Feiern mit Freunden

Mehr Gastgeber und Glucke als Clubbetreiber: Pädu Anliker.

Gastgeber, Glucke und Clubbetreiber: Pädu Anliker.

Pädu «MC» Anliker ist tot, und Thun trauert. Aber nicht nur in Thuner Herzen hängen die Flaggen seit letzter Woche auf halbmast, auch viele Schweizer Nachtleben-Macher, ob sie ihn nun kannten oder nicht, zeigen sich betroffen vom Tod des Café-Mokka-Betreibers, der so viel mehr war als nur ein Clubchef.

Pedro Lenz sagt in der «Berner Zeitung», Anliker sei ihm vorgekommen wie eine italienische Mama, und er sei ein unvergleichlicher Gastgeber gewesen. Viele streichen sein Engagement für die Jugend heraus, andere loben, wie rührend er sich um die Musiker und Bands gekümmert hat, die seine Mokka-Bühne ihrer Bestimmung zugeführt haben. Eine immer liebenswürdige und stets engagierte Glucke sei der Pädu gewesen.

Anlikers Auffassung vom guten Nachtleben erfährt in der Schweiz gerade eine Renaissance, wenn auch in etwas anderer Auslegung. Noch vor einigen Jahren stand hinter erfolgreichen Partys, insbesondere im kommerziellen Bereich, oftmals ein Trupp von Spammern, die nichts anderes gemacht haben, als unablässig Facebook-Fakeprofile zu erstellen, die sie dann benutzten, um im Netz Abertausende Zielpersonen mit Partyinfos zuzumüllen.

Ihre Maxime hiess «Quantität vor Qualität», und der Zulauf an ihren Feten war lediglich ein Resultat ihres penetranten Auftretens im Netz. Ganz ausgestorben sind sie noch nicht (zumindest anhand der Freundschaftsanfragen, die man so kriegt), aber mittlerweile haben die meisten dieser gesichtslosen Labels wegen Erfolglosigkeit den Betrieb einstellen müssen, und um sie trauert niemand.

Aber nicht nur in diesem Bereich hat der Berufsstand des Gastgebers mit den Jahren arg gelitten: Seit den 90er-Jahren ist die Anzahl der Clubs in Zürich geradezu explodiert. Mit der sich dadurch verschärfenden Konkurrenzsituation hat ein gegenseitiges Sich-Übertrumpfen bei den Line-ups eingesetzt, das die ausländischen Headliner längst dutzendweise nach Zürich bringt – und das Wochenende für Wochenende.

Dadurch wurden die Clubber zu Vergleichskonsumenten, die dorthin gehen, wo der namhafteste DJ spielt. Sprich: Die Leute gehen nicht mehr zu Jean-Pierre ins Roxy, zu Oli an die Blushin‘ Pink, zu Gasi an die Plastique oder zu Vitamin S ins Luv, sie gehen zu Dixon, zu Ricardo Villalobos oder zu Koze.

Seit einigen Jahren ist jedoch eine Umkehr dieser Entwicklung zu beobachten. Mittlerweile hat sich weit herumgesprochen, dass auch die Schweiz über eine Vielzahl hervorragender DJs und Produzenten verfügt, und etliche Clubs mögen sich nicht mehr am Line-up-Poker beteiligen.

Bei den Clubbern ist ein Umdenken zu beobachten: Sie gehen an Partys von Labels wie Wundertüte, Kuchenfabrik, Kinky Beats und Rakete, ganz egal, wer da spielt, und ohne vorher auf Facebook von einer Chanel Dior Prada im Bikini eingeladen worden zu sein. Weil sie wissen, dass da Musik gespielt wird, die sie mögen, und auch weil sie dort etwas finden, das sie offenbar vermisst haben: das Familiäre.

Möchte man als Nachtlebender Pädu Anlikers Andenken nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten ehren – was gäbe es Passenderes, als diesen Weg weiterzugehen. Vielleicht gibt es dann bald wieder mehr Figuren, wie er eine war.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

4 Kommentare zu «Feiern mit Freunden»

  • marsel sagt:

    Das Prinzip Anliker hat aber auch Nachteile: Das Mokka dürfte nämlich zusammen mit seinem Alleinunterhalter gestorben sein…

  • SrdjanM sagt:

    Es braucht aber schon etwas mehr als ein innovatives Programm und die (gespielte?) lokale Bescheidenheit.
    Pädu war als Gastgeber anwesend, mitbestimmend und oft mitfeiernd, er war das Gesicht und die Seele des Betriebs. Das erzeugt ein anderes Wir-Gefühl, sorgt für ein Stammpublikum und grossen Support.

    Etwas Ähnliches pflegen auch viele andere Veranstaltungslokale „in der Provinz“, z.B. in Aarau, Solothurn, Olten…
    Auch weil man sich es dort nicht anders leisten könnte, Stammgäste sind viel wichtiger als in Zürich, Bern, Lausanne.

    • Alex Flach sagt:

      Die Tradition des alleinherrschenden Gastgebers, des Clubgesichts hat schon auch in Zürich Tradition, zumindest in den kleineren Betrieben: Jean-Pierre Grätzer im Roxy, Vitamin S im Luv und noch ein paar mehr. Bloss ist sie verlorengegangen, da vielleicht auch nicht mehr zeitgemäss. Die Leute wollen aber wieder das Familiäre in ihren Partys und da können exponierte, extrovertierte Sympathieträger als Veranstalter schon der Schlüssel sein.

  • KMS a PR sagt:

    stimmt schon. ’schuldigung. ich muss wieder nostalgisch werden. in den 80ern gab es die kreativen köpfe wie anliker einer war. bereits schon zu beginn der 90er schossen die „neo-clubs“ wie pilze aus dem boden. jeder wollte sich dabei überbieten und die meisten machten nach 1…2 jahren wieder dicht. auch weil diese clubgründer einzig und alleine die monetäre komponente in den vordergrund stell(t)en, gepaart mit gastronomischer und betriebswirtschaftlicher unwissenheit. „wer nichts wird, wird wirt“ gilt im vollen masse auch für die mehrheit der club-betreiber.

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