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Bis dass der Tod …

Réda El Arbi am Dienstag den 6. Juni 2017
Kein Happy End: Hochzeit ist der Beginn eines schwierigen Lebens. Nur ist man damit nicht alleine.

Kein Happy End: Hochzeit ist der Beginn eines schwierigen Weges. Nur ist man damit nicht alleine.

Die Ehe sei nicht mehr zeitgemäss, unfair anderen Formen des Zusammenlebens gegenüber und schaffe nur Streit und Kosten, so das Fazit von Bettina Weber in ihrem Essay in der Sonntagszeitung.

Nun, es stimmt, dass die Ehe anderen Lebensplänen gegenüber bevorzugt wird. Das heisst aber eher, dass die anderen Lebensentwürfe der Ehe gleichgestellt werden sollten. Wer die Ehe abschaffen will, hat sie nicht verstanden.

Die Ehe ist kein Versprechen für Glückseligkeit. Die Ehe ist kein Ziel, das man mit einem Partner/einer Partnerin erreichen will. Die Ehe ist kein Statement gegenüber Familie, Freunden und Umfeld. Die Ehe ist kein Hollywood-Happyend und keine Realityshow. Sie ist keine Anleitung für Partnerschaft, sie ist keine Versicherung für Liebe. Die Ehe ist weder Zwang noch Garant für irgendwas. Die Ehe ist kein iPhone, das man wegschmeisst, sobald man denkt, es sei was Geileres auf dem Markt. Die Ehe ist nicht die Erfüllung, sondern das Gefäss, in das man sein Leben giessen will.

Und sicher ist die Ehe kein Mittel, um den Partner in Treue und Loyalität zu binden. Wer so empfindet, sollte sicher nicht heiraten. Das Commitment der Ehe ist eine Form, SICH SELBST an Verpflichtungen und Einhaltung von Regeln zu binden. Die Regeln auszuhandeln, ist dann Sache der Ehepartner.

Die Ehe ist ein Signal nach innen, in die eigene Seele. Sie ist ein rituelles Commitment, eine verbindliche Zusage, für einen anderen Menschen da zu sein. In den alten christlichen Hochzeitsritualen heisst es «In guten wie in schlechten Zeiten». Damit sind nicht etwa Krieg und Hunger gemeint. Damit ist gemeint, für den Partner da zu sein, wenn er spinnt, wenn er sich verändert, wenn sich die Beziehung als schwierig herausstellt, wenn er krank ist und wenn nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Die «gute Zeit» ist kein Strohfeuer des Verliebtseins, es die langanhaltende Glut der Liebe. Die Ehe ist nur dann angebracht, wenn man sich vorstellen kann, mit dem Gegenüber alt zu werden. Egal, was sonst alles geschieht.

Das ist nicht einfach. Natürlich kann man das auch ohne Ehe machen. Aber es ist nicht das gleiche, wie wenn man ein rituelles Versprechen abgegeben, einen Vertrag abgeschlossen hat. Wenn man sich darauf vorbereitet und sich im Innern mehrmals gefragt hat, ob man wirklich bereit ist, diese Verpflichtung einzugehen. Verträge, rituelle Eide und öffentliche Bekenntnisse sind nun mal der Kitt, mit dem die menschliche Gesellschaft seit Anbeginn der Zeit zusammengehalten wird. Wer behauptet, ohne Vertrag die gleiche Verbindlichkeit zu empfinden, soll mal ohne eine solche «rituelle» Vereinbarung ein Haus kaufen oder eine Firma gründen.

Rund 42 Prozent aller Ehen werden geschieden. Das ist ok. Daraus zu schliessen, dass man die Ehe für die anderen 58 Prozent abschaffen soll, ist etwas einseitig. Es zeigt viel mehr, dass viele Leute heiraten, die entweder die Ehe nicht begriffen haben, oder sich selbst und ihren Partner nicht gut genug kannten, um eine solche Vereinbarung einzugehen.

Die Ehe ist nicht für alle. Sie ist – unabhängig von Geschlecht, sexueller Ausrichtung und sexuellem Selbstverständnis – nur etwas für Menschen, die eine verbindliche Zusage an einen anderen Menschen machen wollen. Und sich gut genug kennen, um dies auch zu können. Und das ist unseren Zeiten  superindividualisierter Lebensentwürfe nicht einfach.

