Alträubergeschichten

Es lohnt sich, Senioren zuzuhören. Bestes Beispiel ist ein Klassentreffen von neun fidelen 80-Jährigen aus Zürich. Da ging es auf eine Zeitreise zurück ins Schuljahr 1950.
Schaad Märkli bellevue Stehsatz Autor: Thomas Wyss

Eine von italienischen Gastarbeitern in den 60er-Jahren nach Zürich exportiere Weisheit lautet: «Bevor man aus dem Haus geht, zieht man frische Unterhosen an!» Sinngemäss bedeutet das Bonmot, dass man sein Leben stets aufgeräumt haben sollte, da man ja nie weiss, was das Schicksal für einen bereithält.

Wir nehmen uns dies zu Herzen und werden nun bis Ende Jahr offene Themen abarbeiten. Heute zum Beispiel möchten wir aufzeigen, wie sehr es sich lohnen kann, unseren Senioren Gehör zu schenken, wenn sie – klar, bisweilen etwas sprunghaft und je nach Zustand des Gebisses auch ein wenig undeutlich – von früher erzählen: Für solch tolle Alträubergeschichten, die sie gratis und franko preisgeben, müsste man im Buchantiquariat viel Geld hinlegen.

Bestes Exempel dafür war die Lektüre eines Klassentreffens von neun fidelen 80-Jährigen, deren Zeitreise zurück ins Schuljahr 1950 man kürzlich im Tages Anzeiger nachlesen konnte: Wie Pfaffe Hitz den stiernackigen Turnlehrer Maurer holte, um den atheistischen Kommunistenbub Bruno zu verdreschen, wie Schulzahnarzt Joggeli den Eleven ohne Schmerzspritze Zähne ausriss, wie die Erismannhof-«Mafia» ihre Mädchen beschützte oder wie die Chräis-Chäib-Sürmel mit ihrer fanatischen Liebe zum schwarzen Jazz ein Zeichen gegen die «feinen Swing-Pinggel vom Züriberg» setzten – das wäre erstklassiger Drehbuchstoff für Kurt Früh selig gewesen.

Ja, und kaum lag besagte Zeitung vom 21. November im Altpapier, meldeten sich von überall aus der Stadt weitere puurlimuntere Bürger mit Jahrgang 1936 oder älter und schilderten per Leserbrief (alte Schule) oder Drehscheibentelefon (uralte Schule) eigene Episoden aus wilden Jugendtagen. Zwei der originellsten wollen wir hier wiedergeben.

Ein 81-jähriger Mann, der im Friesenberg zur Schule ging, erzählte von einem Klassenkameraden, dessen Vater bei den SBB arbeitete, wodurch er in Kontakt mit US-Soldaten kam. «Die GIs tauschten mit diesem Vater Schweizer Schoggi gegen Kaugummis – die gabs in Zürich noch nicht. Statt die ‹Rarität› zu teilen, kaute sie der egoistische Schulkollege alle selbst. Nach einer Woche konnten wir ihm die durchgekaute Ware aber für zehn Rappen pro Stück abkaufen, um auch noch ein paar Tage darauf herumzukätschen. Es war zwar ein zwiespältiges, aber halt doch auch mondänes Erlebnis.»

Eine 82-Jährige Frau, in Höngg aufgewachsen und zur Schule gegangen, schrieb: «Es gab da diesen etwas jüngeren Buben, der immer an unserem Mädchenhof vorbeiging und uns Schlötterlig wie ‹Alli Wiiiber stinket› zurief. Eines Mittwochnachmittags packten vier Freundinnen und ich das Bürschchen und fesselten es an einen Baum. Dann fuhren wir mit dem Velo in die Stadt, der Frechdachs war bald vergessen. Als wir vor dem Eindunkeln heimkamen, sahen wir, dass er tatsächlich noch immer an den Baum gefesselt war – und bitterlich flennte. Wir lachten, machten ihn los und sagten ihm, wenn er nicht aufhöre mit den Beleidigungen, würde die nächste Strafe noch viel schlimmer sein. Die Folge war, dass uns fortan alle Buben in der Schule mit gehörigem Respekt begegneten. Wir waren also sozusagen die Vorkämpferinnen der Zürcher Frauenbewegung

3 Kommentare zu «Alträubergeschichten»

  • Bri-G-itte sagt:

    Lieber Rolf Schader,

    die alte Masche: Von oben herab belächeln. Eine Chance für die Frau ist, dass „Mann“ sie unterschätzt. Auch Frau Merkel ist von ihrem damaligen Mentor Kohl unterschätzt worden.

    Die Geschichte der 80-jährigen Freundinnen gefällt mir.
    Bri-G-itte

  • Anton Müller sagt:

    Es wäre angebracht, wenn den Älteren gegenüber wieder einiges mehr an Respekt gezeigt würde. Nicht umsonst, gab es vor einiger Zeit den Ältestenrat lange bevor die SVP unflätig und am Generationenvertrag gezweifelt wurde. Und die McKinsey Brüder und Neoliberalisten nicht einmal Embryos waren. Schöne Zeiten.

  • Ralf Schrader sagt:

    Wie rührend, sind gerade die Themen ausgegangen?

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