Eine Glacegeschichte (1)

«Gibt es Orte oder Momente, die sozusagen exemplarisch die Zürcher Mentalität zeigen?» So lautete die TA-Frage an Andri Rostetter, den Leiter der Regionalredaktion des «St. Galler Tagblatts», der mit seiner Journalisten-Crew Ende Mai eine Woche im Zürcher Exil verbracht hatte. Rostetters Antwort ging (im Kern) so: «Das Phänomen der ‹Gelateria di Berna› ist für mich typisch. Da geht irgendwo in Zürich ein angesagter Glaceladen auf – und es bildet sich sofort eine Schlange. Der St. Galler sagt sich in solchen Fällen: ‹Vielleicht gehe ich dann im Sommer mal hin.›»

Eine volltreffende Feststellung. Die aber natürlich viel, viel, viel zu höflich formuliert war. Fakt nämlich ist, dass man in den letzten Wochen hätte meinen können, etliche Horden und Sippen unserer Eingeborenen – neugierige Fremdlinge inklusive – hätten erstmals überhaupt in ihrem irdischen Leben Körperkontakt mit Eiscreme gehabt. Ja, das ganze «Gelateria di Berna»-Gschtürm wirkte bisweilen so grenzenlos surreal, dass man sich a) an Szenen aus dem Jean-Jacques Annaud-Film «La guerre du feu» (1981) erinnert fühlte – vorab an die Sequenz, in der Naoh und Ika dem Stamm der Ulamm zeigen, wie man Feuer macht, was in eine Art Ekstase mündet –, und dass b) jüngst erste Wiediker Zyniker verlauten liessen, wenn das scheisstrendige Getue im Kreis 3 nicht bald ein Ende nehme, würden sie mittels Petition die alte Weststrasse mitsamt damaligem Quartier-Status-quo zurückfordern.

Intermezzo: Es geht ja bei solchen Themen weder um «in» oder «out» und schon gar nicht um die Qualität des Produkts, interessant ist einzig die Frage, wann genau der Kulminationspunkt des Wahnsinns erreicht ist: Wir meinen, dass dies beim «Berna»-Hype an jenem Morgen der Fall war, als sich der «Ron Orp»-Newsletter, der nun wirklich jeden einigermassen lässigen Gugus marktschreierisch in die City hinaustrompetet (oje, stimmt, ein übel missratenes Sprachbild, shit), plötzlich veranlasst sah, in die Rolle der Vernunftsinstanz zu schlüpfen und daran zu gemahnen, dass es in Zürich noch acht andere Anbieter gebe, die ganz passable Eiscremes fabrizieren. Intermezzo Ende.

Das soll keinesfalls heissen, dass dieser Einwand von «Ron Orp» (der, wie man von Brupbacherplatz-Anwohnern hört, durchaus Wirkung erzielte) nicht berechtigt war. Doch was dem Votum fehlte, war der erweiterte Horizont; eine historische Einordnung, die zeigt, dass in dieser Stadt immer schon eine gute Glacekultur existierte. Mehr noch: Wie es möglich ist, anhand der Gletscherschmelze ziemlich präzise Aussagen über den globalen Klimawandel zu machen, wäre es durchaus möglich, anhand der hiesigen Glaceschmelze ziemlich präzise Aussagen über den Zürcher Gesellschaftswandel zu machen – bloss interessiert das niemanden! (Deshalb dazu nur das: Es gab Zeiten, da waren auch wir mal so angenehm trendresistent, wie es die St. Galler heute sind.)

Seis drum: Jedenfalls werden wir Teil 2 dieses Beitrags am kommenden Samstag die genannte Zürcher Glacekultur anhand einer sehr persönlichen Erzählung würdigen – das ist, wie bei allen «Schicksalsgeschichten», zwar nur bedingt repräsentativ, dafür aber doll lecker zu lesen, versprochen.

1 Kommentar zu «Eine Glacegeschichte (1)»

  • tststs sagt:

    „Scheisstrendiges Getue“ wird im K3 immer noch schnell abgestellt… Fragen Sie mal Joey (von Joey’s Kiosk am Goldbrunneplatz; resp. wenn man mutig ist: die Leute von Elle’n’Belle)
    😉

    PS: Habe es mit der „St.Galler Methode“ versucht; die Schlange ist immer noch lang; Arancia rosso ist – gottseidank – gleich ums Eck’…

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