Keine Liebe für Lovemobiles

DJs, die nicht vom Motorengeräusch zu unterscheiden sind: Keine Seltenheit an der Street Parade.

DJs, die nicht vom Motorengeräusch zu unterscheiden sind: Keine Seltenheit an der Street-Parade.

Hierzulande kann man immer häufiger zu Sets von Frauen wie Patrischa, Eli Verveine, Honorée, Frau Hug oder Vanita tanzen. Sie alle spielen in den besten Clubs mit subkultureller Programmierung wie der Friedas Büxe, dem Basler Nordstern oder dem Supermarket. Auch die Bernerin Carol Fernandez vermag sich seit längerer Zeit in der Männerdomäne DJing zu behaupten. Im Unterschied zu den Genannten ist sie aber in sehr kommerziellen Gefilden zuhause, samt Gastauftritten bei der SRF-Sendung Glanz & Gloria. Ähnlich wie die Ostschweizerin Tanja La Croix vermarktet sie sich denn auch nicht primär über ihre Musik, sondern mit peppigen Modelfotos.

An der Street-Parade vor zwei Jahren hat Fernandez ein Zeichen gesetzt, das man trotz Absenz von Absicht als Statement interpretieren kann, und hat den ehemaligen Sidekick von Harald Schmidt und heutigen Ballermann-DJ Oliver Pocher auf ihr Lovemobile gebucht. Klar… dieses Booking war wohl eher das Resultat einer enormen Fehleinschätzung der Ansprüche leidenschaftlicher Raver, aber trotzdem hat sie damit die Entwicklung auf den Punkt gebracht, welche die Zürcher Clubs von der Street-Parade fernhält: Die Musik die von den Lastwagen runterdonnert ist mehr Tortur als Kunst und hat nichts mit dem zu schaffen, was beispielsweise in einem Club Zukunft läuft – dort würde man Pocher und Fernandez wenn nötig mit Gewalt von den Plattentellern fernhalten.

Auch in diesem Jahr lässt einen die Durchsicht der Lovemobile-DJs erschaudern. Klar gibt es Ausnahmen wie beispielsweise das «Mimmo & Friends»-Lovemobile mit DJs wie Dario D’Attis oder Mirco Esposito oder das „Black & White Lovemobile“ auf dem unter anderem das Mad Katz DJ Team zugange ist. Aber alles in allem wünscht man sich bei den meisten Lovemobiles die Motoren wären lauter als das Soundsystem. Ganz anders sieht es hingegen auf den Bühnen aus: Der Street-Parade-Booker Robin Brühlmann hat ganze Arbeit geleistet und seine acht Stages hochkarätig besetzt. Loco Dice, Mind Against, Martin Buttrich, Pan-Pot und Steve Lawler sind nur ein paar der grossen DJs die da spielen.

Vor diesem Hintergrund ist die Idee zu sehen, die neulich in den sozialen Medien aufgetaucht ist, man könnte doch die Lovemobiles abschaffen und die Street-Parade zum elektronischen Festival umbauen. Dieser Gedanke ist nicht neu und es waren bereits zögerliche Ansätze zu beobachten aus der Parade ein mehrtägiges Happening analog der Sonàr in Barcelona zu machen. Jedoch sollte auch dann keinesfalls auf den Lastwagen-Umzug verzichtet werden: Auch wenn der Zürcher die Lovemobiles nur noch als akustisches Ärgernis sieht, so sind doch sie es, die die Street-Parade so einzigartig machen. Egal wie scheusslich der Sound bisweilen ist: Die Lastwagen sind als Herzstück und ultimativer Wiedererkennungswert der Street-Parade nicht ausklammer- oder abschaffbar. Egal wie man’s dreht und wendet: Soll sich was ändern müssen die Clubs mit eigenen Lastwagen zurück an die Strecke. Je früher desto besser.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

30 Kommentare zu «Keine Liebe für Lovemobiles»

  • Marcel sagt:

    Oh je, dann ist dieser Artikel noch sinnloser: „Auch wenn eine 10%ige Minderheit die Lovemobiles nur noch als akustisches Ärgernis sehen…“
    Danke für den Lacher, Alex 🙂
    Hab dich lieb.

