Schule bleibt Schule

Heute werben die Gymnasien mit Broschüren und Postkarten für sich selber. An den Schulhäusern selber hat sich wenig geändert. Wer sie wieder besucht, macht eine Zeitreise.
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Letzte Woche haben wir die Roadshow der Zürcher Gymnasien absolviert, meine Frau, mein Sohn und ich. Freudenberg, Rämibühl, Hohe Promenade, erst Informationsabend, dann Schnuppertag. Es war eine Zeitreise in die eigene Jugend, die Schulhäuser, die Schulzimmer; das hat man davon, wenn man nicht ausgewandert ist, dass man Momente des eigenen Lebens wieder und wieder erlebt, wie der arme Bill Murray in «Groundhog Day».

Es ist alles noch da, als hätte man die Schule eben verlassen. Bloss die Ansprachen klingen moderner, und an der Spitze stehen nicht mehr nur Männer.

Ich bin ein kritischer Schulbesucher. Meist tun mir die Schüler leid, dass sie den langen Vormittag durchstehen müssen. Die Lektionen sind meistens ähnlich aufgebaut: Man schaut sich gemeinsam etwas an, ein Foto auf dem Hellraumprojektor, eine Landkarte, eine Textstelle, die Vergrösserung eines Käfers. Dann wird der Stoff besprochen, oft in Gruppen, und auf einem Arbeitsblatt verarbeitet. Ob Deutsch, Biologie, Geschichte, wer gut lesen kann und Zusammenhänge rasch erkennt, streckt auf. Auffassungsgabe nennt man diese Fähigkeit. Ob man wirklich begriffen hat, ob man den Zusammenhang zum realen Leben sieht, ist eine andere Frage.

Und dann diese Breite! Vom Römischen Recht über die Ernährung der Einzeller zur Tektonik Südamerikas, was wird nicht alles in den Kopf eines Untergymnasiasten gestopft, viel zu viel scheint mir, viel zu detailliert. Aber klar, vielleicht braucht es das, die Jahre des Büffelns an allen Fronten, die Jahre der raschen Auffassungsgabe, um ein Fundament zu legen. Die letzten paar Semester vor der Matur, das habe ich bei meiner Tochter gesehen, ist die Zeit der Ernte, wenn die Schüler ihre Maturarbeit machen. Wenn sie vertiefen können.

Wobei, nach einem der Schnuppertage traf ich einen Uniprofessor beim Abendessen, einen Naturwissenschaftler, der sich beklagte, wie uninteressiert die Studenten geworden sind. «Es ist richtig unangenehm, wenn ich vor einem Hörsaal stehe, das sind grosse Hörsäle, und es kommt nichts, niemand hat eine Meinung. Offenbar interessiert sie nur der Prüfungsstoff.» Irgendwas laufe schief auf dem Ausbildungsweg, meinte er. Manchmal frage er sich, ob nicht die falschen Leute in der Schule gefördert worden seien. «Es fehlen die Querdenker, die mit den Ideen, den originellen Fragen.»

Als ich zur Schule ging, mochte ich die Lehrer, die erzählen konnten. Die den Stoff mit dem Leben verbanden, mit dem Alltag, das kann man mit jedem Thema, auch mit den mikroskopisch kleinen Bausteinen der Zelle. Man muss bloss eine Geschichte erzählen. Wer je eine Rede halten musste, weiss das. Aber ja, der akademische Betrieb funktioniert anders als Redenhalten, er ist ein Rattenrennen, wer einschläft, ist selber schuld.

Auf den Heimweg erhielten wir alle eine Mappe mit den Unterlagen der Schule, Postkarten, eine schön bedruckte Tüte, Werbematerial wie an einem Messestand. «Wozu all das Papier?», sagte meine Frau, «die Gymnasien werden doch überlaufen.» Weil man das so macht heute, weil es zeit­gemäss ist, ein weiterer Schritt Richtung Zivilisation.

3 Kommentare zu «Schule bleibt Schule»

  • Melanie sagt:

    Nun, ich habe Mitte 40 nochmals ein Studium FH gemacht. Ich bin eine Querdenkerin, aber keine Querulantin – ich war ganz einfach zum Teil besser ausgebildet als meine Dozenten. Ich war in der Klasse die Einzige, die mal nachgefragt oder was angezweifelt hat.

    Das kam gar nicht gut an, ich wurde zum Rektor zitiert und mir wurde gesagt, dass ich den langweiligen Brie zu schlucken hätte, falls ich abschliessen wolle. Lächeln, schleimen, weinen und nicken – das war das Erfolgsrezept.

    Die Studentinnen, die das taten, kamen alle problemlos durch. Mir war’s zu langweilig und ich habe abgebrochen. Leid tat es mir nur um das viele Steuergeld, dass in diesem Studium an mich verschwendet wurde.

  • Florian Müller sagt:

    „Es fehlen die Querdenker mt Ideen und originellen Fragen.“ Nun, grossen Denker gibt es nicht so oft in einem Heer kleiner Denker. Denn die grossen Denker verabschieden sich schon früh vom Strom zu den Werbemappen (dem Rattenrennen), sie schaufeln sich frei um denken zu können und gelten dann als Aussenseiter. Oder sie kommen aus einer fremden Umgebung, zB. als Flüchtlinge, und profitieren mindestens zu Beginn von einer Aussensicht.

  • geezer sagt:

    „Manchmal frage er sich, ob nicht die falschen Leute in der Schule gefördert worden seien.“ das ist nicht nur in der schule sondern auch im arbeitsleben leider schon lange der fall. die total ausufernde weiterbildungsindustrie schafft mitunter leute mit künstlichen skills, welche den realen boden unter den füssen schon lange verloren haben. da wird von einem diplom zum anderen gehetzt; die grundlegenden zusammenhänge kennen aber zu wenige. aber egal: man hat 20 diplömli im sack und wird sofort angestellt. dass fleiss und intelligenz nicht dasselbe sind, scheint heute vergessen zu gehen. m. e. eine höchst bedenkliche tendenz….

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