Fucking Tourist

 

Vor ein paar Tagen traf ich in Berlin einen guten Bekannten. «Was machen die Kinder?», fragte er. «Sie sind jetzt gerade im Stadion», sagte ich, «der FC Zürich spielt gegen Xamax Neuenburg.» Am nächsten Samstag gehe er mit seinem Sohn auch an einen Match, antwortete mein Bekannter, «Hertha gegen Bayern. Der Kleine ist Bayern-Fan.»

«Hart», sagte ich, «der eigene Sohn.» «Er ist nicht der einzige Fan von Bayern in Berlin», sagte mein Bekannter, «fast die Hälfte des Stadions wird gegen uns sein. Das ist auch so, wenn Köln hier spielt oder Dortmund. Wir sind eine Stadt von Einwanderern.» «Dein Sohn ist doch hier geboren», sagte ich.
«Aber es gefällt ihm, dass die Bayern immer gewinnen», meinte mein Kollege. Hertha werde nie mithalten können. «Wir haben nicht das Geld dazu. Mithalten kannst du nur mit einem Scheich im Rücken, oder den Russen, oder Red Bull

Auf dem Weg zum Hotel pöbelte ein junger Einheimischer in der S-Bahn. Er trug eine schwarze Kappe, eine schwarze Lederjacke, war aber eher schmächtig, ein intellektueller Neonazi. «Fucking Tourist!», brüllte er einer Frau aus Asien ins Gesicht. Er sah verbraucht aus, aber hellwach, wie auf Drogen, er suchte Streit. Die junge Frau verstand nicht, was los war. «Lassen Sie die Frau in Ruhe», hörte ich eine Mitreisende. «Schnauze!», sagte der junge Mann. «Oder ist Ihr Leben zu langweilig, dass Sie sich einmischen müssen?»

Eine Frau mit einem Pelzhut redete auf den Jungen ein, es war wie ein Seminar in Zivilcourage. «Ich lass dir deine Inkompetenz, wenn du mir meine Kompetenz lässt», sagte der Junge, er hielt sich für einen klugen Kopf. Was weiss ich, was er sich alles überlegte. Vielleicht war die Touristin aus Asien für ihn eine Profiteurin der Globalisierung. Vielleicht dachte er, dass sie sich die Reise nach Berlin nur leisten konnte, weil die guten Jobs ausgewandert waren nach Asien, und darum rief er jetzt: «Touristenfotze!» «Reiss dich zusammen», sagte ein Mann im Anzug mit ruhiger Stimme. «Nimmt dich in Acht», gab der Junge zurück, «ich mach dich kalt. Ich kann das. Wir sind gefährlich, Alter», sagte er, «wir sind eine Generation, die seit zwanzig Jahren nur eins kennt: Hass. Wir sind brandgefährlich.»

Dann war er still. Es war eine Drohung. Als wollte er sagen, es sind neue Zeiten angebrochen.

Ich fragte mich, ob wir auch so waren als Jugendliche, ob wir auch diesen Hass in uns hatten, die Freude an der Aggression, nur dass der Hass von links kam und nicht von rechts. Er richtete sich nicht gegen Ausländer, sondern gegen die Bonzen, gegen die Armee, gegen das Establishment. Aber auch wir sahen uns als Krieger, wie er, als Kämpfer für eine neue Welt.

12 Kommentare zu «Fucking Tourist»

  • Edith Habermann sagt:

    Schwarze Kappe + schwarze Lederjacke = Neonazi. Funktioniert so Qualitätsjournalismus?
    Wieso kann es sich bei dem jungen Mann nicht um einen linken Globalisierungsgegner auf Crystal Meth oder einer Mischung aus Alkohol und Kokain handeln? Hat das womöglich mehr mit den Vorurteilen im Kopf des Journalisten zu tun als mit der Realität? Als Schweizer Journalist sollte er wissen, dass es hier fast wöchentlich zu Aggressionen und Gewaltexzessen kommt, welche meist von männlichen Personen mit schwarzer Kappe und schwarzer Lederjacke begangen werden. Das geschieht beispielsweise am 1. Mai im Zürcher Langstrassenquartier oder jeweils Freitags und Samstags im Umfeld der Berner Reitschule. Nazis?

  • ClBr sagt:

    Vielleicht sehe ich das zu rosig, aber der Hass war früher schon ein bisschen weniger unerbittlich, Und er richtete sich nicht gegen wehrlose Einzelpersonen, sondern gegen Institutionen oder deren Vertreter.

  • Theo Sprecher sagt:

    In so Fällen gibt es nur eines zu tun: Handy zücken und die Bahnpolizei einschalten.
    Das Problem mit der Schweizer Bahnpolizei allerdings ist, dass sie es dann nicht schafft, binnen zwanzig Minuten am Bahnhof Winterthur bereit zu stehen, um sich den noch immer herumpöbelnden und Leute bedrohenden Passagier zu greifen. Und die sechs Zugsbegleiter (das ist nicht übertrieben, es waren zwei Teams à drei Personen), getrauten sich auch nichts zu unternehmen.
    Diese Geschichte ist mir persönlich in der S12 von Stellbach nach Winterthur passiert.

