Kommerz vs Underground

Das Berghain in Berlin gilt noch immer als «undergroundig», obwohl bereits superkommerziell.

Selbst grosse, erfolgreiche Clubs gelten bisweilen noch immer als «undergroundig».

Vergangenen Freitag haben Daniel Szakats und Alex Ruf, die Macher des Veranstaltungslabels Future Events, im Plaza Klub die Lancierung ihrer «EnterTheClub»-Mobile-App gefeiert. Benutzer dieser App erhalten Party-Vorschläge, profitieren von reduzierten Einlasspreisen und können Tickets für Konzerte gewinnen.

Die Idee hinter der schön gemachten App ist nicht neu: Die Betreiber der Homepage ClubCity.ch und auch jene von guestlist.ch offerieren ihren Nutzern seit vielen Jahren ein ähnliches Angebot, jeweils mit verhaltenem Erfolg. Dass sich um diese Internet-Gästelisten kein richtiger Rummel entwickeln konnte, liegt am Angebot: Viele Clubs, explizit jene mit Underground-Attitüde, kooperieren nicht. Erst recht nicht die angesagten, warum sollten sie auch: Die Clubber rennen ihnen sowieso die Bude ein, warum also vergünstigten Einlass gewähren?

Die kollektive Verweigerung der Subkultur liegt aber auch in der unablässig winkenden Gefahr, als «kommerziell» abgestempelt zu werden – in diesem Bereich des Nachtlebens der schnellste Weg in den Untergang. Dabei ist es gar nicht so einfach, sich die Aura des Untergrunds zu bewahren, denn verglichen mit den 90er Jahren ist heute beinahe alles erlaubt.

Zudem rümpft der, mit Tattoos bewehrte Bartträger und Hype-Clubgänger schneller die Nase als Kylie Jenner angesichts eines unzureichend ausgemisteten Schweinestalls: Befindet sich eine Handvoll Gäste im Club, die nicht in sein Schema passt, dann hat «der Laden den Zenit endgültig und für alle Zeit überschritten». Es ist erstaunlich wie Trend-abhängig und flatterhaft dieses Publikum ist, behaupten dessen Exponenten doch von sich selbst primär wegen der Musik auszugehen und auf diesem Feld wechseln die federführenden Clubs nun wirklich nicht alle paar Monate.

Das manövriert die Clubbesitzer in einen schier unlösbaren Konflikt. Einerseits wollen sie wie alle Berufstätigen Geld verdienen und wenn’s ein Bisschen mehr ist, dann wird das gerne mitgenommen. Andererseits müssen sie darauf achten, nicht ZU erfolgreich und damit ZU bekannt zu werden: Wenn die Agglos mit den gezupften Augenbrauen in Scharen vor der Tür stehen, dann ist’s vorbei mit der Coolness.

Und als ob die naserümpfenden Hipster nicht schon Gefahrenherd genug wäre, gibt’s da auch noch die «Dinosaurier». Das sind etwas in die Jahre gekommene Gäste, die unablässig und ungefragt lamentieren, wie schön «undergroundig» und vor allem «unkommerziell» in den 90ern alles gewesen sei. Dabei vergessen sie gerne all die Promo-Crews die damals den Nachtschwärmern ihre Zigaretten feilgeboten und auch den Fakt, dass Firmen wie Trojka, Heineken und Parisienne unzählige Partys in Werbeveranstaltungen verwandelt haben.

Ja: Einen Club über längere Zeit in der grünen Hip-Zone zu halten, ist ein Drahtseilakt ohne Sicherungsnetz.

Die Undergroundmacher werden weiterhin nur selten mit Gästeliste-Dienstleistern wie der neuen EnterTheClub Mobile-App zusammenarbeiten, da die sich ihrerseits an eine Klientel wenden, das so ganz und gar nicht ihrem eigenen Beuteschema entspricht. Die Kunden dieser Apps und Homepages müssen sich wiederum damit abfinden, dass ihnen hauptsächlich Eintritte in die als kommerziell verschrienen Lokale angeboten werden. Ob die im wirtschaftlichen Sinn weniger „kommerziell“ als ihre Mitbewerber im Underground sind, sei dahingestellt.

Alex-Flach2-150x150 (1)Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

30 Kommentare zu «Kommerz vs Underground»

  • Björn sagt:

    Für mich war der Tag als dies mit dem Gästeanlocken mit Gästelisten und noch schlimmer Friendslisten losging, ein ganz schwarzer. Klar muss man im immer grösser werdenden Konkurrenzkampf neue Wege suchen, den Clubber in seinen Keller zu kriegen. Für mich war dieses Gästelisten Zeugs jedoch das Signal, dass eine Party nichts mehr wert ist, und mit Wert meine ich Eintritt bezahlen. Klar kann man ein Modell wie man im Club Geldverdient auch mal überdenken, aber so eher nicht. Wieso ist ein Club wie HIVE immer noch hip, weil da einfach nicht Hintz&Kuntz auf die GL kommen und man auch als DJ nicht 50 Plätze zum verschenken bekommt. Diese App braucht kein Mensch, eher gut zum Daten sammeln.

