Ich pumpte wie blöd

Die Klopstockwiese: Warum sitzen hier bloss so wenig Menschen? (Foto: Beni Frenkel)

Ich sitze auf einer Bank und blicke hinunter auf die Klopstockwiese. Auf der Sitzbank nebenan schwatzen aufgeregt mehrere Alkoholsüchtige. Alles Männer und eine Frau. Obwohl ich so nahe bin, verstehe ich fast nichts. Am Boden liegen mehrere Bierdosen.

Mit der Klopstockwiese verbinde ich viele schöne Jugenderinnerungen. Hier habe ich früher immer Tessinerbrot gegessen. Die Brotscheiben bestrich ich mit Mayonnaise und veredelte alles ein bisschen mit dem Aromat-Streuer. Damals hatte ich nicht so viel Geld. Häufig mussten fünf Franken pro Tag reichen.

Jetzt halte ich in meiner rechten Hand ein Bier ohne Kohlenhydrate (ich bin Diabetiker) und ein Würstli in der linken Hand. Von aussen gesehen könnte man schnell den Eindruck erhalten, ich gehöre zu den Alkoholikern nebenan. Aber das stimmt nicht.

Ich gucke nochmals auf die Wiese hinunter und frage mich: Warum sitzen hier eigentlich so wenige Menschen? Dabei könnte die Lage nicht besser sein. Nebenan befindet sich Sihlcity und rundherum kleine Läden. Warum geniesst hier niemand die ruhige Feierabendstimmung? Ein 72er-Bus fährt vorbei. Er ist proppenvoll. Alle wollen so schnell nach Hause, um auf SRF 1 «Schweiz aktuell» zu schauen.

Aber allzu sehr bekümmert mich das nicht. Ich bin ja glücklich und habe ein Würstli in der Hand. Vor vielen Jahren, als ich noch ein Primarschullehrer war, bin ich mit der fünften Klasse jeden Sommer auf die Klopstockwiese gegangen. Um mich bei den Schülern ein bisschen beliebter zu machen, habe ich im Fach «Mensch und Umwelt» stets Raketen gebastelt.

Gemäss Lehrplan hätte ich eigentlich die Flüsse und Berge des Kantons Zürich durchpauken müssen. Aber erstens interessierten mich die Berge auch nicht so, und zweitens unterrichtete ich an einer Privatschule. Da nimmt man alles nicht so streng. Wir haben also eine Fahrradpumpe mitgenommen und in halb volle Plastikflaschen Luft gepumpt. Die Kinder standen in einem Sicherheitsabstand von zehn Meter um mich herum. Ich pumpte wie blöd. Irgendwann ist das Ding in die Luft geschossen. Manchmal treffe ich ehemalige Schüler. Dann erzählen sie von früher. Das, was von mir am prägendsten war, waren anscheinend die Plastikflaschen.

Ich sehe zu den Alkoholsüchtigen herüber. Die Frau lallt irgendetwas. Es muss verdammt lustig sein, denn die Männer krümmen sich vor Lachen. Ich selber habe schon sehr lange nicht mehr so gelacht. Als Lehrer hätte ich eigentlich häufig Gelegenheit dazu gehabt, ich war ja an der Quelle. Aber das wusste sogar ich: Schüler auslachen, das geht gar nicht.

Neben der Klopstockwiese gibt es einen jüdischen Bagel-Laden. Das gehört für mich auch zum Sommer: Auf der Wiese einen Bagel ohne Kohlenhydrate essen und in die Sonne blinzeln. Wie auf Bestellung kriechen nach ein paar Sekunden die ersten Ameisen das Bein hoch in Richtung Unterhose.

Ich werf meine Bierdose zu den anderen und greife zur Tasche. Da entdecke ich noch einen Weichkäse, der schon halb verflossen ist. Schnell esse ich ihn auf.

Zurück nach Hause. Im Bus will sich niemand neben mich setzen.

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