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 Jugendträume

Miklós Gimes am Donnerstag den 1. September 2016

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Als wir klein waren, schlossen wir die Augen und versuchten, am Motorengeräusch die Marke des herannahenden Autos herauszufinden. Wenn ein schnittiger Triumph Spitfire oder ein Austin-Healey vorbeikrachte oder ein Porsche 911, schauten wir ihm lange nach, manchmal sass eine junge Frau im Cabrio, und wir fragten uns, wie es sein werde, das Leben als Erwachsener.

Seither sind ein paar Jahrzehnte vergangen, der Umweltschutz kam, die Ölkrise und der Treibhauseffekt, aber meine Kinder zeigen immer noch fachmännisch auf die Strasse, wenn sie einen Lamborghini sehen oder wenn der Aston Martin aus dem Parkplatz gegenüber elegant hinauskurvt.

Ich weiss nicht, woher sie das haben, die Bewunderung für teure Autos. Vielleicht von den Kollegen in der Schule. Vielleicht ist es genetisch. Oder vielleicht habe ich eben doch unbewusst die Botschaft weitergegeben, dass Menschen in schnittigen Autos ein sorgloseres Leben führen als Menschen in einem Familienwagen der Mittelklasse.

Wobei, der Massstab für «schnittige Autos» wird immer strenger, und der Porsche, ist mir aufgefallen, ist definitiv kein Thema mehr. Es gibt einfach zu viele. Sonst müssten meine Kinder bei jedem dritten oder vierten Wagen den Arm heben. Denn wenn man mich fragt, was sich wirklich verändert hat in unserer Stadt, dann ist es die Anzahl von Porsche auf der Strasse. Sie fallen gar nicht mehr auf, ausser eben die alten 911er. Wir haben uns an den Porsche gewöhnt. Er lebt unter uns.

Manchmal frage ich mich, was das bedeutet. Nehmen wir die Vespa, überhaupt die Roller, auch sie sind überall auf den Strassen, wie Heuschrecken sind sie über die Stadt hergefallen. Schmirgeln und schlängeln, jenseits jeder Sicherheitslinie, man wähnt sich manchmal in Palermo oder in Rom. Sie überholen rechts und links, wie man es in Italien gesehen hat oder in den italienischen Filmen. Denn darum geht es ja, um die Geschichte hinter einem Fahrzeug. So eine Vespa ist eine italienische Legende. Und jeder kann sich heute auf eine Vespa setzen, den Fahrtwind spüren, diesem lebensmüden Ton nachjagen, der immer lauter wird in der heissen Sommernacht.

Es geht immer um die Story. Auch wenn einer meiner Söhne im komplett ausgewaschenen T-Shirt von Zlatan Ibrahimovic zum Training geht – ein anderes Trikot zieht er nicht an, lieber bleibt er zu Hause. Dann hat man das Gefühl, dass ihn der Fussball nicht mal so sehr interessiert, es geht um Zlatan. Er ist Zlatan. Der Rebell mit dem Rossschwanz. Die Story ist alles.

Zurück zu den Tausenden, die sich in den letzten Jahren einen Porsche gekauft haben. Wer sind sie? Was stellen sie dar? Gut, sie haben sich einen Jugendtraum erfüllt, einen Porsche. Aber was ist die Geschichte? Möchten sie so wie die Jungs im Silicon Valley sein? Die Softwaretüftler mit den Facebook-Aktien? Jung, smart, Porsche? Was für eine Subkultur wächst da heran? Und was hat das alles zu tun mit den dunklen, hochgetunten BMW der Secondos aus Kosovo, ihrer schwarzen, brummenden Armee? Dem balkanischen Jugendtraum? Kommt der Showdown? Wann?

Diese Geschichte muss noch geschrieben werden.

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7 Kommentare zu “ Jugendträume”

  1. Urs Wille sagt:

    Ich freue mich jeden Tag über die eigene Kraft, wenn ich in die Pedale trete. Ein tolles Gefühl und erst noch sehr leise und vergleichsweise sehr sauber. Und auch wenn ja viele über die bösen Velofahrer jammern: Das da war keiner von denen: http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/flucht-vor-polizei-mercedes-rast-ueber-kreisel/story/28173144

  2. Fredi sagt:

    Ich fahre einen 660 PS Mustang und fühle mich dabei wie Steve McQueen, meine Frau wie Faye Dunaway. Die Meinungen der Freudlosen und Neider amüsieren mich, ernst nehmen möcht ich diese aber nicht. Wie damals als wir den Porsches, Lambos und De Tomasos nachgeiferten, feucht hinter den Ohren aber glücklich.

  3. Venty sagt:

    Heutzutage schau ich nur noch den Autos nach, die nicht rumlaermen. Ich nenne das “Tesla-Spotting”. Neulich in den Ferien in Norwegen, da ist mir schon fast ein bisschen das passiert, was der Autor mit den Porsches beschreibt, einfach weil da so viele, auch andere Elektroautos wie Nissan Leaf oder der hierzulande noch unbekannte E-Golf, zu sehen waren auf den Strassen.

  4. dr house sagt:

    was hat den SO ein porsche nocht mit DEM porsche zu tun? ich stamme aus einer zeit, wo nur «bessere leute» oder «direktoren» einen benz fuhren, hat jeder schnösel einen. langweilig. geschweige der MINI. was hat dieses pseudo-colani-geschwür (von BMW gebaut) nocht mit DEM MINI zu tun???? und die leute fühlen sich damit wie «weiss-nicht-was»… wer selber nie in den echten Porsches (911er 70er-jahre) noch im echten mini (60 bis 80er Jahre) noch in irgend einem gefährt, dass eine legende ist, gefahren ist, hat keine ahnung und definitiv etwas verpasst. keines der heutigen autos wird je einen solchen kult-status erreichen, weil sie alle nur noch eier sind, die einander gleichen….

  5. Joe Weiss sagt:

    Oft sind die Porsches (und zwar die, mit dem «dicken Hintern», z.B. die Cayennes oder Macans) auch Zweit-(oder gar Dritt-) Autos von absurd Betuchten. «Hausfrauen»-Panzer, nennen sie jene Leute an der Goldküste, die trotz der bevorzugten Wohnlage einen bescheidenen Lebensstil an den Tag legen. Diese Fahrzeuge füllen 1.5 Norm-Parkplätze vor den Comestibles-Läden oder im Migros-Parkhaus. Man könnte das nun als «Neid-Geklöne» taxieren. Es ist aber eher ein «Mitleid-Lächeln»… 🙂