Zwei Wasserfässer Glückshormone

schreber

Mähen Sie! Kompostieren Sie! Schaffen Sie fremde Pflanzen weg! (Foto: Anne Frenkel)

Letzten Sonntag haben wir eine kleine Wanderung durch den Entlisbergwald gemacht. Die Dezembersonne wärmte unsere Glieder und zauberte schaurig schöne Lichtfenster im dichten Moos. Für den letzten Satz brauchte ich übrigens zehn Minuten. Vor allem auf das Wort «Lichtfenster» bin ich stolz. Normalerweise verwendet man «Lichtfenster» für LED-Panels. Ich aber habe den Begriff in Zusammenhang mit einer Herbststimmung verwendet.

Als wir beim Waldausgang standen, blickten wir auf die Kolonie der Schrebergärtner hinab. Dicht nebeneinander standen die Häuschen. In manchen Gärten hingen noch verschrumpelte Äpfel an alten Bäumen. Menschen habe ich fast keine gesehen.

Hier hatten wir auch einmal eine Parzelle. Weil wir uns aber nicht jeden Sonntag um das dumme Grünzeug kümmerten, wurden wir ständig gemahnt. Schneiden Sie den Baum zurecht! Mähen Sie! Kompostieren Sie! Schaffen Sie die fremden Pflanzen weg! Sie!

So ging das ein Jahr, bis wir uns entschieden, wieder  Freude am Leben zu erlangen und deswegen mit der Gärtnerei aufzuhören. Im Gespräch mit anderen Geplagten erfuhren wir, dass das Terrorregime der Familiengartenvereine weitverbreitet ist. Jeder zweite Hobbygärtner – so meine Schätzung – hat sich schon mal überlegt, vom Schrebergartenhaus runterzustürzen.

Was schief läuft, ist vor allem die Kommunikation. Ältere Frauen oder Männer, die zum ersten Mal in ihrem Leben etwas Macht erhalten, sind damit total überfordert. Plötzlich dürfen sie als Präsidenten den Gauleiter im rechtsfreien Raum markieren. Wenn sie durch die Gärten laufen, unterbrechen die Pächter ihre Arbeiten. Viel wichtiger als die langweilige GV ist daher «Gartenbegehung».

Das ist sowas wie ein kommunistischer Parteitag mit dem Unterschied, dass das oberste Organ selber zu seinen Mitgliedern geht. Ich denke, die Gartenbegehung löst bei den Präsidenten zwei Wasserfässer Glückshormone aus. Bei diesem Kontrollgang im Herbst inspizieren die Präsidenten nämlich die Gärten ihrer Mitglieder und monieren sämtliche Normabweichungen. Sodann wird gemahnt , gedroht und intern gelästert. Damit will ich aber nicht sagen, dass alle Sektionspräsidenten und -Präsidentinnen Tyrannen sind.

Ein Blick in die Zeitschrift Gartenfreund zeigt aber, dass in vielen Gartenvereinen ein verdammt übler Ton herrscht. Im «Gartenfreund» lese ich im Dezember immer aufmerksam die  Jahresschlussberichte der verschiedenen Vereine. Die Präsidenten wünschen manchmal schöne Festtage oder bedanken sich für die freiwilligen Arbeiten. Zum Beispiel beim Pächter Heinz, der das WC in Schuss hält. Rechtzeitig zum Jahresende wird aber nochmals gestänkert und gedroht. Ein paar Auszüge habe ich aus dem «Gartenfreund» (Dezember 2016) notiert. Sie zeigen auf: Schweizerischer als in einem Gartenverein ist es nirgends:

 

Zürich Wipkingen
(…) Wieder einmal wurde ein Pächter/eine Pächterin durch die Polizei „Umweltdelikte“ erwischt, nachdem er/sie verbotenerweise giftigen Unkrautvertilger eingesetzt hatte. Nach einem solchen Verstoss gegen Art. 6 der KGO muss man mit der Kündigung rechnen.“ (…)

Oerlikon-Schwamendingen
(…) Sollten Sie zu den wenigen gehören, die im Garten das Tomatenhaus mit flatternder Plastikhülle besitzen, bitten wir Sie, diesen sofort zu entfernen. (…)

Zürich Affoltern
(…) Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass Wasserfässer, welche nicht geleert sind und deswegen kaputt gehen auf Ihre Kosten ersetzt werden, was eine eher kostspielige Angelegenheit wird. (…)

Basel Holzmatt
(…) „Auch ist es manchmal unverständlich, wie die Gärten „gepflegt“ werden. Elf Gärten wurden beanstandet (…)

Bern Eymatt
(…) „Wiederum sind mehrere Kündigungen eingetroffen bzw. wir mussten solche aussprechen, weil diese Pächter ihren Pflichten in grobem Mass nicht nachgekommen sind“ (…)

Bern Süd-west
(…) Anschliessend findet die GV statt. Für Neupächter ist die Teilnahme obligatorisch. Der Besuch der GV ist Bestandteil unseres Vereins! Wir erwarten daher auch jene Mitglieder, welche immer mit Abwesenheit glänzen. (…) Gleichzeitig rufe ich die grosse Masse der Abseitsstehenden auf, sich doch aktiv am Vereinsgeschehen zu beteiligen. Das wäre bitter nötig! (…) werden wir nun Stadtgrün Bern melden und ein Gesuch auf Kündigung ihrer Parzelle einreichen! (…)

10 Kommentare zu «Zwei Wasserfässer Glückshormone»

  • adam gretener sagt:

    Danke! Danke, dass jemand wieder mal ein Wort wie Dezembersonne schreibt. Nicht Dezember-Sonne, nicht Dezember Sonne. Sondern einfach Dezembersonne.

