Die Opferhaltung

Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Autonomie und differenzierte Selbstwahrnehmung statt Opferhaltung.

Dies wird wohl einer der Texte, die wirklich schwer zu schreiben sind, wenn ich am Schluss nicht Applaus von Idioten und Angriffe von Freunden ernten will. 

Ich beurteile Menschen nach ihren Handlungen und Äusserungen. Niemals werte ich Menschen nach ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religion, Rasse, ihres Reichtums oder ihrer Armut. Trotzdem finde ich mich ab und an mit den Vorwürfen Sexismus, Homophobie, etc. konfrontiert.

Gerade in einer aufgeschlossenen Stadt wie Zürich – regenbogenfarben, linksgrün, offen – treffe ich häufig auf Menschen, die sich über ihre Opferhaltung definieren. Feministinnen, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren, Homosexuelle, die jeden Affront als «homophob» einordnen, Ausländer (meist gut integrierte Secondos), die persönliche Auseinandersetzungen gleich mit «Rassismus» kontern.

Es gibt da draussen noch viel zu viel Sexismus, Rassismus und Homophobie. Das heisst aber nicht, dass man seine eigene Identität auf sein Geschlecht, seine Herkunft, seine sexuelle Orientierung oder auf sonst ein Merkmal einer Gruppenzugehörigkeit reduzieren soll oder darf. Das zeugt von fehlender Autonomie und man wird sich selbst dabei nicht gerecht. Die eigene Person wird schabloniert und eindimensional, die Welt schwarzweiss. Es endet in «Wir und sie».

Ich hab einige Jobs und Wohnungen in meinem Leben nicht bekommen. Natürlich hätte ich schimpfen können, das sei wegen meines arabischen Namens. Wars aber meistens nicht. Da war zu Beispiel mein Betreibungsauszug. Oder meine fehlende Eignung. Oder meine persönliche Art, die lange nicht jedem passt. Wenn jemand mir sagt «Du dreckiger Kameltreiber», empfinde ich das als fremdenfeindlich. Wenn jemand mir sagt «Du grosskotziger Vollidiot», ist das wohl meiner Persönlichkeit geschuldet.

Die Selbstdefinition als Opfer führt in Zürich oft zu einer Art positiven Diskriminierung. So gehen viele meiner Bekannten viel vorsichtiger in Auseinandersetzungen mit Schwulen, Lesben, Ausländern oder feministisch orientierten Frauen. Schliesslich will man auf keinen Fall als rückständiger, intoleranter, sexistischer Vollidiot dargestellt werden. So kommt es in meiner linksgrünen Blase zu einer Art Schutzgebiet für Leute, die sich dauernd als Opfer irgendeines -ismus fühlen.

Das ist extrem abwertend. Wenn ich Leute aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung anders behandle als jeden anderen Idioten, sie schone, nehm ich sie nicht ernst. Gleichberechtigung bedeutet, dass ich den Menschen so behandle wie alle anderen. Und wenn ich mich zurückhalte, meinem Gegenüber einen Sonderstatus einräume, positiv oder negativ, diskriminiere ich aktiv. Das ist ungeheuer kontraproduktiv. Unter Ausländern, Schwulen, Lesben, Transgender und Feministinnen gibts genau gleich viele unangenehme, egozentrische und dumme Personen wie überall sonst unter Menschen.

Es gibt genug echten Sexismus, Rassismus und genug Homophobie, die wir angehen müssen, strukturell, gesellschaftlich und auf persönlicher Ebene, als dass wir uns diese Opferhaltung leisten können. Es schadet unserer gesellschaftlichen Entwicklung, wenn wir nicht zwischen persönlichem Affront und allgemeiner Abwertung unterscheiden können.

Also, wenn dich jemand «Idiot» oder «dumme Kuh» nennt, könnte das mit deinem Verhalten zu tun haben. Es muss nicht Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung gegenüber deiner Identität sein.

