Die Fussball-Lüge

Nur ja keine Kritik am heiligen Ball!

Nur ja keine Kritik am heiligen Ball!

«Ausschreitungen in Frankreich – Verletzter in Todesgefahr», waren die ersten News, die mich von der EM erreichten. Ein paar Tage zuvor warens eine nicht unbeträchtliche Menge von Idioten aus der Südkurve, die Sch***** bauten. Ich muss zugeben, ich bin kein grosser Fussballfan. Wenn ich mich mit Fussball beschäftigen muss, dann meistens, weil irgendwelche Fans wieder mal die Stadt in Trümmer legten. Das mag  mir ein etwas einseitiges Bild dieser Sportart vermitteln.

Aber wann immer ich die real existierenden Probleme rund um die zweitwichtigste Nebensache der Welt anspreche, muss ich mit einem Shitstorm rechnen, der in Qualität und Quantität Seinesgleichen sucht. So auch bei dieser EM. Egal obs um Korruption, Gewalt, Medien-Overdose, Werbeterror oder Gagen und Gemauschel geht, der geneigte Fussballfan blendet diese Seite seines Lieblingssports aus, oder aber keift wie ein altes Waschweib von Ungerechtigkeiten und einseitiger Berichterstattung.

Es gibt ein paar Themen, die immer die radikalen Fundamentalisten auf den Plan rufen: Religion, Feminismus, Veganismus und eben Fussball. Während es sich bei den ersten Drei um fundamentale Lebenskonzepte handelt, ist es bei Fussball eine emotionale Ersatzhandlung. Man identifiziert sich, man engagiert sich, ohne dazu eine Position beziehen, sein Gehirn einschalten oder sich sonst irgendwie detailliert mit der Welt auseinandersetzen muss. Fussball ist Opium fürs Volk. Während einer EM ist die Aufmerksamkeit von Millionen auf ein paar Europäer, die für ein paar Millionen ein paar Bälle treten, fokussiert.

«Lass doch mal die Politik draussen, es ist EM», hab ich mir gestern anhören müssen, als ich darauf hinwies, dass 6 der 11 Spieler der Schweizer Mannschaft Flüchtlingshintergrund haben. Das zeigt die Drogenwirkung grosser Fussballereignisse. Man will nicht denken.

Nicht selten benutzen Parlamente die Zeit während einer EM oder einer WM, um schnell umstrittene Entscheide durchzuwinken, da die Fussballzombies in dieser Phase völlig absorbiert sind. Brot und Spiele, und eine Elite wird auch noch reich dabei. Nein, ich meine  nicht die Spieler, sondern die Funktionäre. Die Leute, die Fernseh- und Werbepfründe beiseite schaffen.

«Aber das hat doch nichts mit Fussball zu tun. Wir lieben das Spiel», hör ich da die Fans jammern. Sorry, falsch. Mit jedem Match, den ihr am TV anschaut, mit jedem T-Shirt, das ihr kauft, mit jedem überteuerten Ticket, das ihr bezahlt, haltet ihr die korrupten Strukturen am Laufen.

«Aber bei Fussball gehts um Fairplay, Gemeinschaftsgefühl, Leistung und Spass!», wird mir da entgegengehalten. Nun ja, bei einem Match zwischen zwei Teams aus Sechstklässlern würde ich zustimmen, wenn da nicht die Väter wären, die am Spielfeldrand völlig ausflippen. Es geht ums grosse Geschäft, und wers bestreitet, lügt sich in die Tasche. Es geht um Identität, die man mangels innerer Orientierung in den Farben eines Vereins sucht. Es geht um Werbebudgets, die das Bruttosozialprodukt mittlerer Entwicklungsstaaten erreichen.