    • Alex Flach sagt:

      Ach herrje… das ist jetzt etwas dümmliches Gezicke hier, lieber Marcel…. sei doch nicht gleich säuerlich… Geschmack ist nun mal halt Glückssache und du hattest hier halt für einmal Pech. Es gibt weiss Gott Schlimmeres… absolut kein Grund hier eingeschnappt seltsame Prozentrechenaufgaben zu lösen. 🙂

  • Marcel sagt:

    Das du die Zürcher subkulturelle Szene bauchpinselst, weil du von dieser lebst, ist sehr nett von dir. Aber überleg doch mal was du da vorschlägst. Recherchiere mal die Anzahl Gäste, die diese Szene in Zürich anzieht. Gehen wir von 100’000 aus, die im Umkreis von Zürich regelmässig in diesen Clubs verkehren (Du weisst das aber bestimmt besser), dann zieht die Streetparade 400’000 (Schätzung) solcher Leute von überall an. Und der Rest möchte einfach dabei sein und Spass haben. Und diese hören in der Regel andere oder kommerzielle Musik. Denen möchtest du coole Undergroundmusik aufzwingen? Warum? Die haben keinen Spass dabei und finden diese zu monoton. Wo bleibt die Toleranz? 🙂

    • Alex sagt:

      Ich „bauchpinsle“ und arbeite mit diesen Clubs weil ich ihre Musik mag, weil sie ihren Gästen Darbietungen von Artisten bieten die das Genre weiterbringen. Die Street Parade ist in diesem Umfeld entstanden und wo käme diese Welt nur hin, wenn man alles auf den Geschmack einer möglichst grossen Masse ausrichten würde.. Wobei… Schau einfach am Samstagabend die Sendungen der 3 grössten deutschen Privatsender und du weisst es.

      • Marcel sagt:

        Das du die Musik schön findest ist völlig ok. Aber die Welt verändert sich. Und die Kommerzos wollen nichts übernehmen, sie sind ein Teil davon geworden. Und auch das ist ok. Du kannst sie nicht ausschliessen, das ist doch das schöne an der Street Parade. Du sagst ja selber, dass die Clubs, Stages, etc. viel gute Undergroundmucke bieten. Toleranz bitte!
        Jedes Wochenende abwechslungsweise die gleichen DJs von Berlin, etc. nach Zürich zu importieren, finde ich nicht gerade innovativ von den Clubs. Mut für Neues wäre doch toll! Und auch die kommerziellen Genre entwickeln sich weiter. Aber das hörst du ja nicht, deswegen fällt dir das nicht auf.
        Viel Spass beim Fernsehen!

        • Alex Flach sagt:

          Mit dem ganzen Berlingetue sprichst du mir aus der Seele… man hat lange nur eine Party mit Berlin anschreiben müssen und schon sind sie gekommen. Glücklicherweise löst sich das langsam etwas auf. Toleranz immer, aber nur unter Vorbehalt für schlechte Musik und was das Neue anbelangt; es wäre (eben) sehr erfrischend, wenn an der Parade wieder neue, innovative Elektronik laufen würde. Ich nehme an Du sprichst von „EDM“ und da bin ich der Meinung, dass sich nur die Masse an Drops und Effekten nach oben entwickelt… Aber eben… das ist meine Meinung. Aber da es meine Kolumne ist, steht da halt meine Meinung. Muss aber nicht die Meinung aller sein.