38 Kommentare zu «Die Opferhaltung»

  • tina sagt:

    ich bin der meinung, man muss sich sehr auf die finger schauen, um die leute nicht als opfer (ich meine als jemand, der sich als opfer ausgibt ohne dass das das echte problem wäre) abzustempeln, sondern sie ernst zu nehmen.
    mich nervte extrem als das aufkam mit diesem „du opfer“

  • Daniel Münger sagt:

    Das ist mir alles so fremd. Wer sich täglich mit Sexismus, Rassismus, Homophobie und ähnlichem auseinandersetzen muss, sollte sich vielleicht einfach ein anderes Umfeld suchen. Anstatt sich selbst zu reflektieren, ist es sicher einfacher, die Schuld auf andere, bzw. eine andere Mehrheit zu lenken. Ich sehe mich als rechtskonservativer Schwamendinger, aufgewachsen in den 1960ern mit Secondos, Schwulen, Lesben, etc., trotzdem sind diese Attribute unter uns nur sehr selten Gesprächsthema. Wer sich also andauernd mit seiner persönlichen Identität auseinandersetzen muss, verkehrt aus meiner Sicht in den „falschen“ Kreisen. Unterhaltet Euch doch auch mal mit Anderen, statt nur mit…

  • Siella sagt:

    „Natürlich hätte ich schimpfen können, das sei wegen meines arabischen Namens. Wars aber meistens nicht. “ Aha. Und woher weißt du das? Ein Problem an Diskriminierung ist eben gerade, dass sie eben meistens verdeckt stattfindet. Was sollen die sonst in der Ablehnung sagen? „Sorry, Sie sind eigentlich geeignet, aber Sie haben einen arabischen Namen und sind dazu noch eine Frau, das finden wir ziemlich scheiße. Das sagen wir Ihnen auch ganz offen, weil wir kein Problem damit haben, wenn uns die Leute verklagen.“ ..?? Sorry, das ist an Naivität kaum zu überbieten. Wenn du nicht das Gefühl hast, benachteiligt zu sein, schön – vielleicht fehlt auch einfach der direkte Vergleich, der (1/2)

    • Siella sagt:

      (2/) …Gegenteiliges beweisen würde. Hinzu kommt: Was ist denn „echter“ Rassismus, Homophobie, Sexismus? Wer bist du, anderen Leuten ihre Erfahrungen und ihren Schmerz abzusprechen? Gibt es eine moralische Instanz, eine Tabelle, einen Richtwert, wer Opfer ist und wer bitteshcön den Mund zu halten hat und sich nicht beschweren soll? Ist in der Realität eben doch oftmals ein bisschen schwieriger als gedacht. Jemand anderem zu sagen, er solle sich nicht so anstellen, ist meistens wesentlich einfacher, als selbst in der Situation zu stecken. Das nur mal am Rande.

      • Réda El Arbi sagt:

        Erstens weiss ich nicht nur als Mensch mit arabischem Namen was Diskriminierung heisst, ich weiss es noch viel stärker als Ex-Drogensüchtiger.

        Aber ich habe jeden Tag die Wahl, mich selbst auf das Eine oder Andere zu reduzieren und überall Hass zu wittern. Oder ich bin ich – mit all meine Facetten – und behandle Menschen so, wie ich auch behandelt werden möchte.

        Wenn ich nur meinen diffusen Verdacht habe, dass ich diskriminiert werde, und so durch die Welt gehe, mache ich nicht nur mein Leben zur Hölle. Ich stelle die Welt unter Generalverdacht, die Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe. Das ist kontraproduktiv. Ich wirke Quasi als Beruhigungsmittel bei echten Problemen.

        Also, Wolf rufen, wenn man nicht wirklich weiss, ob da wirklich ein Wolf ist und man sich nur vor dem Wolf fürchtet, führt dazu, dass man die echten Wölfe nicht mehr ernst nimmt, wenn sie zuschlagen.

        • Martin Frey sagt:

          Schön geantwortet, Herr El Arbi, auch ein guter Ausgangstext, gratuliere.
          Selber verorte ich das Problem nicht zuletzt auch darin, dass das, was Sie als Opferselbstdefinition beschreiben, irgendwo auch einladend ist. Es ist ein verlockendes Ass im Aermel, welches man jederzeit ziehen kann, und einem Totschlagargument gleichkommt, wenn man es dem Gegenüber um die Ohren haut. Denn niemand (zumindest unter aufgeklärten Menschen) möchte dann das (vermeintlich) diskriminierende Gegenüber sein. Sie haben damit sofort in jeder Diskussion die Deutungshoheit, ein quasi-moralischer Vorteil der einem nicht streitig gemacht werden kann.
          Langfristig macht man sich selber wohl keinen Gefallen damit.