«Aber Fussball ist auch wichtig für die Welt! Nur schon was die FIFA in den Entwicklungsländern erreicht hat. Bauprojekte,  Organisation, Perspektive für die Jungen!», führen Fussball-Religiöse an. Echt jetzt? Die Verbände in den Entwicklungsländern sind diejenigen, in denen Korruption am umgehemmtesten wuchert. Zukunftsperspektive? Hunderttausende Jugendliche rund um die Welt spielen Fussball, anstatt sich auf Schulstoff zu konzentrieren, weil sie – oder ihre Eltern – den Traum vom Fussballmillionär träumen. Effektiv spielen dann nur eine Handvoll für Clubs, die auch eine Gage bezahlen können. Fussball ist keine Alternative zu wirtschaftlicher Entwicklung, im Gegenteil, es korrumpiert mit jedem grossen Turnier ganze Städte.

«Du hasst Fussball einfach», wird mir dann vorgeworfen. Aber nein. Fussball ist mir mehr oder weniger egal. Das Spiel selbst kann sogar ganz witzig sein, spannend, so dass man mitfiebert, auch wenn man kein ausgesprochener Fan ist. Aber zu tun, als ob das Spiel unabhängig von dem ganzen Dreck, der ganze  Korruption und der ganzen Gewaltbereitschaft unter den Fans existieren würde, ist eine ausserodentliche Leistung von selektiver Wahrnehmung. Es ist, als ob man ein Sandwich aus mittelmässigem Fleisch und zwei Scheiben verschimmeltem Brot als 4-Sterne-Menü ansehen will.

All diese Sachen hab ich in den letzten Tagen geäussert. Als Antwort hab ich Leugnung, Rationalisierung, blanke Wut und jede Menge Angriffe unter der Gürtellinie geerntet. Und das nicht nur von Hools, Ultras oder sonstigen Hardcore-Fans. Sondern von ganz normalen Familienvätern und Kollegen. Nicht einer war bereit, auch nur zuzugeben, dass Fussball inzwischen im Dreck ertrinkt und ein massives Imageproblem hat.

29 Kommentare zu «Die Fussball-Lüge»

  • Réda El Arbi sagt:

    Liebe Leser,

    ich hab wirklich keine Lust, mich bei der Moderation der Kommentare durch Beschimpfungen ohne irgendwelche Argumente zu kämpfen.

    Ich schliesse hier die Diskussion. Wer jetzt gerne „Zensur“ schreien will, soll sich auf WordPress selbst einen Blog einrichten. Dies hier ist ein privatwirtschaftliches Gefäss und nicht verpflichtet, jeden Dreck zu publizieren.

    Bedankt Euch bei den Fussballfans.

    Der Autor

  • felina sagt:

    Vielleicht sollte ich auch damit beginnen einen Blog zu schreiben. Auf dem Niveau krieg ich es auch noch hin.

    • Réda El Arbi sagt:

      Nur zu. Obwohl der Kommentar mich schon am Erfolg zweifeln lässt. Tipp: Argumente würden Sinn machen.

  • Schöbi sagt:

    Das stimmt plus minus alles was der Autor von sich gibt. Das kann man so stehen lassen. Aber: uns geht es allen viel zu gut, als das wir ernsthaft an diesen Umständen etwas ändern wollen/können/sollten. Und denen die es nicht so gut haben wie wir, die haben andere Probleme als ein korrupter Funktionär oder ein paar Böller im Stadion. Es ist für den normalen Fan so ein bisschen: „na und ?“ mich eingeschlossen.

  • Pierre Bonmot sagt:

    Meine erste Reaktion auf den Artikel war „Na und?“. Was ändert es, wenn ich in einer Diskussion am Thema „ja, FIFA/UEFA haben ein Image-Problem“ sage? Macht es auch nur eine weniger geworfene Bierflasche wenn ich am Abend mit meinen Töchtern darüber diskutierend am Familientisch sitze anstatt gemeinsam der multikulturellen Schweizer Nati zuzuschauen und mitzufiebern? Nein, tut es nicht, und drum schau ich auch die weiteren Spiele mit Vergnügen.