Menschen verändern sich, Ziele, Lebenumstände, Zuneigung, alles kann neue Formen annehmen. In unseren Zeiten kann man diese Veränderungen bei der Form der Ehe, die man lebt, berücksichtigen. Ich kenne Paare, die offene Beziehungen führen, oder auf zwei Kontinenten leben, ohne auch nur eine Sekunde am Commitment ihres Ehepartners/ihrer Ehepartnerin zu zweifeln. Sie wissen, das Gegenüber wird sofort um den Planeten fliegen, um Beistand zu leisten, Krisen mitzutragen, über Leben und Tod zu entscheiden. Man muss nicht aneinander kleben, braucht kein Einfamilienhaus mit Hund, kein verstaubtes Rollenverständnis und kein Klischeeleben, um eine Ehe zu führen. Man braucht nur Liebe (nicht zu verwechseln mit Verliebtsein) und etwas Loyalität.

Meine Ehe hat einen besseren Menschen aus mir gemacht. Zum Einen, weil ich eine Partnerin gefunden habe, die mich mit all meinen Macken und Fehlern (nicht wenige) liebt – und ich so ohne Druck an meinen Unzulänglichkeiten arbeiten darf. Zum Anderen, weil ich innerhalb der Ehe flexibler und offener bin, als ich jemals zuvor war. Und natürlich, weil ich für meine Partnerin ein besserer Mensch sein will.

Ehe ist wirklich nicht für alle. Und die Scheidungsrate wäre sicher niedriger, wenn man die Ehe von dem 50er-Jahre-Image und von dem Kitsch befreien würde. Ehe ist etwas für Erwachsene, die den Eid «bis dass der Tod euch scheidet» verstehen und bereit sind, ihn einzugehen.

Allen anderen würde ich eine ganz unverbindliche Lebensabschnittspartnerschaft empfehlen. Mit einer offenen Option für andere Pläne mit anderen Partnern. Das ist weder besser noch schlechter als die Ehe. Es ist einfach ein ganz anderer Weg.

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29 Kommentare zu “Bis dass der Tod …”

  1. Marlies sagt:

    Gut geschrieben! Ich bin seit 41 Jahren verheiratet und ich würde es wieder tun! Es ist harte Arbeit und braucht Mut
    aber die Arbeit lohnt sich!

  2. Giorgio Girardet sagt:

    Ganz grosses Kino. Reda. Mir aus dem Herzen gesprochen. Nur ein kleiner Irrtum: Wenn ein Ehepartner irre wird, so ist das – zumindest für die katholische Kirche – ein valabler Grund auf Auflösung der Ehe, ebenso wenn ein Partner den Kinderwunsch des anderen nicht billigt.

  3. Brigitta Graves sagt:

    deine Ausführungen freuen mich! heirate zum zweiten mal am kommenden Freitag! und diesmal wird es halten! eben schon älterer Jahrgang! errinnerst du dich an mich, uns?

  4. […] man sie deswegen nicht. Die Ehe kann als Ritual mit Symbolcharakter, ähnlich wie es Réda El Arbi im Zürcher «Stadtblog» beschreibt, bestehen bleiben. Wenn sich zwei Menschen bewusst dafür entscheiden wollen, sollen sie […]

  5. Hans Minder sagt:

    Ziehe ich in ein Haus ein, das bis zu meinem Lebensende mein letzter Aufenthalstort bleibt (=Ehe), dann entsteht ein starkes Verantwortungsgefühl gegenüber dem Ort, dem Haus, den Bewohnern, den Nachbarn etc. Ich erarbeite eines lebenswerten Umfeld, da ich nicht in einer Umgebung von Hass und Zerfall alt werden will.
    Will ich jederzeit wieder aus dem Haus weggehen können (=Nicht Ehe, Scheidung), dann fixiere ich mich auf meinen Gewinn, sonst ziehe ich aus.
    Für die Umgebung macht die Ehe sehr viel Sinn, auch wenn sie für den einzelnen Partner in schweren Zeiten ein Kreuz darstellt. Andere Modelle entwickeln sich oft zum „temporären Hausbezug“ auf Kosten anderer.