  • Pierre sagt:

    Wie können Sie (oder jemand) feststellen, ob jemand wirklich Opfer wurde? Na gut, es gibt natürlich den Rechtsstaat, aber da scheint einiges aus dem Ruder gelaufen zu sein….

    • Réda El Arbi sagt:

      Es geht nicht darum, ob man in gewissen Situationen ein Opfer ist. Es geht darum, ob man seine Person permanent als Opfer definiert.

      • adam gretener sagt:

        Lieber Réda, es kommt schon ein bisschen drauf an, ob sich eine 17jährige vom Land darüber beschwert – wohl zurecht – dass sie als Lesbe diskriminiert wird. Oder es die Erika, vom Chornladen am Limmatplatz, ist, welche uns beide mit einem Arm zu Tetraplegikern machten könnte.

        Die hat übrigens immer schallend gelacht, wenn ich ihr gesagt habe, dass sie eine (L)Wespentaille habe.

        • Réda El Arbi sagt:

          Der Punkt ist nicht, dass man Diskriminierung hinnehmen muss. Der Punkt ist, sich nicht über Diskriminierung zu definieren.

          • adam gretener sagt:

            Sich definieren tut man eben auch durch äussere Einflüsse. Ob man will oder nicht.

          • Pierre sagt:

            Wenn es so ist, dass man wirklich zu Diskriminierten gehört, und dabei sich nur in einem Umfeld bewegt, das aus lauter solchen Diskriminierten besteht, und diese Diskriminierten aus irgendwelchen Gründen immer nur auf Diskriminierer treffen, dann scheint es mir eigentlich verständllich, das daraus eine Opferrolle entsteht. Aber Wesentlich: Dass die Diskriminierten versuchen, auf Nichtdiskriminierer zu treffen, auch Bündnisse mit den Nichtdiskriminierer schliessen, diesen Prozess verbreitern und vertiefen. Und hier (eigentlich schon vorher) ist die Politik gefragt, die solche Prozesse unterstützt. Daraus sollte eine „Gleichverteilung“ erstrebt werden:

          • Pierre sagt:

            im Sinne einer wirklich liberalen Gesellschaft, wo aufgrund der gleichverteilten und geteilten Sichtbarkeit Diskriminierung verschwindet. Das sollte das Ziel sein. Die Frage ist, ist eine solche Gesellschaft wirklich realisierbar? (ich hoffe es). Das ist natürlich prozesshaft gedacht.

            • Réda El Arbi sagt:

              Nein, natürlich ist das nicht erreichbar. Wir sind Menschen. Aber es ist anzustreben, jeden Tag. Das können wir tun.

  • Stephan sagt:

    „Es gibt genug echten Sexismus, Rassismus und genug Homophobie, die wir angehen müssen“

    Wie wäre es dann diesen anzugehen und darüber zu schreiben? Ich mache die Erfahrung, dass sich Dinge wo eine Person aus meiner Sicht zu Unrecht in der Opferrolle besser im persönlichen Gespräch klären lassen.

    Jede Sekunde welche ein Feminist* damit verbringt sich öffentlich zu verteidigen fehlt dann im Kampf gegen den kleinen gemeinsamen Nenner.

    • Réda El Arbi sagt:

      Das mache ich hier. In dem ich Menschen Autonomie und Selbstverantwortung, Reflexion und gewählte, starke Identität predige.

      • Pierre sagt:

        Gesetzt die These, dass wirklich viele in einer Opferrolle harren (sagen wir statistisch relevant oder so), dann müsste man doch fragen, woher das kommt, ob das etwas mit Gesellschaft zu tun hat. Man könnte vermuten, derjenige in der Opferrolle sieht sich selber falsch verstanden, oder bekommt zuwenig Anerkennung, Bestätigung, Respekt, Würde, Güte und solche Sachen. Kurz, man kann vermuten, dass die andere Seite, das Soziale, Emotionale usw. zu kurz kommt. An dieser Stelle bin ich mir nicht ganz sicher, ob Ihre Rezepte, Autonomie, Selbstverantwortung, starke Identität (was immer das auch heissen soll) die Richtigen sind?

        • Réda El Arbi sagt:

          Sie bringen die gesellschaftspolitische mit der individuellen Ebene durcheinander. Natürlich will ich sofort eine bessere Welt. Aber bis dahin sehe ich nicht in jedem, der mich blöd findet, einen Rassisten.