  • Mark sagt:

    Für mich sind Clubs eigentlich Marken – das Soundsystem in einem Gebäude ist so austauschbar wie die Knöpfe auf einer Jeans. Was jedoch erstaunlich ist, dass sich einzelne Clubs wie Hive über Jahre ihr Image der Coolness bei ihrer Gruppe (18 bis 30 alt, städterisch) bewahren konnten.

  • schwarzgehen sagt:

    Sind Bild und -legende nicht dissonant?

    • thomas sagt:

      Doch…das bild erinnert mich eher an den Megapark in el arenal als an underground…

      • Alex Flach sagt:

        …weiss nicht, da ich die bilder nicht aussuche. Aber gibt’s in El Arenal echt solche Riesenläden? Ich dachte das seinen so Schuppen à la Mausefalle da… Und woher weisst Du das? 🙂

        • Thomas sagt:

          Also ich bin ein grosser Fan des Bierkönigs sowie des Megaparks. Ich steh dazu, eine solche Freiheit in Punkto Liebe, Alkohol & Drogen hattest du nicht mal am woodstock festival. Und das schöne: cool sein will dort niemand! Und das mehrheitlich deutsche Publikum kennt keine aggressionen, keine vorurteile und will einfach nur spass. Love it…gruss von original zürcher

        • Thomas sagt:

          PS.: ich denke der Megapark ist grösser als die lokalität auf dem bild…und der bierkönig sowieso:)

  • Lüthi sagt:

    Das Bild oben zeigt nicht das Berghain. Es wäre hier gut illustriert: http://www.karhard.de/architektur/barclub/berghain.html

  • Pia sagt:

    Ein Club ist immer kommerziell, da ja nicht Partys für einen kleinen geschlossenem Kreis veranstaltet werden. Viel wichtiger ist, dass der Club sein Zielpublikum kennt und seinen Werten treu bleibt. Das Berghain in Berlin (bzgl. Bildunterschrift) ist eigentlich ein hoch komerzieller Club, doch weiss der Gast, was er während der Klubnacht geboten kriegt. Der Club bleibt sich treu und sorgt dafür, dass sein Zielpublikum bekommt, was es will. So kann der Club auch sein “undergorund” Image halten. Ist ein bisschen so, wie wenn ich eine Homeparty mit DJ zum Tanzen organisiere und nur meine Rumsitzer-Freunde einladen würde.

  • Muz sagt:

    Auch wenn wir primär wegen der Musik ausgehen- stimmt die Gästezusammensetzung nicht, leidet die Stimmung und somit das Musikerlebnis erheblich.

    • geezer sagt:

      genau so argumentieren rassisten in einem anderen zusammenhang auch……

      entweder magst du die musik und freust dich, dass andere diese auch mögen, egal ob sie deiner wunschgästezusammensetzung entsprechen oder nicht. alles andere ist furchtbar bünzliger ‚club- und hipster-snobismus‘.

      • tststs sagt:

        Sie erinnern mich stark an gewisse Expemplare meines Feundeskreises, die – kaum waren sie Anfang 20ig – sich über den „Kindergarten“ beschwert haben.
        Ich sehe es wie geezer: Wer den Musikgenuss (resp. dessen Qualität) vom Publikum abhängig macht, ist selber schuld. (Und disqualifiziert sich IMHO als „guter Gast“)

      • Donna sagt:

        genau! 🙂

    • miri sagt:

      auch wenn du den heinz von hinterkappelen kacke findest, sein outfit buurig und sein auftreten zu hinterwäldlerisch und uncool verbindet dich was mit ihm: die liebe zur selben musik..
      wie ähnlich man sich doch auf den 2. blick ist 😉

  • Rafinha sagt:

    Mal abgesehen von all den Goodies und Sponsorings: wieso ist es in ZH nicht möglich den Kauf eines Club-Tickets online abzuwickeln? Ist vielleicht ein anderes Thema, aber ist ja in anderen Städten Gang und Gäbe. Oder gehts da genau darum die Selektion an der Türe vorzunehmen? Was meinst du Alex?

    • Alex Flach sagt:

      Es hat ja immer wieder mal Versuche von Ticketanbietern gegeben, Vorverkäufe für Partys einzuführen. Aber im Vergleich zu den Konzerten werden die einfach nicht benutzt. Und wie du sagst: Einen Gast der ein Ticket in der Tasche hast, kannst Du an der Kordel nur schwer abweisen….