          • Marcel sagt:

            Dann wäre wohl besser: „Auch wenn Alex Flach und seine Freunde die Lovemobiles nur noch als akustisches Ärgernis sehen…“ Ich behaupte mal, es gibt mehr Zürcher, die kommerzielle Musik hören als solche, die auf Underground stehen. Und wenn du mal die Playlisten auf den Handys deiner Freunde anschaust, wirst du überrascht sein, was du alles findest 🙂
            Es gibt noch ganz viel zwischen Underground und EDM. Und auch die Videos aus deinen Clubs zeigen, dass die Leute in der Regel an dem Punkt eines Tracks richtig abgehen, an dem der Beat nach dem Break wieder einsetzt. Diese DJs verwenden zwar leichtere Drops und FX aber so tickt der Tanzende nun mal. Ihr seid gar nicht so anders 🙂

          • Alex Flach sagt:

            Natürlich gibt es mehr die das hören. Justin Bieber hat auch mehr Hörer als Radiohead, Rihanna hat mehr Hörer als Johann Sebastian Bach, Stefan Raab fanden mehr Leute lustig als Gerhard Polt, es gibt mehr Leute die Kim Kardashian kennen als solche die wissen wer Banksy ist, es gibt mehr Leute die zu Guardians of the Galaxy gehen als in einen Film mit Bruno Ganz… aber muss ich das gut finden? Jack Nicholson in The Bucket List; „Das Leben hat mich gelehrt dass 90% der Menschen immer falsch liegen“. Du bist halt bei den 90% wie’s scheint. 😉 Aber du kannst dich damit trösten, dass ich zu einer 10%-Minderheit zähle.

  • Raphael Jung sagt:

    Vorallem fehlt das DnB Mobile. War für mich jedes Jahr das Highlight der Parade war!!!

    • Patrick Bosset sagt:

      Sie sprechen mir aus dem Herzen, auch für mich läuft ohne Jungle gar nichts.Soviel ich weiss gab’s DnB zuletzt 1999, ist (sehr) lange her…

      • Venty sagt:

        2003 wars, da war viel akustische Umweltverschmutzung dabei mit Kommerz-Trance a la Ta-Ta-Ta Ta-Ta-Ta Ta-Tatana. Aber dann kam da ein schwarzes Lovemobile, dunkel und bedrohlich mit grimmigen Smileys und dem haertesten Gabber, den man seit Jahren an einer Street Parade gehoert hat! Traxstorm aus Italien rettete mir und allen anderen die Laune! Da gings ab! Auf einmal war die Freude, die Euphorie aus den 1990ern wieder da!

        Apropos: Gibt’s die Fuckparade eigentlich noch? Abgesehen davon, dass sie da leider auch Hip-Hop spielten, war das eine sehr gute Alternative.

  • Simon sagt:

    wenigstens verspricht der erste Wagen schmackhafte Musik. Immerhin … 🙂

  • Vogelflieg sagt:

    Von was lebt eigentlich Pocher und all die anderen Celebrities oder wie man das schreibt? Vor allem wenn sie alt werden? Ist das wie im Fussball, bis 35 powern, dann hat man genug Geld, das man angelegt hat? Im Prinzip sind Entertainer ja verwandt mit Hochleistungsportlern.

  • Linda sagt:

    Doch, er hat sich sogar sehr aufgedrängt gehabt 🙂 und ihm eine Plattform zu bieten = Promo! Promo = Verkaufsstrategie!
    Der Unterschied zwischen anderen weiblichen DJ’s und Carol ist, sie macht nicht nebenbei nur Promo indem sie sich unter Anderem auch optisch sehr gut verkauft etc.(was Optik heut zu Tage sehr wichtig ist denn das AUGE will SEHEN) sondern SIE KANN AUCH AUFLEGEN. Das ist der Unterschied. Ich halte auch nichts von Leuten, die nach Aufmerksamtkeit suchen, dahinter aber nichts steckt. Bei Carol hingegen steckt KÖNNEN! Sie weiss, wie sie die Menge zum toben bringen muss, egal ob mit kommerzieller House Musik od mit Underground! Im Rabbit Whole im Choo wärst auch du…

