Endlich fertig Ferien

Eigentlich sollten alle frisch und erholt sein – und es kommt doch ganz anders.
Wieder gemütliche Gemeinsamkeit auf dem Arbeitsweg,

Wieder gemütliche Gemeinsamkeit auf dem Arbeitsweg. Bild: Reto Oeschger

«Bitte verteilen Sie sich gleichmässig auf dem Perron», empfahl die SBB-Durchsage gestern am Bahnhof Stadelhofen der Masse an Pendlern. Damit ist klar: Die Sommerferien sind vorbei. Für die Verreisten genauso wie für die Zurückgebliebenen. Man verschickt Mails und bekommt wieder innert nützlicher Frist eine Antwort – und wird nicht in einem «lustigen» Sätzli von einem Mailbot darauf hingewiesen, dass der Accountinhaber seine Füsse gerade in irgendeine weltumspannende Salzwasserpfütze tunkt.

Und eigentlich sollten alle frisch und erholt sein, bereit, wieder am Bruttosozialprodukt mitzuwirken. Aber leider ist dem nicht so. Die Hälfte der Leute hängt mit ihren Gehirnen noch irgendwo beim romantischen Ferien-Gschpusi, das sich nach der Rückkehr nicht als «mögliche Fernbeziehung mit wunderbaren Perspektiven», sondern als der übliche Ferienflirt herausstellt. Er/Sie hat schon am Montagmorgen den Whatsapp-Kontakt gelöscht und man wurde trotz romantischen Schwüren am Sandstrand auf Facebook entfreundet.

Andere müssen noch immer den Kater spazieren führen, den sie sich beim verzweifelten Feiern des letzten Ferientags eingefangen haben. Sie haben in den zweieinhalb Wochen ausser Landes so hart geurlaubt, dass sie eigentlich eine weitere Woche Ferien bräuchten, um sich davon zu erholen.

Aber nicht nur die Partyvögel zeigen Augenringe aus der freien Zeit. Die Eltern, die gerade fünf Wochen nonstopp mit ihren Kindern UND ihren Lebenspartnern verbringen mussten, zeigen Verschleisserscheinungen der ungewohnten emotionalen Intensität des Familienlebens. Nur lächeln sie dankbar für die Möglichkeit, sich jetzt bis Weihnachten an ihrem Arbeitsplatz erholen zu dürfen.

Und selbst diejenigen, die sich in den Sommerferien wirklich erholt haben, zeigen schon wieder Tendenzen zur Grummligkeit, wenn sie sich am Stadelhofen zwischen den anderen stinkend verschwitzten Pendlern einreihen, um in der S-Bahn oder dem Tram stehend zusammengepfercht ihren Verpflichtungen entgegenzuschaukeln.

Die Stadt gehört wieder ihren Bewohnern. Man darf sich wieder über echte Zürcher aufregen und muss nicht Touristen anpfuttern. Noch zwei, drei Tage und alles ist wieder wie immer in der Stadt. Jeder trägt seinen Stress wie ein persönliches Statussymbol vor sich her und Lächeln wird wieder eine Ausnahmeerscheinung.

Nach fünf Wochen Ausnahmezustand kehrt alles wieder zum gewohnten, vertrauten Alltagstrott zurück. Und das ist gut so. Zwingli wäre glücklich. Sommerferien und fröhliches, mediteranes Lebensgefühl sind unzürcherisch.

18 Kommentare zu «Endlich fertig Ferien»

  • dr house sagt:

    „Lächeln wird wieder eine Ausnahmeerscheinung“… dieses statement sagt alles, was es über diese stadt und ihre bewohner zu sagen gibt. vielleicht noch: Das kleine Wörtchen „sorry“ ist ebenfalls eine Ausnahmeerscheinung. Das fällt einem besonders auf, wenn man wie ich wieder mal in im vereinigten Königreich war, wo selbst punks mehr anstand haben, als die banker hier…

  • urs sagt:

    Ich habe es nicht versucht, mich auf dem Perron zu verteilen. Bin weder Deutschlehre noch Pedant, aber das geht schlichtweg nicht (?)

  • irene feldmann sagt:

    Toll geschrieben….ein riesen-laecheln ist bei mir erwacht…lang lebe die routine, den sie ist die essenz der goettlichen entwicklung des morbiden zuerchers::))))

  • Jacques sagt:

    Warum leben die Leute in ihren Ferien nicht so, wie wir Pensionierte immer leben? Also eher philosophisch-kontemplativ? Aber nun zur Selbstkritik: Die Agenda könnte weniger gefüllt sein. Da haben sich wohl ein paar ungute Angewohnheiten (comme d’habitude) aus einem langen Arbeitsleben eingeschlichen. Ich arbeite dran …
    p.s.: War dieses Hard-Rock Konzert zu später Stunde wirklich nötig, mit allen Zugaben, Frau wollte sowieso Balladen hören? Werden wir nachholen.