  6. Max Hartmann sagt:

    Vielleicht ist die Ehe bald so etwas wie ein alternativer Lebesstil. Heiraten ist wirklich nur etwas für Menschen, die bereit sind zum Wachsen am realen Du und zur Arbeit an sich selbst. Das hat in seinem Wesen etwas Progressives an sich. Wer konservativ nur Selbstbestätigung in der Ehe sucht, scheitert. Ehe als Egoprojekt und bloß als bequemer Brauch? Nijet. Ehe ist Bewegung oder sie ist nicht. Ehe ist im tiefsten Wesen unbequem. Nur so gibt es Tiefe.

  7. Hans Minder sagt:

    Ziehe ich in ein Haus ein, das bis zu meinem Lebensende mein letzter Aufenthalstort bleibt (=Ehe), dann entwickelt sich ein starkes Verantwortungsgefühl gegenüber dem Ort, dem Haus, den Bewohnern, den Nachbarn etc. Ich erarbeite mir ein lebenswertes Umfeld, da ich nicht in einer Umgebung von Hass und Zerfall alt werden will.

    Will ich jederzeit wieder aus dem Haus weggehen können (=Nicht Ehe, Scheidung), dann fixiere ich mich auf meinen Gewinn, sonst ziehe ich aus.

    Für meine Umgebung macht das Modell der Ehe sehr viel Sinn, auch wenn es für den einzelnen Ehepartner in schweren Zeiten ein Kreuz darstellt. Andere Modelle entwickeln sich oft zum „temporären Hausbezug“ auf Kosten anderer.

  8. Ralf Schrader sagt:

    Die (statistische) Scheidungsrate ist proportional der Lebenserwartung. Aus Sicht der Demographie ist allein die mittlere Dauer der Ehe aussagefähig. Diese wächst seit Beginn deren Dokumentation. Also alles im grünen Bereich.

  9. corinne sagt:

    Danke!

  10. Susanne sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel, Herr El Arbi. Ich denke, dass sie die Ehe gut verstanden haben und gekonnt in Worte gefasst haben.

  11. tststs sagt:

    Hmmm, werter Herr El Arbi, könnten Sie evtl noch kurz präzisieren, welche Form der Ehe Sie hier beschreiben: zivilrechtliche oder religiös-kulturelle (sorry, mir kommt gerade kein passenders Adjektiv in den Sinn) Eheschliessung?

    Denn ich muss sagen, ich verstehe total Ihren Commitment-Gedanken… nur wird der doch bei der zivilen Hochzeit mit der Möglichkeit zur Scheidung irgendwie ad absurdum geführt… oder? (Also so nach dem Motto: wie verbindlich kann ein Commitment sein, wenn ich mich so easy wieder daraus lösen kann…)

    • Réda El Arbi sagt:

      Nope. Mensschen machen Fehler oder Entscheiden sich mit ungenügenden Fakten oder entwickeln sich. Das muss berücksichtigt werden, deshalb ist die Möglichkeit zur Scheidung sehr gut.

      Nur denke ich deswegen nicht die Ehe als Form der angestrebten, lebenslangen Institution abschaffen.

      • tststs sagt:

        “Mensschen machen Fehler oder Entscheiden sich mit ungenügenden Fakten oder entwickeln sich.”
        Sind das nicht die viel beschworenen “schlechten Zeiten”?

        Bitte nicht missverstehen, ich will auch weder Ehe noch Scheidung abschaffen: aber so easy, wie man sich heutzutage scheiden lassen kann, kann man da noch von einem echten Commitment reden? Aus keinem andren Vertrag kommt man so leicht und idR ohne Konventionalstrafe raus…

        Oder anders gesagt: eine mir auferlegte Verpflichtung, aus der ich mich selber ohne zutun anderer “befreien” kann, ist das wirklich eine Verpflichtung? Und wenn ja, WEM gegenüber bin ich verpflichtet?

    • Sportpapi sagt:

      Ist doch gut, dass mit der Ehe gleich auch die Spielregeln der Scheidung definiert werden. Es gibt ja schon Grund, warum zunehmend die (Schutz-)Regeln von verheirateten Eltern bei Trennung auf nicht verheiratete ausgeweitet werden.

