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Ü40 – wo die Alten tanzen

Alex Flach am Montag den 11. September 2017
Ü40-Partys sind schlechter als ihr Ruf.

Ü40-Partys sind schlechter als ihr Ruf.

Die Angst der einen ist das Adrenalin der anderen. Die oft beeindruckenden Umsätze von Horrorfilmen lassen den Schluss zu, dass viele unter uns wandeln, die sich zwar gerne an der Furcht laben, sich dafür aber nur ungern selbst in Gefahr begeben.

Erstaunlich, dass diese Gänsehäuter das Feld der Ü40-Partys noch nicht für sich entdeckt haben, denn dort hängt der Geruch ihrer Begehr dicker in der Luft als jener von Parfüm im Eingangsbereich des Jelmoli. Zumindest jener der zur Familie der Ängste gehörenden Untergattung Torschlusspanik.

Hier werden die Cougars tatsächlich zu Pumas: Ein Bekannter hat mir vor ein paar Tagen gestanden, dass er gerne mal eine solche Ü40-Party besuche weil ihm da die Musik gefalle. Er achte aber stets darauf, dass die anwesenden Raubkatzen seinen Ehering schon von weitem sehen, in der Hoffnung sie werden ihn dann nicht mit einem Beutetier verwechseln. Mein Bekannter ist nicht verheiratet.

An solchen Partys kommen keineswegs nur Gassenhauer aus den 70er, 80er oder 90er Jahren auf die Pattenteller. Wer eine reine 80er- oder 90er-Party besucht – in der Hoffnung dort auf Mitfeiernde mit 60er- oder 70er-Jahrgang zu treffen – wird staunen, wie viele Mittzwanziger da die Hits von damals mitsingen.

An den Ü40-Sausen im Klotener Floor Club, in der Winterthurer Arch Bar, im Münchwiler Schlosshof oder im Zürcher Labor mischen die DJs die Evergreens aus vergangenen Dekaden durchaus mit aktuellen Hits. Fragt man die Gäste von Ü40-Partys, warum sie an Feten mit Alterslimite gehen, hört man diesen Satz: «In den gängigen Clubs stolpert man alle paar Tanzschritte über einen Teenager (gemeint sind Leute unter 40), hier kann man mit Gleichgesinnten (gemeint sind Methusalems wie man selbst) feiern».

Aus dieser Antwort ergeben sich zwei neue Fragen: «Seit wann bedeutet gleich alt auch gleichgesinnt?» und «Wann war dieser Partysenior letztmals in einem ‚gängigen‘ Club?». Es gab tatsächlich mal eine Zeit, als Leute älter als 30 an House- und Techno-Partys scheel angeguckt wurden. Aber das war in den frühen 90er Jahren und beide Genres waren hierzulande neu, sie waren der Soundtrack einer musikalischen Jugendbewegung.

Die Bewegten von damals sind jedoch mit allen anderen gealtert und bevölkern in stattlicher Zahl noch immer die Clubs. Ein Grund dafür ist, dass aus den veranstaltenden Greenhorns von damals Club betreibende Herren von 40 Jahren geworden sind, die selbst jedes Wochenende in ihrem Lokal stehen. Das Paradebeispiel ist der ehemalige Roxy-Chef Jean-Pierre Grätzer, der immer noch oft an der Bar seines Supermarkets anzutreffen ist: Grätzer hat die 70 längst überschritten.

In den Zürcher Clubs elektronischer Prägung feiern heute meist mehrere Clubber-Generationen gemeinsam. Wenn man sich darauf einlässt wird man feststellen, dass das Alter und Gesinnung keineswegs untrennbar zusammenhängen. Wer an Ü-Partys feiern geht stellt nur klar, dass er “mit der Jugend von heute” bereits nicht mehr klar kommt, dass er sich nicht mal mehr die Tanzfläche mit ihr teilen möchte.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Gonzo, Amboss Rampe, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

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15 Kommentare zu “Ü40 – wo die Alten tanzen”

  1. Dan Subwave 50 sagt:

    Aus meiner Sicht sind die viele der heutigen Parties einfach nur anstrengend. Nicht weil ich nicht mehr genug fit zum Tanzen wäre oder mir die Lust dazu fehlte (im Gegenteil) – aber sie sind für uns, die noch regelmässig ins Rohstoff, Q oder Sensor gingen einfach nicht gut gemacht. Der Sound ist oftmals zu lasch, die jungen Leute tanzen auch gar nicht mehr gross, vielmehr stehen sie mit ihren unsinnigen Rucksäcken auf der Tanzfläche im Weg; tippen auf ihren Smartphones rum. Teils geht es zwar auch gut ab, aber dann herrscht dermassen ein Gedränge (Supermarket, Lethargy, Bellevue..), dass nur noch Fliucht ins Freie etwas Linderung bringt. Vom Tanzfeeling wie dazumal weit entfernt. Schade

  2. Martin Thalmann sagt:

    Lieber Alex
    Ich bin jetzt 50 und mit Clubs (Discos) gross geworden. Was empfehlen Sie in Zürich, wo man gepflegt tanzen und sich einen Dring genehmigen kann?

  3. Maria-Noemi Rossetto-Giallella sagt:

    Es lebe die Stigmati- und Schubladisierung, lieber Alex Flach 🙂 Und wieso genau stelle ich als Ü40-Teilnehmende klar, dass ich “mit der Jugend von heute” nicht mehr klar komme? Weil ich gerne mit Menschen meines Alters abtanze oder ich beim Flirten nicht meinem Sohn oder meiner Tochter begegnen möchte? C’mon, ist nicht Ihr Ernst…

    • Alex Flach sagt:

      …gäbe es denn nicht noch andere Möglichkeiten um nicht an derselben Party wie die Kids zu landen? Beispielsweise Absprache? 🙂

  4. Maiko Laugun sagt:

    Als Ū50 gehe ich hier in China mit meiner chinesischen Ehe-Frau (Ū40) auch 2 – 3 mal jährlich in Clubs. Kann zwar Techno von House nicht unterscheiden, das macht aber nichts, weil Ich stecke jeweils die Stöpsel meines Telefons in die Ohren. Dann geht das problemlos!

  5. tststs sagt:

    Der grösste Unterschied zwischen Jugendclubbing und üIrgendwasclubbing?
    Ab einem gewissen Alter gönnt man sich das Mineral an der Bar für CHF 7.50 und muss nicht mehr am Wasserhahnen im WC hängen…
    Und nach Hause geht’s mit dem Taxi, auch wenn der Weg nur 500m wäre…

  6. Philipp M. Rittermann sagt:

    schwierig. als ü40er befindet man sich in einem zwischenlebensabschnitt, sozusagen. man möchte zwar noch zum alten sound mittanzen, macht sich damit aber per se nur noch lächerlich. mal ganz abgesehen vom tagelangen muskelkater. als ü50er habe ich das problem nicht mehr, wann ich in meinem hydraulischen fernsehsessel am single-malt nippe und die lieder kopfwippend begleite.

  7. Roman sagt:

    Flachs Kolumnen zusammen gefasst :
    Alles was in ZH mit Techno zu tun hatt ist super, alles andere ist sch….e

    • Alex Flach sagt:

      Blöd.Sinn. Sogar in diesem Text schreibe ich wie viele Junge an 80’s und 90’s-Partys feiern. Und das Gonzo oder das Exil finde ich ebenfalls super: strictly no Techno or House.

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