. Mist. Wo ist Winterberg auf der Karte? Wie sieht das Symbol für die Radpanzer aus?

Ich improvisiere. Ein Offizier kommt. Ich zucke hoch. «Wo ist der Funker?», werde ich angebrüllt. «Funker?» – «Ja, Sie Trottel, wo ist der Funker?» – «Keine Ahnung.» – «Zeigen Sie mir die Karte, Sie Geige.» Ich zeige ihm die Karte und erkläre den bisherigen Kriegsverlauf. Winterberg hatte ich vorhin nicht gefunden, darum stehen die Radpanzer in Winterthur. Ich atme auf. Denn: Der Offizier hat keine Ahnung, was ich hier mache. «Wenn der Funker kommt, melden! Verstanden?» – «Verstanden!»

Mir fällt auf, dass ich zwar im Kommandobunker sitze, aber das ganz alleine. Beim Mittagessen habe ich viele Soldaten in der Beiz gesehen. Die Zeit verstreicht nur zäh. Kein Anruf. Ich spiele Tetris auf dem alten Nokia-Handy und nachher Snake. Aus der Schublade krame ich einen alten «Blick» hervor.

Endlich sechs Uhr. Ich rolle die Karte zusammen und stecke die Kabel aus. Krieg gewonnen.

1 Kommentar zu «Die beste Armee der Welt»

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    „zwei feindliche panzer in örlikon.“ -> das sagt leider alles aus über unseren miliz-sauhaufen. es bleibt zu hoffen, dass wir von der aktuellen arm-ee niee verteidigt werden müssen. ehrlich. eine berufsarmee muss her.
    und he – herr frenkel – auch wenns der ueli nicht gern hört – die beste armee der welt ist definitiv die israelische.

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