Eine Frage der Temperatur

Der neue Brunnen am Paradeplatz sprudelt wärmer als die meisten Zürcher Brunnen. Ist das ein Problem?

Wie wichtig die Temperatur für den ­Genuss ist, wissen alle, die schon einmal ein Rindsfilet auf den Punkt gebraten haben. Ein Kalbsbäggli sous vide zur absoluten Zartheit geschmort haben. Oder ein Onsen-Ei mit cremiger Konsistenz fabriziert haben.
Wie wichtig die Temperatur für den ­Genuss ist, wissen alle, die dann und wann ein Süssgetränk geniessen. Oder einen Apéro nehmen. Bei Bier und Süssgetränken gibt es nur eine Temperatur: eiskalt. Bier wird sonst untrinkbar und das Sinalco klebrig. Bei Wein ist es diffiziler. Einen Champagner trinkt man kühler als einen jungen Rotwein als einen schweren Bordeaux als einen Glühwein.

Das führt uns zur Frage, die am Ursprung – oder präziser an der Quelle – dieser Stattgeschichte steht: Bei welcher Temperatur trinkt man das Züri-Wasser am besten?

Diese Frage beschäftigt mich, seit ich zum ersten Mal aus dem neuen Brunnen auf der Traminsel Paradeplatz getrunken habe. Es war Anfang dieses Sommers, ich stieg aus dem Tram 13, wollte auf das Tram 2 umsteigen, und ich war durstig. Ich musste mich weit hinunterbücken. «Ein Monument der Kleinwüchsigkeit», titelte Kollege jr, als Ende 2016 der Brunnen auf dem Paradeplatz aufgestellt war. Dem Brunnen aus Onsernone-Gneis, Zürcher Standardmodell, 60 000 Franken teuer, ging eine politische Odyssee voran. Die Kurzfassung: Dieser zusätzliche Brunnen, in einer Umgebung mit erheblicher Brunnendichte, braucht es, weil die anderen Wasserstrahlen für klein gewachsene Durstige (oder solche mit schmutzigen Händen am Ende von kurzen Armen) nur schwer zu erreichen waren.

Ich bückte mich also hinunter, sehr lange, denn der Brunnen wurde ­offenbar nach den Richtlinien der 2000-Liter-Gesellschaft erstellt: Es rinnt nur wenig Wasser aus dem Mes­singhahn. Würden hier Flaschen gefüllt, es gäbe lange Schlangen wie damals am Samstagmorgen beim Aqui-Brunnen. Neben dem bescheidenen Tempo des Durstlöschens bemerkte ich noch etwas sehr Unzürcherisches: die Wassertemperatur. Ist das schon lau?, fragte ich mich. Erfrischend kühl jedenfalls war es nicht.

«Mehr als 1200 Brunnen verschönern die Stadt Zürich, und aus allen sprudelt erstklassiges Trinkwasser», schreibt die Stadt. Sprudelt es auch aus allen gleich kalt? Oder war ich Opfer einer sensorischen Selbsttäuschung geworden?

Ich ging der Sache mit der nötigen Präzision auf den Grund: Als Liebhaber wohltemperierter Bäder packte ich mein Badethermometer ein und mass in den Brunnen nach. Die Resultate:

Brunnen Ecke Bleicherweg/Genferstrasse: 16 Grad Celsius

Tiefenhöfe: 15 Grad Celsius.

Züghusplatz: 16,5 Grad Celsius.

Münsterhof: 16 Grad Celsius.

Und das «Monument der Kleinwüchsigkeit»? Tatsächlich signifikant wärmer: 17,5 Grad Celsius.

Ich war kurz davor, eine Protestnote an die Wasserversorgung abzusetzen – bis ich merkte: Die Temperaturunterschiede sind Absicht! Denn so individuell die Temperatur beim Wein, so individuell sind die Geschmäcker der städtischen Trinkerinnen und Trinker. Es lohnt also, den Brunnen zu suchen, der Ihren Geschmack trifft.

2 Kommentare zu «Eine Frage der Temperatur»

  • Ragna sagt:

    Es scheint, als habe der Tagi ein neues Feindbild: Menschen die nicht dem Gardemass entsprechen. Selten so despektierliches über kleine Menschen gelesen.

  • Maiko Laugun sagt:

    Eine höfliche Empfehlung:

    Es geht um die Qualität, nicht um die Temperatur. Hoffentlich wissen Sie besser als ich, dass erstes durch (z.B.) hohen Medikamentenkonsum schon längst ein Problem ist. Oder beurteilen Sie einen Wein nur nach der Temperatur?

Kommentar

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