      • Kaller sagt:

        also abweisen doch schon .. halt einfach Geld zurück geben. In NYC, London, Miami etc. geht dies ja auch ganz einfach ..

        • Alex Flach sagt:

          Wären die Vorverkäufe gelaufen, hätte man sich sicherlich nach Lösungen für dieses Problem umgeschaut, ja.

          • Alex Flach sagt:

            Wie man mir eben mitgeteilt hat, bietet «EnterTheClub»-Mobile-App Vorverkauf auf Partys an. Mal gucken ob der besser laufen wird als seinerzeit jener bei Eventim oder der bei Starticket.

          • Kaller sagt:

            ich muss halt ehrlich sagen – auch wenn es sicher auch halt nicht die vom Hive oder so gewünschten Leute anzog (das Hive machte ja dann glaubs auch nicht mit), die Easter-Weekend Veranstaltungen fand ich eigentlich gut. Einmal Ticket zahlen für alle Clubs die mitmachten (waren sicherlich etwa 20, von Rohstofflager, Säulenhalle, bis zum Q, Toni-Areal, Indochine, etc.) .. klar Mainstream, ein Mix von Techno bis Hip Hop (Club betreffend), jedoch fand ich die Idee gut, und ja, war ja nur 2 Mal im Jahr (glaubs an Pfingsten und Ostern, jedoch immer mit dem betreffenden ÖV Angebot bzw. Shuttle-Bus) .. Ich persönlich fand das noch toll, und ich glaube, es rentierte damals auch.

        • Sportpapi sagt:

          Die verkaufen Eintritte, weisen dann aber an der Tür ab? Ist das nicht Vertragsbruch? Für mich geht das gar nicht.

          • mitsutek sagt:

            Nun, wenn die Veranstalter, wie die Communitiy endlich von Facebook auf Resident Advisor umschwenken würde, wäre das eigentlich kein Problem. International funktioniert ganz gut, inkl. Ticketing per App oder zum ausdrucken.
            Leider tut sich das Portal etwas schwer hier. Wäre das nicht auch etwas für dich Alex?

          • Alex sagt:

            Und wem sollen sie da Tickets verkaufen? Anderen DJs und Veranstaltern? Schweizer Clubgäste tummeln sich nicht auf RA leider :-/

  • Kaller sagt:

    Die einen vergnügen sich für 30 bis 35 Franken Eintritt in ein einem sogenannten Anti-Kommerz-Underground Club wie Hive, Büx, Frieda und lassen zum Teil 100 Franken liegen (Getränke u.a. ähnliches, natürlich sehr knapp kalkuliert). Für 100 Franken gehe ich aber persönlich lieber sehr gut in mein Lieblingsrestaurant Essen, hat mein Magen viel mehr davon, kein Gedränge und keine grimmig drein schauenden Türsteher, keine Cola-Nasen und keine Menschen mit Telleraugen, dafür ein stimmiges Preis-Leistungsverhältnis (also in jene Restaurants, die ich besuche), man kommt auch in Männergruppen rein, wird freundlich begrüsst und verabschiedet, weil der Wirt genau weiss, was er an seinen Kunden hat.

    • Mani sagt:

      Freut mich sehr für Sie, dass sie wissen wie Sie gerne ihr Geld ausgeben und was für Sie einen schönen Abend auswärts ausmacht. Ich gebe die 100.- lieber in einem Club aus. Da ist nichts falsch dran, ebenso wie auch nichts falsch dran ist dass Sie eine andere Vorstellung für einen schönen Abend haben. Jedem das seine. Der negative Ton mit welchem Sie Clubs beschreiben ist aber etwas überspitzt. Wie Sie ihre Lieblingsrestaurants haben, habe ich Lieblingsclubs, die ich aus den gleichen Gründen Besuche, nämlich weil ich mich dort wohl fühle. Es gibt genau so viele schlechte Restaurants wie es schlechte Clubs gibt.

      Und übrigens, „Büx“ und „Frieda“ ist das gleiche:)

      • Kaller sagt:

        hoi Mani .. ist doch schön.. und ja, ich habe mich wohl „verbüxt“ oder ganz einfach zu schnell geschrieben .. meinte schon den richtigen Club, den ich sogar gelegentlich ja auch ganz gerne mal aufsuche (aber nach dem Restaurant) … 😉

  • geezer sagt:

    leute, die ums verrecken immer cool, hip und underground sein wollen, sind die grössten bünzlis und komplexhaufen, dies überhaupt gibt. die werden ihrer lebzeiten nie locker drauf sein sondern immer davon abhängig bleiben, was ihnen irgendein magazin, irgendeine szene oder sonstiger ‚trendsetter‘ vorbetet, damit sie schon brav hinterherrennen und ‚in‘ sein können. meine sympathien halten sich in gernzen……

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