Hardcore-Sechseläuten

Saufen, bis der Kopf platzt .- das andere Sechseläuten.

Saufen, bis der Kopf platzt – das andere Sechseläuten.

Die Zürcher Jungzünfter trinken, mit kleineren oder grösseren Pausen, bis und mit heute Montag fünf Tage lang durch. Gestartet sind sie bereits am Donnerstag mit der Itrinketä im Riesbach-Quartier, am Freitag waren sie mit Vertretern des Gastkantons Glarus auf dem Lindenhof bechern und am Samstag waren für sie die Zunftbälle Pflicht.

Für den Sonntag planten zwar viele Greenhorns einen Ruhetag, dabei kamen ihnen aber die sehr grosszügig gefassten Club-Öffnungszeiten in Zürich ins Gehege – gute Vorsätze und ein üppiges Nightlife vertragen sich halt schlecht. Heute Montag nun das grosse Abschluss-Feuerwerk mit Apéros morgens um 9 Uhr und bis Dienstagmorgen brechend vollen Sechseläuten-Partys wie der Use It im Kaufleuten oder jener im Mascotte. Manch einen Jungzünfter überwältigt Morpheus nach diesen sportlichen Tagen mit Gewalt und es soll vorkommen, dass einer schnarchend und noch immer in Vollmontur neben dem abgebrannten Scheiterhaufen aufgefunden wird.

Einige der älteren Zünfter mögen ein solch unsittliches Gebaren ihrer Nachwuchsleute nicht gutheissen, vergessen dabei aber, dass die mit ihrer ausufernden Feierei eigentlich nur die wahre Fest-Tradition ehren: Im Gegensatz zum gesitteten Bourgeoisie-Stadtspaziergang mit finaler Pferdchen-Hoppelei von heute, waren das früher wilde Feten mit bisweilen subversivem Anstrich, bei denen auf diversen Scheiterhaufen in der Innenstadt die unterschiedlichsten allegorische Figuren verbrannt wurden. Gar der entflammbaren Version eines Börsenspekulanten soll einmal genüsslich der Schädel vom Rumpf gesprengt worden sein und das verruchte Kratzquartier war lange Zeit das Epizentrum der Sechseläuten-Exzesse – der Kinderumzug, der Schneemann und die Pferde kamen erst später.

Tempi passati: Dort wo sich früher das Kratzquartier befunden hat, stehen heute die Fraumünsterpost und die Nationalbank und die Menschen der Langstrasse, des derzeitigen Zürcher Jubeltrubel-Quartiers, scheren sich keinen Deut um das Sechseläuten: Für sie ist das bloss der Tag, an dem die Mehrbesseren wieder mal aus ihren Villen am Züriberg in die Strassen der Innenstadt purzeln um dort in seltsame Textilien gehüllt den niederen Chargen zu zeigen, wer in Zürich die Fäden in der Hand hält. Volksfest? Mitnichten: Ein elitäres Manifest des monetären Grabens in der Stadt. Nicht einmal zum Vorzeigeobjekt für ausländische Gäste taugt das Sechseläuten: Als ich es vor Jahren in Begleitung einer bezaubernden, australischen Freundin besucht habe, war ihr Fazit nach Inspektion der um das Feuer trabenden Rösser und des explodierenden Bööggs ein verstörtes „What is wrong with you people?“.

Es bedürfte nicht mal eines Anti- Sechseläutens – wie die Fuckparade zur Street Parade –  um den Anlass wieder in einem Volksfest zu machen. Man bräuchte dazu den Humor vergangener Tage und die Zünfter bräuchten sich bezüglich Feiergebaren nur an ihren Nachwuchs zu halten: Die wissen noch wie man abseits des Umzugs die Sechse nach alter Väter Sitte läutet. Oder sie tun’s einfach.

Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof Basel, Nordstern Basel, Rok Luzern und Härterei.

5 Kommentare zu «Hardcore-Sechseläuten»

  • MIchael sagt:

    Wir fangen schon am Mittwoch an… Kämbel meets…

    Am Sonntag helfen eine grosse Schar von jungen Töchter und Söhne bei der Durchführung des Kinderumzug mit, was mit einem Nachtessen im Zeughauskeller verdankt wird… (Käferfest)

  • Hans Müller sagt:

    Ein Plus für die Geschichtsstunde. Ein Minus für die ewig gleiche, fade Kritik am Sächseläuten und an der „monetären“ Elite. Das ist langsam so abgelutscht wie der (immerhin familientaugliche) Anlass selbst und auch relativ humorfrei. Also sozusagen die humorfreie Sächseläute-Variante der ebenso elitären Nightlife-Schickeria mit ihren peinlichen Dresscodes, selektiven Gesichts-Screenings, segregierenden Gästelisten, Gratis-Frauencüpli-Lockangeboten und den langen (teils künstlich erzeugten) Schlangen vor dem Eingang. Und die Langstrasse mit zerbrochenen Glasflaschen und Kebab-Aluminumfolien vollzumüllen zeugt jetzt auch nicht gerade von kreativer Subversivität.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    die „akademiker-fasnacht“ ist der einzig legitime jährliche grund, dass sich auch die besagten mal ohne vorbehalt und unter sich hemmungslos volllaufen lassen dürfen. in geschützter atmosphäre der zunft-lokale zelebrieren die liberalen… jeweils die vorzüge des kapitalismus und ziehen über den pöbel her. natürlich zieht da deren degenerierte jungmannschaft auch schön mit. es ist dies das erklärte fest des geld-adels. ich halte zwar persönlich rein gar nichts von diesem anlass, jedoch mag ich diesen der selbsternannten elite gönnen. mit kritik sind die beteiligten ja schliesslich den ganzen rest des jahres konfrontiert… und auch der derr thiam wirkt in der „uniform“ irgendwie…

    • Philipp M. Rittermann sagt:

      …sympathisch.

      • Michael Luginbühl sagt:

        Mich errinert dieser Anlass immer an die Nazi Paraden in Deutschland. Schaut her, wir regieren über euch und ihr habt nichts im Kopf, deswegen denken wir für euch. Und die Zuschauer jubeln den „Adeligen“ auch noch entgegen….aiaiai….ich wurde wirklich einbisschen zu früh geboren. Weckt mich in 100 Jahren wieder auf. Bis dahin sollte ich einen schönen Melatonin und DMT Spiegel haben, dann können wir gerne 100 Jahre mit den echten Helden unserer Mutter Erde feiern.

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