          Sehe ich mich aber WIRKLICH einem Rassisten gegenüber, kriegt er (verbal) eins in die Fresse. Aber ich bin nicht in erster Linie meine ethnische Gruppe, meine Geschlecht, meine sexuelle Ausrichtung. Das sind nur Teile meiner Identität, nicht mein Wesen. Ich bin in erster Linie ein Individuum.

  • tststs sagt:

    Stichwort „Opferkultur“ bin ich ganz bei Ihnen. Vor allem möchte ich die Verunglimpfung des Wortes „Opfer“ betonen. Gutes Beispiel mit der Wohnung: Nicht bekommen. Und das macht einen bereits zum „Opfer“. Jedes Nein? Come on folks…

    Wo ich aber widerspreche: Wir alle denken in Schubladen; dass macht uns nicht gemein oder unsympathisch, das macht uns zu Menschen, zu psychologischen Wesen. Diese Schubladisierung fällt dann jeweils individuell aus; ein Mischimaschi, das Endprodukt unserer erlebten Erfahrungen und was uns „eingeredet“ wird. Dementsprechend führt ein Name in der einen oder anderen Situation zu einer Selektion, manchmal zum eigenen Vorteil, manchmal zum Nachteil.

    • tststs sagt:

      Aber nur damits klar ist: Selbstverständlich attestiere ich Ihnen ein Höchstmass an Selbstreflexion; dass Sie einen Menschen zu unrecht negativ schubladisieren, passiert sicherlich seltenst.

    • Réda El Arbi sagt:

      Ja, aber wenn ich andere schubladisiere, kann man mir deswegen aufs Dach geben. Wenn ich mich selbst schubladisiere, bin ich verloren.

  • Peter Schwarz sagt:

    Réda El Arbi , macht älter werden klüger ? Kenne sie sonst eher als Schwarz / Weiss Denker ganz im Sinne des linken Mainstreams. Trotzdem gut geschrieben.

  • SrdjanM sagt:

    „Dies wird wohl einer der Texte, die wirklich schwer zu schreiben sind…“
    Ist aber wirklich gut geworden, passt so.
    Wäre wirklich schön wenn es bei den entsprechenden Personen auch ankommen würde.

    • Andy Mancher sagt:

      Die entsprechenden Personen sind ALLE!
      Ein Jeder ist irgendwo eine Randgruppe (z.B. Hündeler, Autofahrer)
      und dort sind die Schemata die selben.

  • Thomas Fehlmann sagt:

    Super Artikel, es gibt nichts anzufügen.

  • Celine N. sagt:

    Da gibt’s einen passenden Song dazu von den toten Hosen:
    https://youtu.be/QHTu4ZlOB2U

  • Thommen, Peter_66 sagt:

    Wenn wir uns gegenseitig blockieren, dann kommen wir nicht weiter. Daher stehe ich auf meiner schwulen Orientierung und kann nicht anders! 😛

  • Désirée sagt:

    ein sehr guter artikel, dem ich voll anschliesse.

    auch ich werde ab und zu als egoistin, hochnäsig und irgend etwas von -ismus angesehen, komischerweise immer von leuten, die mich zuerst vera… haben. bin ich sowas von einer gespaltenen persönlichkeit, dass ich mir immer überlegen muss welche nun gemeint ist 😀 😀

    mein motto ist „leben und leben lassen“, so lange die andere person mich anständig behandelt, mache ich das auch mit ihr.

    <>

    das sind genau meine worte.

    • adam gretener sagt:

      Wenn Du (öfters) verarscht wirst, dann ist das erstmal deine eigene Schuld, Désirée. Dann hilft es auch nicht, erstmal die Schuld den anderen zu geben

  • KMS a PR sagt:

    guter artikel. wenn jeder erst vor seiner eigenen türe kehrt und schaut wo der müll anfällt – und dann auch noch so ehrlich ist, diesen sich selber zu zuordnen, könnten vorurteile abgebaut werden und/oder das toleranz-spektrum erweitert werden. und nun zur realität. ich persönlich liebe meinen müll. und auch ein gesundes vorurteil, welches ich ungern der toleranz opfere. und in dem konsens sind mir entgegen gebrachte kraftausdrücke lieber als scheinheilige vortäuschungen. gerade weil sie mit meinem verhalten zu tun haben. kurzum. ich bin gerne mal ein arsch. man muss das nur akzeptieren.

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