Der Lüstling

Man ist der Übermacht hilflos ausgeliefert.

Man ist der Übermacht hilflos ausgeliefert.

Es ist die Hölle, wochentags als Mann alleine in die Badi zu gehen, wie ich letzte Woche wieder mal  herausfinden musste. Man findet zwar Platz, vorallem wenn man als Frühaufsteher wie ich schon bei Türöffnung seinen Platz sucht. Dann ist der Spass aber auch schon vorbei.

Als alleinbadender Mann macht man sich verdächtig. Das Personal schaut schief, fragt sich «Ist der arbeitslos?» und zählt beim Kassieren des Kaffees das Münz besonders genau. Offenbar gibts immer noch nicht genug Männer, die Teilzeit arbeiten oder sich ihre Zeit selbst einteilen. Ein männlicher Badegast ohne Begleitung ist noch immer anrüchig, wenn er nicht klar als Student erkennbar ist.

Mit dem Kaffee wieder bei meinem Platz beginnt dann die wahre Tortur. Inzwischen haben sich Mütter und alleinbadende Frauen rund um mein Tüchli verteilt. Ich schlürfe Kaffee und blicke geistesabwesend in die Weite. Die mittelalte Dame, die in Blickrichtung sitzt, verzieht den Mund angewidert, bedeckt ihre Blösse mit einem Batik-Dings und dreht mir den Rücken zu. Botschaft klar: «Du glotzender Lüstling.»

Als ich den Blick abwende und in eine andere Richtung schaue, sind da zwei Mütter, die sich angeregt unterhalten. Bis sie mich (beziehungsweise meinen Blick) bemerken, um dann die Köpfe – mit Seitenblick auf mich – näher zusammenzustecken und abzulästern.

Ich stecke meinen Kopf in mein Buch und versuche, nicht in irgendwelche Richtungen zu schauen. Man(n) will ja kein falsches Bild abgeben. Vergeblich. Die Badi ist inzwischen voller Frauen, alleine, zu zweit, zu dritt. Mit und ohne Kinder. Ich bin der einzige Mann. Egal wohin ich blicke, ich seh Frauen in Bikinis. Nicht, weil ich das will, sondern, weil das in Badis nun mal so ist. Und auch wenn mich Bikinis gerade nicht interessieren, fühlen sich die Damen beglotzt.

Gehe ich ins Wasser, denken die Damen, die vor mir ins Nass steigen, ich folge ihnen. Verlasse ich das Wasser, halten die, die Richtung Ufer unterwegs sind, mich für einen Stalker.

Sie verhalten sich, als sei ich eine Art Fuchs im Hühnerstall. Ich bin der gefährliche Fremdkörper. Ich trage die Erbschuld aller Penisträger der letzten tausend Generationen. Nicht mal mein Ehering schützt mich. Die Blicke sagen: «Und verheiratet ist das Schwein auch noch. Wenn das seine Frau wüsste …»

Es gibt natürlich auch eine Minderheit unter den Damen, die sich nicht gestört, sondern herausgefordert fühlt. Man(n) wird gemustert, taxiert und angeflirtet. Reagiert man nicht drauf, ist man(n) ein arroganter Bastard. Antwortet man höflich mit einem freundlichen Lächeln, nicken zweihundert umliegende Frauen befriedigt mit dem Kopf: «Wir habens doch gewusst! Der Sau!»

Nach eineinhalb Stunden ins Buch starren und in den Himmel schauen (ist unverfänglich), zünde ich mir eine Zigarette an. Was natürlich die Dame neben mir zu demonstrativem Husten mit Blick auf ihren Nachwuchs veranlasst. Nicht zu erwähnen, dass ich zuerst hier war und kein Rauchverbot herrscht. Aber ich bin ja ein umgänglicher Zeitgenosse und stehe auf, um mit meiner Zigarette einen kleinen Spaziergang zu machen. Was mit dem Blick in den Himmel gerichtet gar nicht so einfach ist.

Auf meinem Rundgang lande ich in der Nähe des Kinderbeckens. Grosser Fehler. GROSSER FEHLER. Ein alleinstehender Mann beim Kinderbecken ist sowas wie die Bombendrohung der Badeanstalten. Überall scheinen lautlose Alarme loszugehen und die Mütter schieben sich zwischen ihren Nachwuchs und die drohende Gefahr. Ein Mann beim Kinderbecken muss ein pädophiler Perverser sein. Wenn ich mich jetzt auch noch über die ausgelassene Schar von Kids sichtbar gefreut hätte. würden sie mich wohl am Sprungturm aufhängen. Als Warnung für alle anderen Männer, die es wagen, beim Kinderbecken herumzustehen.

Nach zwei Stunden gebe ich auf. Ich suche meine Sachen zusammen und gehe Richtung Ausgang. Hinter mir kehrt Ruhe ein im Matriarchat.

Badis sind wochentags eine NoGo-Area für alleinbadende Männer. Vielleicht sollte ich das nächste Mal mit einem Freund kommen. Dann denken die Damen, wir wären schwule Künstler, die es sich leisten können, tagsüber zwischen den Frauen abzuhängen.