  • geezer sagt:

    beim schrebergarten und in der gemeinsamen waschküche zeigt sich, dass der durchschnittsschweizer halt ein totaler bünzli ist. engstirnig und lichtjahre davon entfernt, das credo ‚leben und leben lassen‘ nur im geringsten anwenden zu wollen.

  • KMS a PR sagt:

    brunner/caro: man muss das schon dezidierter betrachten. schrebergärten bilden quasi einen repräsentativen mikro-kosmos der schweizerischen gegenwart. am anfang war der schweizer. meist aus der working-class und sehr korrekt. rasenkante schnur-gerade und die fahne hoch. wie sich das gehört. dann kamen ab den 60ern die strebsamen italiener, die dann eine ganze parzelle vereinnahmten. zur freude der gatinnen der ch-gärtner und zum leidwesen letzterer. man arrangierte sich aber schliesslich. dann kamen spanier, portugiesen – und es wurde (noch) lauter. zuletzt die ex-jugoslawen, die ihre schweine-grills bauten und auch gerne feiern. + -> multi-kulti lässt beamte verzweifeln.

    • Carolina sagt:

      Es erschliesst sich mir immer noch nicht, was das mit ‚links‘ bzw ‚Hipster‘ zu tun haben soll…….?
      Ich weiss, dass es diese miesepetrigen, kleingeistigen Wächter über Schrebergärten tatsächlich gibt – aber zumindest in unserem Nachbarort sorgen die lebensfrohen Ausländer, die sich von Opa Urs nebenan nicht gross beeindrucken lassen, ihn allerhöchstens zum nächsten Fest einladen, dafür, dass sich das langsam auflöst. Wir werden einmal im Jahr von einem portugiesischen Clan zum Spanferkel-Grillieren im Schrebergarten eingeladen – es ist einfach wunderbar und dem Charme dieser Lebensfreude kann sich nicht mal Opa Urs entziehen!

  • Oliver Brunner sagt:

    Schrebergärten sind ein Hort von linken Bünzlis und neuerdings linken Hipster. Weil Pflanzenschutz und Düngemittel völlig falsch dosiert werden, sind die meisten Böden dort Sondermüll und für den Anbau von Gemüse völlig ungeeignet. Anstatt diesen unnötigen Bidonvilles zu pflegen, sollte man das Land der richtigen Natur (gleich Wald) zurückgeben.

    • Carolina sagt:

      Genau! Jetzt übernehmen diese Linken auch noch die geheiligte Enklave des echten Schweizertums! Und all diese Fremden: die Portugiesen, Italiener und Jugoslawen, die nichts als Lärm und Dreck machen und überhaupt nicht verstehen, dass sie eine Sondermüllanlage bewirtschaften! Ekelhaft! Enteignen!

      • Lichtblau sagt:

        @Carolina: Wir hatten mal einen Lustgarten, ca. 1000qm auf drei Etagen in zauberhafter historischer Umgebung. Dank viel Arbeit eine ästhetische Enklave inmitten von eher praktischen Nutzgärten. In unserem Biotop liessen wir es uns en Famille gut gehen. Bis dann die „Auflagen“ kamen: zum Beispiel ein strenges „Hecken weg“! Danach war die Oase von allen Seiten einsehbar und hatte soviel Charme verloren, dass wir sie aufgaben. Ewig schade. Über feiernde Südeuropäer in den Nachbargärten hätten wir uns natürlich gefreut.

      • Oliver Brunner sagt:

        Meine Rede, sind wir schon zwei. Sich besaufen und Grillen kann man auch am Letten oder im Platzspitz.

    • KMS a PR sagt:

      was sie meinen, herr brunner – sind die „urban gardener“ – zu finden auf den dächern von züri. und ja. das sind i.d.t. hipster. und daher für diesen bericht nicht repräsentativ, weil die moderne subkultur nicht wirklich einen (gesellschaftlichen) mehrwert darstellen. (junge architektinnen, biologie-studenten und jung-liberale wo man in papis porsche noch nen sack teures bio-saatgut reintun kann um dann bei der jungen architektin einen „landungsversuch“ zu unternehmen).

      • Oliver Brunner sagt:

        Nein, die meinte ich nicht. Ich habe im K4 Umfeld festgestellt, dass sich viele einen Schrebergarten zulegen konnten – scheint einen Generationswechsel zu geben.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.