Alleingang

Ein pensionierter Zürcher Hausarzt sammelt Unterschriften für Flüchtlinge. Er schreibt Tausende Mails. Und wird enttäuscht.
gimes

Im fünften Jahr seiner Pensionierung mochte René Kofmehl nicht mehr mit ansehen, wie die Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze aufliefen, jeden Tag wurden es mehr, bei Schnee und Regen, 14 000 Menschen, viele Frauen und Kinder, und Europa schaute zu, verdrängte, diskutierte, verhandelte. Genug geredet, dachte sich René Kofmehl.

Am 26. März setzte er unter der Parole «Retten statt Reden!» einen Aufruf ins Internet, auf Change.org, 14 000 Unterschriften wollte er sammeln und Bundesrätin Simonetta Sommaruga schicken, damit die Gestrandeten von Idomeni in der Schweiz aufgenommen werden. «Wir reden dauernd vom Alleingang», sagte er, als ich ihn anrief, «jetzt wäre der Moment dafür. Ich glaube nicht, dass die europäischen Staaten uns deswegen böse sein werden.»

Herr Kofmehl war jahrzehntelang mein Hausarzt gewesen. Seit der Pensionierung arbeitet er noch Teilzeit als Internist, daneben macht er Kammermusik und begleitet als Arzt das Tonhalle-Orchester auf Tourneen, langweilig sei ihm nicht, sagte er. Kofmehl ist ein zurückhaltender, korrekter Mensch, die ganze politische Arbeit ist neu für ihn, er ist nie in einer Partei gewesen, hat sich nie in einer politischen Bewegung engagiert, aber er hat politischen Instinkt bewiesen. Er ist nicht nach Griechenland gefahren mit Kleidern und Wolldecken, was zwar lobenswert ist, aber eben nicht wirklich politisch gedacht, sondern er hat versucht, Druck in unserem Land aufzubauen, die Grenzen etwas mehr zu öffnen. Denn ohne politischen Druck wird in der Schweiz nicht annähernd so etwas Mutiges geschehen, wie das Angela Merkel gemacht hat.

Tausend E-Mails hat er verschickt, jedes davon eigenhändig auf den Adressaten zugeschnitten, er schrieb an Politiker und Politikerinnen, an Kolleginnen und Kollegen aus der Ärzteschaft, viel Arbeit, «die ich mit einem vollen Job nie hätte bewältigen können». 4000 Unterschriften kamen am Ende zusammen – das Ergebnis ist ernüchternd. «Der Wohlstand macht uns egoistisch», sagte René Kofmehl.

Aber er hat auch Aufmunterung erfahren, die Präsidentin der Grünen meldete sich bei ihm, und jemand fragte ihn, wie man sich gegen die herzlose Wegweisung einer Geflüchteten aus Syrien wehren könne, vielleicht könne er ein ärztliches Zeugnis schreiben. «Aber das kann ich nicht», erzählte Kofmehl.

Eine nette Mail erhielt er auch von Jon Pult, dem jungen Nationalrat der SP Graubünden. Sonst hatte es von den Sozialisten niemand nötig gefunden, den Aufruf zu unterschreiben, Parteipräsident Levrat habe nicht mal reagiert. Genauso wenig wie die Professorenschaft des Universitätsspitals.

René Kofmehl gibt nicht auf. Er sammelt weiter und möchte sich mit anderen zusammentun, mit den Jungen Grünen und dem Appel National, einem Aufruf Westschweizer Persönlichkeiten, die ebenfalls dafür einstehen, dass die Schweiz mehr Menschen aufnimmt. Nächsten Montag, am Weltflüchtlingstag, bringen sie die Unterschriften nach Bern, etwa 12 000 haben die Gruppen insgesamt gesammelt. Irgendwie sind die Flüchtlinge nicht mehr so cool wie auch schon. Sie scheinen aus der Mode gekommen zu sein.

12 Kommentare zu «Alleingang»

  • Manuela Baumann sagt:

    Jon Pult ist nicht Nationalrat, er war bloss Kandidat.

  • Florian Müller sagt:

    Leider sind sowohl Sozialdemokraten wie auch die Grünen zurzeit zu fest damit beschäftigt, Sitze und Pfründe zu sichern bzw. die nächsten Wahlen vorzubereiten und haben keine Zeit für den Wähler. Oben angekommen verlieren sie jene Empathie, die sie von den Bürgerlichen unterschieden hat (Fall Fehr, Fall Graf, Fall Reber). Andere (Ab-) Stürze sind programmiert.