  • Jacques sagt:

    „Live fast, love hard – too young to die“; es bleibt noch genug Zeit – bis die harte Lebensrealität einen wieder einholt. Folge wie im Text beschrieben: Es wird hart geurlaubt. Die Seele kann man im Büro baumeln lassen.

  • Pascal sagt:

    Nach einer langer Weltreise kam ich nach Zürich zurück. Was für ein Segen diese Sauberkeit, kaum Kriminalität und diese unzählige Wasserbrunnen mit kostenlosen sauberen Wasser.Nicht weit entfernt von Zürich liegt einem eine unglaubliche wunderschöne Bergwelt Natur vor der Türe. Die Züge und Büsse sind im ausgezeichneten Zustand, pünktlich und sauber. Das Gesundheitswesen ist in einem TOP Zustand. Die Behörden sind schnell. Arbeiten? In anderen Länder wird weitaus härter gearbeitet als in Zürich , bei einem Monatslohn von 200-1000 Fr. wobei die 1000 Fr. schon im höheren Segment liegen. Vielleicht sollte alle mal reisen um zu erkennen was für ein Paradies die Schweiz ist.

  • Claudia sagt:

    „Die Eltern, die gerade fünf Wochen nonstopp mit ihren Kindern UND ihren Lebenspartnern verbringen mussten, zeigen Verschleisserscheinungen der ungewohnten emotionalen Intensität des Familienlebens. “
    … made my day, Obwohl der Lebenspartner gearbeitet hat, waren die Ferien mit den Kindern und Grosseltern so anstrengend, dass ich froh bin, dass wieder alle in der Schule sind und ich arbeiten kann! Trifft den Nagel auf den Kopf!

  • Ron Loth sagt:

    ….die Stadt ist wie alle anderen Städte ein Ort für fleissige Bienen und moderne Sklaverei, verpackt in zuckersüssen Konsumangeboten welche auf den sozialen Medien erscheinen, welche den Bienen das Gefühl geben etwas Sinniges zu tun.

    Das Naturwunder Mensch an einem PC hockend für einen überteuerten Verwaltungsrat seine Lebenszeit zu verschwenden und leider leider in unserem ach so sozialen System keine wirkliche Wahl zu haben.

    Wir verdienen was wir haben und das finde ich wunderbar. Und jährlich immer dieselben Themen, fast so wunderbar langweilig wie die Hypster-Bärte und die Hypster-Dutt’s der möchtegern Älpler welche noch nie eine Sense in der Hand hatten.

    Endlostext,…

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    stimmt. die äh-vorreiterrolle, die die stadt-zürcher ja so gerne innehaben möchten, bedingt klar, dass das „weltoffene bünzlitum“ wieder seinen gewohnten gang geht. inklusive der notwendigen portion elitärer griesgrämigkeit.

  • marc sagt:

    schweizer kennen ja nur die arbeit und das jammern über andere, die das leben etwas lockerer sehen. welch dämliches volk lehnt auch 6 wochen ferien ab??!! ach ja.. schweizer …

    das schweizer lebensmotto heisst: arbeiten, rechnungen zahlen, fresse halten und schlafen. wir gehen täglich robotten und weeeehe einer fröhnt seinem hobby!!!! dämliches saupack.

    • Pascal sagt:

      marc
      Wenn man den regelmässigen Untersuchungen glauben darf, rangieren die Schweizerinnen und Schweizer immer auf den ersten Top-Plätzen der Glücklichkeit. Weiss nicht ob das regional verschieden ist, ob also die Zürcher da anders sind. Aber dann müssten die anderen Schweizer noch glücklicher sein, damit der Durchschnitt so hoch ist.

      Und ja, 6 Wochen Ferien sind schön, aber irgendwer zahlt dann doch für die 6. Woche. Vielleicht sind die Schweizer einfach vorausschauender und wissen, dass JEDE Entscheidung weitere Konsequenzen hat als die unmittelbare.

      Sie schieben scheinbar viel Frustration mit sich rum, wenn man mal so sieht wie Sie schreiben. Ich hoffe, es geht Ihnen bald wiederr…

    • Pascal sagt:

      …wieder besser.
      Glückliche Grüsse aus dem Aargau

    • Matthias Denzler sagt:

      Oh da hat aber jemand die Ferien schlecht verdaut. Zu viel Sonne? Krach mit der Frau? Ärger mit dem Chef nach der Rückkehr? Oder ist er vielleicht immer so? Fragen über Fragen, wir werden es wohl nie erfahren….

  • Peter sagt:

    Das tönt unglaublich trostlos.

Kommentar

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