  12. vorher bestimmt sagt:

    Für uns stimmt die Ehe. Würden jederzeit wieder heiraten, es ist vollkommen egal und uninteressant ob andere das gut finden oder nicht.

  13. Peter Schemihl Wrobel sagt:

    Der Autor hat eine etwas ewiggestrige Vorstellung von Ehe. Eine Ehe muss nicht für alle Ewigkeit sein. Eine Ehe kann auch temporär sein. Und es ist auch nichts Schlechtes daran, dass die Scheidungsrate so hoch ist. Im Gegenteil. Die Ehe ist nichts anderes ein rechtlicher Vertrag zwischen zwei Menschen (aus meiner Sicht könnten es auch mehr als zwei sein). Und jeden Vertrag kann man künden. Wir müssen die Ehe endlich von diesem religiös-romantischen Zeugs befreien.

    • Réda El Arbi sagt:

      Dann muss man nicht heiraten. Wenn endlich alle anderen Lebensentwürfe rechtlich gleichgestellt sind, gibts nur noch einen Grund zum Heiraten: Ein inneres Commitment zum Partner. Wer das nicht will oder kann, kein Problem. Niemand wird zum Heiraten gezwungen.

      Wer die Ehe nur als rechtlichen Vertrag sieht, sollte sowieso aufs Heiraten verzichten. Man kann auch ohne glücklich werden.

      • tina sagt:

        solange man den eindruck hat, rechtlich sei man auf der besseren seite wenn man heiratet, warum auch immer, ist das sehr wohl ein guter grund für eine heirat und hat mit glücklichseinwollen gar nichts zu tun. eher mit optimalen startbedinungen schaffen wollen.
        mir wurde auch oft vorgeworfen nicht bis zum tode durchgehalten zu haben. aber du hast ja selber geschrieben: menschen ändern sich. oder man merkt gewisse dinge einfach nicht früh genug. ja, das mag an mangelnder menschenkenntnis liegen, aber dessen ist man sich in dem moment ja eben nicht bewusst.

        • Réda El Arbi sagt:

          ja, aber Scheidungen sind nicht das Problem der Ehe, sondern der Ehepartner. Ich hab nichts gegen Scheidungen. Ich denke nur, dass man wegen der Scheidungen nicht die Ehe absschaffen sollte. Und natürlich soll man anderen Lebensentwürfen die gleichen Rechte einräumen.

      • Maiko Laugun sagt:

        “Niemand wird zum Heiraten gezwungen”

        Indirekt schon: Wenn 2 Partner aus verschiedenen Ländern (einer davon ausserhalb EU) zusammen sein wollen, dann geht dies aus aufenthaltsrechtlichen Gründen nur über eine Heirat.

    • tststs sagt:

      Naja, der Begriff “lebenslange Ehe” stammt aus einer Zeit, wo das “lebenslang” ab Hochzeit noch so ungefähr 20-30 Jahre bedeutete… 😉

  14. Aline sagt:

    Ich bin nicht dafür, die Ehe abzuschaffen. Ich bin aber sehr wohl für eine Individualbesteuerung, die alle gleich behandelt, ob verheiratet oder nicht. Was ist denn der Grund, dass Verheiratete steuerlich oder bei der AHV bevorzugt werden? Klar, Kinderabzüge sollen machbar sein, aber nicht einen Familienabzug aufgrund des Zivilstands.

  15. geezer sagt:

    sehr gut zusammengefasst. die eheabschaffer haben nicht begriffen, um was es im kern geht (nein, es ist nicht die märlihochzeit im designerkleid und 1000 weissen schwänen). zudem fusst ihre begründung auf einer intoleranten haltung gegenüber allen, für die die ehe z. b. ein ort des rückhalts, der geborgenheit und der sicherheit ist.

    selbst kein committment einzugehen und gleichzeitig rechtlich die genau gleichen vorderungen stellen wollen, kommt mir schon etwas seltsam vor. es ‘muss’ niemand heiraten. aber denjenigen, die diesen weg wählen, sollten das ohne nachteile tun können.

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