    • hans ulrich schwyzer sagt:

      in berlin ist das relativ einfach. sobald der zug in einem (grösseren) sbahnhof hält (also eher nicht lichtenberg), die notbremse ziehen. im bahnhof zoo oder alexanderplatz jedenfalls geht das dann ganz schnell. in mannheim hingegen wartet die polizei draussen falls es an bord irgendein pöbler geben sollte…der prügelt auf dem weg nach draussen noch auf die mitpassagiere ein, da muss dann das zugpersonal selbst eingreifen.

      das beste was ich in einem berliner sbahn erlebt habe war ein junger punk der einen älteren herrn als ’scheissbehinderter‘ bezeichnete. der herr fragte dem punk: „was, du? ausgerechnet du hast was gegen behinderte?“. wind aus den segeln nehmen, lektion eins.

  • Peter Gruber sagt:

    Was wollen Sie uns mit diesem Text genau mitteilen? Dass bereits ganz Berlin eine No-Go Area ist. Ich fahre da jedenfalls nicht mehr hin, weil alles voller Araber ist. Nun kommt Ihre Geschichte so unglaublich daher, dass ich sie auch nicht glaube. Wer tritt denn Leute die Treppen runter, wer greift unvermittelt Einheimische an? Aha, nicht Rechte? Soso…

    • Peter Sieber sagt:

      Und Sie haben das Gefühl, es sei anderswo besser? Vor 30 Jahren sass ich in der U-Bahn in München. Ein ca 40 Jähriger stand auf und sagte zu mir „Sag mir dass Du ein A****loch bist“, was ich verweigerte. Als der Zug in einer Station einfuhr hat er mir einen schallende Ohrfeige verpasst und ist ausgestiegen. Ich war so verdattert, dass ich erst an meiner Zielstation den Zugführer ansprach. Der meinte daraufhin, ich hätte an die Führerstandstüre klopfen sollen, was etwas schwierig war nachdem der Aggressor zwischen mir und der Türe stand. Ich wurde auch schon im Tram in Zürich aufs wüsteste angepöbelt, genauso meine Partnerin weil sie nicht ins Schweizer Schema F passt.

    • Friedrich Gerber sagt:

      Voller Araber? Wenn schon, ist Berlin voller Türken. Was für mich überhaupt kein Grund ist, Berlin zu meiden.

    • Martin sagt:

      Davon abgesehen, daß so etwas auch im Trämli des heimeligen Zürich passieren könnte, würde dort sowieso niemand eingreifen und es wäre von vornherein klar, daß der Agressor kein oder kein echter Schweizer sein kann. Haben auch Sie nun am Stammtisch endlich das Wort „No-Go-Area“ aufgeschnappt? Und vor lauter Begeisterung gleich ganz Berlin dazu gemacht, weil Sie Araber nicht leiden können? – wahrscheinlich, ohne auch nur einen Bruchteil von Berlin gesehen zu haben. „DIe Araber“ – deretwegen sieht mich auch in Interlaken keiner mehr. Darum ging es in der Geschichte genausowenig wie um Ihr unvermeidliches und billiges Rechts/Links. Was wollten SIE mit Ihrem Post eigentlich sagen?

    • Marcel Maier sagt:

      Man „kann“ dieser Geschichte gleich reflexartig das linke/rechts-Förmchendenken drüberstülpen. Kann man. Sollte man aber nicht. Vielleicht könnte man den Text nochmals lesen und ganz besonders den letzten Abschnitt inhaltlich zu verstehen versuchen. Dann könnte man verstehen, dass das Thema des Textes Hass bzw. Agression ist und diese sowohl links wie rechts vorkommt. Aber eben: das muss man natürlich auch wollen. Und der Verlockung des gut eingespielten links/rechts-Reflexes sowie der tief sitzenden Xenophobie widerstehen. Aber das ist halt schon sehr unbequem, wenn man sich über sich selbst Gedanken machen muss. Lieber noch etwas über Andere urteilen. Das ist so schön einfach.

    • P. Hess sagt:

      Gut beobachtet….Die Treppen runtergetreten in U-Bahnhöfen Deutschlands wird man jedenfalls nicht von unhöflichen Deutschen…
      Aber darüber gibts dann seltsamerweise keinen Artikel der gleich ganze Gruppen unterschwellig als gefährliche Gewalttäter kategoriesiert – das wär dann rassistisch oder sowas und nur gegen Deutsche erlaubt…

    • Oreg Meyer sagt:

      @Gruber: Dumm nur, dass der Berliner Treppentreter gar kein Araber ist sondern Bulgare. Dumm auch, dass Araber in Berlin grade einmal 2% der Bevölkerung ausmachen. Fakten können einem den Rassismus wirklich verleiden.

      • Ruedi sagt:

        @Meyer, so, so, nur 2% ?! – Nur ein einziger böser Nachbar reicht schon aus, um Ihnen das Leben schwer zu machen.

        Die Nazis waren auch mal eine Minderheit, es fängt immer klein an, was zur Plage und Last für Alle wird. Radau-Brüder an einem Fußball-Match sind auch eine Minderheit, mit großer Negativer Wirkung.

        Das Sozialistisch ewige verharmlosen, entschuldigen und bewirtschaften von Minderheiten, die Negativ auffallen, ist doof und nervt. Falsche Toleranz und Akzeptanz führt dazu, dass aus negativen Minderheiten – Mehrheiten werden – wehret den Anfängen.

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