    Meine zweite Reaktion war dann etwas im Stil von „da wird so viel unterschiedliches in einen Topf geworfen, dem Autor ging es wohl nicht um Fussball“.

  • Simbo sagt:

    Nach dem Artikel über die Stapo – Söhne Tells, habe ich gedacht, die Talsohle sei erreicht, aber zu meinem grossen Erstaunen haben Sie sich mal wieder selber übertroffen. Viel belangloser und undifferenzierter kann man nicht schreiben. Nur schon der Eingang in den Artikel ist ja vor lauter Galgenhumor kaum zu überbieten – Ausschreitungen in Paris 😉 Aha, nun gut, die Ausschreitungen der Engländer waren doch ca 700 km von Paris entfernt. Ist zwar unwichtig aber es zeigt, wie Sie uninformiert über gewisse Themen schreiben. Es muss ja grausam befriedigend sein, Themen ohne Fachwissen schlecht zu reden, welchen anderen Menschen Freude bereiten, sei es die Fasnacht oder Fussball.

    • Réda El Arbi sagt:

      Und was hat das jetzt, ausser Rationalisierung, mit dem Thema „Dreck im Fussball“ zu tun? Keifen?

  • tststs sagt:

    Eine etwas differenzierte Betrachtung (oder im O-Ton „sein Gehirn einschalten“) würde der Sache schon guttun.
    1. Wieso müssen Fussballfans Stellung beziehen, wenn ein paar A***löcher randalieren (Muss jeder Russe und Engländer sich von den Ereignissen am Wochenende distanzieren? Muss jeder Schweizer sich von den Schäfchenplakaten distanzieren? Muss jeder liberale Mensch sich von seinem schwulenfeindlichen Nachbar distanzieren?)
    2. Was wäre konsequentes Verhalten? Dem 9jährigen die E-Junioren verbieten, weil die zuoberst Geld scheffeln? Es gibt hier doch ein paar Zwischenstufen, oder?

    • tststs sagt:

      3.“Nicht einer war bereit, auch nur zuzugeben, dass Fussball inzwischen im Dreck ertrinkt und ein massives Imageproblem hat.“ Wären Sie auch bereit zuzugeben, dass dies a)eine Sicht der Dinge (und nicht die absolute Wahrheit) ist und b) DER Fussball wohl eher sehr gut funktioniert, sinnstiftend ist und die allerallermeisten Fans anständige Leute sind (und es eben nur ein verschwindend geringer Teil in dieser riesigen Institution Fussball es schafft, das Ganze in den Dreck zu ziehen).

      Dies ist kein Shit, den ich Ihnen entgegenstormen will; sondern IMHO berechtigte Kritik/Nachfragen an Ihren Text.

      • Réda El Arbi sagt:

        Jep. Und wenns nur so wär, hätte ich auch nichts dazu zu sagen.

        Es ist aber nun mal auch ein Drecksgeschäft mit gewalttätigen Idioten.

    • Réda El Arbi sagt:

      Vielleicht mal anfangen, nicht dauernd Rechtfertigungen zu suchen.

  • Spasst sagt:

    You must be fun at parties.

  • Duppy sagt:

    Wie recht doch Herr El Arbi hat.
    Es ist rational nicht zu erklären, warum Sportlerinnen, Sportler und Funktionäre (nicht nur im Bereich Fussball!) solch exorbitante Saläre kassieren. Es hängen heute zu viele Mitspieler im Bereich Sport drin, als dass man diese Geldmaschine zum Stoppen bringen könnte. Wäre eine ebenso exorbitante Sportsteuer eine Idee?