  • Wir von Jur Records wollten dieses Jahr mit einem Drum and Bass Truck mitstarten, mussten aber aus organisatorischen Gründen das Ganze auf nächstes Jahr verschieben. DnB gehört felsenfest zur elektronischen Szene wie Techno. Um Abwechslung in die Parade zu bringen und um ein Zeichen zu setzten um was es doch schlussendlich geht ist die Soundsystemkultur, die Essenz und der Ursprung des Djing. Wir werden auch von Clubs, wie der Amboss Rampe und dem Kiff Aarau unterstützt. Der Hauptfaktor zum Gelingen eines solchen Projektes ist der Einsatz der Promoter Crew selber und das bedingt eine Menge Vorarbeit und Einsatz. Die Auflagen sind enorm, daher schrecken die meisten zurück.

  • Dominik sagt:

    Der Artikel hat ein Gschmäckle, wie man in Deutschland sagt. In zwei der drei lobend erwähnten Lokale ist der Autor selbst tätig. Und mit Carol Fernandez und Tanja La Croix tritt er ganz gehörig in die Sexismusfalle. Frau Binswanger könnte ihm behilflich sein.

    • Alex Flach sagt:

      🙂 Sexismusfalle? Wenn man nicht alles gut findet was bestimmte Frauen machen ist man ein Sexist? Einfach motzen um des Motzens Willen? Und ja: Das mit den Clubs steht am Ende eines jeden Beitrages seit Anbeginn. Wenn man denn lesen könnte… Wenn Du noch ein paar andere Clubs mit guter subkultureller Programmierung kennst, kannst Du die hier gerne ergänzen.

      • Stan sagt:

        Hallo Alex
        Wie immer hervorragend geschrieben. Was ich mich frage ist jedoch: Spiegelt ein Booking von Fernandez (inkl. Pocher) nicht das Bild der heutige Streetparade wider? Sind die Zeiten von „Liebe, Friede, Freiheit, Grosszügigkeit , Toleranz“ nicht schon längst vorbei? Kommt der Ausdruck“Sommerfasnacht“ doch nicht ganz von ungefähr? Selfies und Selbstinszenierung sind IN, gute Musik ist OUT? Besuchen Raver und andere Fans der guten Elektromusik nicht eher die von Dir erwähnten Clubs statt sich die Street Parade anzutun? Ist all dies nicht verdammt schade, jedoch genauso Tatsache geworden? Betrifft das bestimmt nicht alle des Millionenpublikums?

        Meine Meinung, wies siehst Du…

        • Alex Flach sagt:

          Genau… wäre es nicht durchaus ernst gemeint gewesen, könnte man das Booking von Pocher als damals als Aktion sehen, mit der die Entwicklung auf den Lastwagen auf den Punkt gebracht werden soll…

      • Linda sagt:

        Lieber Alex, Ich kenne Carol Fernandez sehr gut und verfolge sie über Jahre. 1. hat sich Oli Pocher selber eingeladen und nicht SIE hat ihn gebucht und 2. wenn du wüsstest wie sehr Carol einen underground/tech/deep house Club rockt, dann wärst du der 1. der ab shaken würde.
        Die Zeiten haben sich nun mal geändert. Der DJ ist zum Entertainer geworden und um das geht’s doch primär immer noch. Die Leute zu unterhalten damit sie Spass haben. Sie verkauft sich halt sehr gut, deshalb kann sie davon sehr gut leben und das seit über 6 Jahren. Du verkaufst dich auch super, indem du Sachen schreibst, die gar nicht stimmen 😉
        Sie ist hat ein breites repertoire, weil sie Abwechslung selber auch…

      • Dominik sagt:

        nur schreibst du gar nicht, dass du sie schlecht findest, sondern dass sie sich halt durch „peppige Modelfotos“ „vermarkten“ – ups. Aber wie ich sehe, seid ihr unter euch. Sei’s drum.

        • Alex Flach sagt:

          Sich nicht über die Musik vermarkten tun auch gewisse männliche DJs. Bloss weniger via Bildmaterial sondern halt mit Statussymbolen…. Die hatte ich hier ja auch schon öfter. Klar finde ich ihre Musik nicht gut.

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