Neben Sparkley im Stall

Sparkley: Meistens schläft er, die Sau. Aber lang und tief. (Foto: Beni Frenkel)

Das hier ist eine Notfallkolumne. Es gibt viele Gründe für eine Notfallkolumne. Entweder hat der Autor nichts Gescheites geschrieben oder er lag für längere Zeit im Krankenhaus. In manchen Fällen ist der Autor auch tot. Für die Redaktion doppelt mühsam: kompliziert wegen der Buchhaltung, kein Text vorhanden! Um das zu verhindern, schreibe ich heute eine Notfallkolumne. Was ist das Besondere an einer Notfallkolumne? Für sie strengt sich der Autor noch weniger an. Heute also kein Bericht über eine Vorlesung oder einen Museumsbesuch. Stattdessen ein kleiner Text über den Streichelzoo bei mir um die Ecke.

Da ragt nämlich das Wollishofer Altersheim Entlisberg mächtig in die Höhe. Und unten gibt es ganz viele Tiere für die Bewohner: Papageien, Kaninchen, Meerschweinchen und Hühner. Ein Tier habe ich bewusst ausgelassen. Darf ich vorstellen: Sparkley, das Hängebauchschwein.

Sieht Sparkley nicht prächtig aus? Sein Bauch schleift am Boden, wenn er aus dem Stall wankelt. Meistens schläft er, die Sau, aber lang und tief. Neidisch stehe ich vor dem Gitter und schaue ihm dabei zu. Seine Haut ist porös und rissig. Er hat Schwein: Keine Frau macht ihm das Leben zur Hölle, weil er sich nicht genügend pflegt. Sparkley liegt faul, fast komatös, in seinem Schuppen und macht nichts. Einfach nichts. Wie schön muss das sein.

Im Unterschied zu Sparkley nerven die anderen Tiere. Die Kaninchen hoppeln wie blöd, die Hühner sind auch nicht besser. Die zwei Papageien, die gehen noch. Der eine kräht immer «Papagei», der andere «Hallo». Aber an Sparkley kommen sie nicht heran.

Jetzt, wo meine Frau den Frühjahrsputz macht, bin ich viel draussen. Ich gehe ins Altersheim und bestelle einen Milchkaffee. Vorsichtig laufe ich mit der Tasse zu den Tieren und setze mich auf eine Bank. Genüsslich schlürfe ich den Kaffee und gucke fasziniert zu Sparkley hinüber. Warum finde ich Sparkley eigentlich so toll?

Wahrscheinlich hat das mit meiner Religion zu tun. Als Jude darf ich kein Schweinefleisch essen, auch kein Hängebauchschweinefleisch. Ich kenne aber ziemlich viele Christen. Manche von ihnen zählen zu meinen besten Freunden. Die gucken Sparkley an und denken vielleicht an einen saftigen Braten. Ich nicht. Wenn ich das friedlich dahindösende Hängebauchschwein so betrachte, steigen bei mir Bilder aus dem Paradies hervor. Ich denke an das bedingungslose Grundeinkommen.

Wäre die Abstimmung durchgekommen, würde ich heute neben Sparkley im Stall schlafen. Ein paar Tiere – tut mir leid – müssten den Stall verlassen oder sich anpassen. Ich habe eigentlich nichts gegen Kaninchen. Aber in der Nacht will ich die nicht bei mir haben. Die lustigen Papageien müssten den Schnabel halten. Die Hühner würde ich essen.

Den Tag durch laufen viele Altersheimbewohner um das Gehege. Die störten mich nicht. Im Gegenteil. Sparkley und ich lieben es, wenn uns Menschen den Rücken kratzen. Oh, ja! Noch ein bisschen tiefer. Stärker! Ja!

Aber so weit wird es leider nicht kommen. Ich muss arbeiten, arbeiten, arbeiten. Der einzige Vorteil, den ich gegenüber Sparkley habe: Ich kann Chipstüten aufmachen.

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