  • Fridolin Stenz sagt:

    Recht haben Sie ja, wenn auch nicht in allen Punkten, zB stehen 11 Schweizer für die Nati auf dem Platz, einen Flüchtlingshintergrund haben da, wenn überhaupt, die Eltern. ‚Ein Verletzter‘ als Aufhänger, ist jetzt auch nicht soo der Reisser, so leid es mir für ihn auch tut. Das passiert leider, wenn es in einer Stadt viele Leute hat und Alkohol im Spiel ist.
    Brot und Spiele – lass‘ sie doch; die die’s gern haben können’s gerne auch schauen.
    Es liegt an Euch Medienschaffenden Missstände aufzuzeigen und nicht solche Allgemeinplätze wie oben zu verbreiten (Ok, das hier ist ein Blog, schon verstanden.)
    Würde im Stadtblog gerne mal wieder etwas Positives lesen…

    • Réda El Arbi sagt:

      Die Eltern zähl ich irgendwie zum „Hintergrund“. Ohne Eltern kaum Spieler.

      • Schöbi sagt:

        mag sein. Aber die Spieler haben HIER spielen gelernt. Wie auch übrigens ein stattlicher Teil der albanischen Nationalspieler.

  • geezer sagt:

    wie heisst es schon wieder so schön? “Football is a gentleman’s game played by hooligans, and Rugby is a hooligans’ game played by gentlemen”. ohne jetzt die beiden sportarten und ihre fans gegeneinander auspielen zu wollen: dein blog zum thema triffts schon ziemlich genau: ‚augen zu und geniessen‘. ich mache das eigentlich auch so, mit der kleinen ausnahme, dass ich mir die spiele entweder zu hause oder in einer kleinen bar meiner wahl anschaue und diese grässlichen grossen ‚public viewing‘-orte meide, wo mir von sponsoren alles vorgeschrieben wird.

    übrigens: public viewing = totenbeschauung auf englisch. das stimmt ja irgendwie: der sport ist tot, lang lebe das geschäft mit ihm..:-)

  • MaPa sagt:

    …und Sie haben vergessen zu erwähnen, dass die Offiziellen nicht einmal mehr in der Lage sind, faire Spiele zu garantieren. Noch heute weiss man nicht, ob es wirklich ein Goal war, offensichtliche Fehlentscheide können mit Hinweis auf die Unantastbarkeit eines Schiedsrichterentscheides nicht korrigiert werden, Schwalben werden als Teil des Spieles hingenommen etc. Fussball und Fairness, zwei Wörter die zusammenpassen wie Wasser und Oel!

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    fussball ist der publikumswirksamste sport überhaupt. und er ist global gesehen, ein wesentliches abbild der gesellschaft(en). und in diesen nimmt die gewaltbereitschaft frustrierter leute zu. gerade innerhalb der „unterschicht“. es ist ein ventil und ein versagen einer jeweils länderspezifischen politik; sowie innerhalb der gruppendynamik-, ein wegfall jeglicher hemmungen bei leuten, welche ihr angeschlagenes selbstvertrauen gerne innerhalb eines anonymen mobs ausleben. also klassische „hooligans“. und diese spezies hat wenig mit dem sport-fan zu tun, welcher hin und wieder im kleinen rahmen pöbelt-, denn dieser geht wegen dem fussball hin, und nicht um sich beim fussball zu prügeln.

  • Hannes Wetzel sagt:

    Alles was du sagst stimmt,aber hat nicht jeder sein Laster?

  • Johanna sagt:

    „Es gibt ein paar Themen, die immer die radikalen Fundamentalisten auf den Plan rufen: Religion, Feminismus, Veganismus und eben Fussball.“ …leider, da alle diese Themen stark abgrenzende Ideologien sind, die mit flexibler und begründeter Wissenschaftlichkeit nichts zu tun haben, sie laufen einer freien liberalen Gesellschaft zuwider.

  • Sportpapi sagt:

    Ich gebe zu: Fussball ertrinkt im Dreck und hat ein massives Imageproblem. Und sportliches Verhalten stelle ich mir auch anders vor. Und jetzt?

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