Irre viele Frauen

Das Cabaret Voltaire im Niederdorf. (Foto: Tamedia)

Ich stehe an der Voltaire-Bar im Zürcher Niederdorf. Eine Studentin und ein Student diskutieren leidenschaftlich. Eigentlich bedienen sie die Kasse und schenken Getränke aus. Aber jetzt sind sie gerade in eine Diskussion vertieft. Ich warte geduldig. Wer bin ich schon? Ein Kunde? Die Minuten vergehen. Er wäscht Gläser, sie trocknet sie ab. Ich versuche ein bisschen lauter zu atmen als sonst. Aber nicht zu auffällig. Denn an dieser Bar wurde Dada erfunden.

Hier haben Bünzlis wie ich eigentlich nichts zu suchen. Ich bin aber nicht wegen der aufmerksamen Bedienung und des teuren Kaffees (5.50 Franken) ins Cabaret Voltaire gekommen. Eine Lesung hat mich gelockt. Und zwar von Frau Professor Doktor Trömel-Plötz. Sie hat ein Buch über Mileva, die Frau von Albert Einstein, geschrieben.

An dieser Stelle eine kurze, aber wichtige Erinnerung: Ich bin einer der grössten Befürworter des Feminismus. Eigentlich versuche ich immer unvoreingenommen zu schreiben. Aber bei diesem Thema versage ich. Zu gross sind meine Sympathien für die wichtigen Anliegen der Frauenbewegung.

Wussten Sie, dass es heute immer noch Frauen gibt, die weniger verdienen als Männer? Ist Ihnen bekannt, dass in der Wissenschaftsgeschichte der Anteil forschender Frauen totgeschwiegen wird? Mileva Einstein ist ein gutes Beispiel. Es ist längst bewiesen, dass Albert nur dank seiner Frau den Nobelpreis gewonnen hat. Mileva war es, die den Wettbewerbstalon ausfüllte und ihn nach Stockholm schickte.

Aber alle reden nur über den ach so cleveren Albert. Wissen Sie was? Das kotzt mich richtig an. Entschuldigung für diesen Kraftausdruck. Im Cabaret-Voltaire-Saal sitzen irre viel Frauen. Ich bin angenehm überrascht, dass der Beamer funktioniert. Vorne sitzt Frau Prof. Dr. Trömel-Plötz. Die zierliche Frau trägt einen schicken schwarzen Mantel und braune Wildlederschuhe. Ein schöner Schal umschmeichelt ihren Hals.

Ich nehme zuhinterst Platz und freue mich auf die Lesung. So viele Frauen! Die Lesung beginnt trotzdem sehr pünktlich. Zwei Rednerinnen stellen die Professorin kurz vor. Beide betonen, dass sie gegen oder für eine «Gender-gerechte Sprache» kämpfen. Ich habe keine Ahnung, was sie meinen, aber ich bin dafür.

Endlich redet Frau Trömel-Plötz, Sie redet ziemlich leise und ohne Mikrofon. Ein paar Frauen meckern: Viel zu leise! Trömel-Plötz wirds ein bisschen unangenehm: Kommen Sie doch nach vorne. Dann ist Stille. Trömel-Plötz liest aus ihrem Buch vor. Die Autorin wirft zu Recht die Frage auf, ob Albert Einstein ohne Mileva die Relativitätstheorie hätte aufstellen können. Dann erwähnt sie die vielen Geliebten von Albert. Ich staune. Dieser kleine und wenig hübsche Mann hatte so viele Frauen? Not bad.

Aber was bedeutet schon hübsch? Ist das nicht auch ein relativer Begriff? Und ist der Anteil von Mileva an der Forschung von Albert Einsteins Theorien überhaupt messbar? Ich denke nein. Viel wichtiger ist doch, dass sich Albert wohlfühlte bei Mileva und in Ruhe arbeiten konnte. Das versuche ich meiner Frau auch manchmal zu erklären. Sie wird dann aber immer relativ wütend.

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