  • Tim Birke sagt:

    Hut ab vor Herr Kofmehl

    • Tim Birke sagt:

      Würden die nationalen Medien offiziell über Herr Kofmehl schreiben hätte er sehr viele Unterschriften. Aber wie auch schon in früheren Fällen bewiesen werden solche sehr menschlichen Reaktionen in der Schweiz wie von einer unsichtbaren Hand zurückgehalten um wirklich publik zu werden.

  • Monika sagt:

    Es ist nicht einfach, sich an den vielen, und doch irgendwie wenigen Stellen zu melden oder beteiligen, um sich politisch zu Wort zu melden. Es fehlt meiner Meinung auch an Zeitungsberichten mit Tiefgang betreffend diesem Thema.
    Die Petition von Kofmehl habe ich sofort unterschrieben. Allerdings war mein erster Eindruck, ah Mail, das ist sicher Spam. Nicht wegen dem Mail selbst, sondern wegen dem Kommunikationsmittel „Mail“ an sich. Nach kurzem Einlesen war ich sofort überzeugt.

  • clbr sagt:

    Habe natürlich sofort unterschrieben. Und hoffe, viele werden es mir gleichtun.

  • Gutmensch sagt:

    Wo liegt das Problem? Er kann sie jederzeit auf eigene Kosten aufnehmen.

    • Matthias sagt:

      Nein, kann er nicht. Auch wenn Sie versichern, dass Sie sämtliche Kosten übernehmen (und belegen, dass Sie das können), werden Sie von den Schweizer Behörden niemals eine Aufenthaltserlaubnis irgendeiner Art (und sei es nur ein dreimonatiges Touristenvisum) für solche Leute bekommen. Und stellen Sie sich den Aufschrei von Ihnen und Ihresgleichen vor, wenn z.B. ein wohltätiger Milliardär hunderte oder sogar tausende Flüchtlinge „importieren“ würde, selbst wenn er alle Kosten übernehmen würde! Das Problem ist ja nicht das Geld (wovon die Schweiz genug hätte), sondern die irrationale Angst der Schweizer, sie könnten irgendwie „überfremdet“ oder gar „islamisiert“ werden.

    • Daniel Andres sagt:

      hier wäre ein derbes Schimpfwort am Platz. Aber das darf man ja nicht. verstanden haben Sie hoffentlich trotzdem.

  • emoadlia sagt:

    „die Präsidentin der Grünen meldete sich bei ihm, und jemand fragte ihn, wie man sich gegen die herzlose Wegweisung einer Geflüchteten aus Syrien wehren könne, vielleicht könne er ein ärztliches Zeugnis schreiben. “ – Versuchte Anstiftung (Art.24 Abs.2 StGB) zur vorsätzlichen Austellung eines falschen ärztlichen Zeugnisses (Art. 318 StGB), Offizialdelikt.

  • corry zegers sagt:

    Ja, Idealisten sind schon tolle Menschen, aber sie vergessen , dass man es mit einer anderen Kultur zu tun hat. Wir überlegen 2x noch ein Kind in die Welt zu setzen, wenn es schon 2 hat. Die Flüchtlingen produzieren fleißig weiter, ohne Rücksicht auf Armut, Bildung etc. Kann ich ja verstehen aus ihrer Sicht, aber aus unserer Sicht ist es mühsam. Früher war das bei uns auch so. Die Armen hatten die meisten Kinder, Wahrscheinlich habe ich wohl einen Faux pas gemacht!!

    • Berger S. sagt:

      Ja, Sie ein faux-pas, ich meine Meinung dazu:
      Viele Kinder waren und sind immer noch weltweit bei verfolgten Menschen eine der Strategien, um zu überleben.
      Das war auch bei den Täufern und andern Menschen so. Seit Jahrhunderten werden Menschen verfolgt. Kinder sind oft die einzige Hoffnung.
      Sie sagen es richtig: Menschen aus anderen Kulturen kommen. Und ich sage: wir können und dürfen sie nicht aufhalten.
      Wenn wir ihnen ohne Verständnis und ohne Respekt begegnen stärken wir bei ihnen Respektlosigkeit und Unverständnis. Beides führt zu Rebellion. Dann können unsere fremdenfeindlichen Kreise generalisierend von „diesem Pack“ sprechen und unser Ländli zu noch mehr Abschottung ermutigen.

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