Transformation der Nacht

Im Club konnte man nur am fehlenden Publikum erkennen, dass es Tag war.

Im Club konnte man nur am fehlenden Publikum erkennen, dass es Tag war.

Nachtleben-Unkundige, die am Samstagabend um Mitternacht zufällig an der Geroldstrasse in Zürich West vorbeigekommen sind, dürften ob der riesigen Menschentrauben dort Bauklötze gestaunt haben: Ein Gedränge wie hinter den Lovemobiles der Street Parade zu deren besten Zeiten, einfach ohne begleitendes Bass-Gewummere. Der Grund für den Massenauflauf war aber nicht der erste nationale Tag der offenen Bar- und Clubtür, denn der war um die Uhrzeit schon vorbei, sondern die Partys Cabaret Love Rave und 10 Jahre Rakete in den Clubs Supermarket und Hive.

Die Schweizerische Bar und Clubkommission (SBCK) und der Verband Schweizer Musikclubs Petzi, die gemeinsam und in Städten wie Zürich, Bern, Basel, Genf, Luzern und Lausanne den nationalen Tag der offenen Bar- und Clubtür organisierten, mussten für ihre Veranstaltung mit einem deutlich geringeren Publikumszuspruch vorlieb nehmen. Auch in Zürich, wo der Anlass zum vierten Mal über die Tanzfläche gegangen ist, hätte das Interesse an einem Blick hinter die Nachtleben-Kulissen deutlich grösser sein können.

Unter dem Motto «Transformation der Nacht» und dem Fokus auf Betriebe, die sich im Laufe der Zeit selbst erneuert haben und solche, die künftig zu Nightlife-Spots werden dürften, wurde beträchtlicher Aufwand betrieben und Informationsveranstaltungen in Lokalen wie dem Dynamo, dem Moods, der Bar3000, dem neuen Lexy Club, dem Razzia im Seefeld, der «Bank» am Helvetiaplatz, dem Mascotte und einigen mehr angeboten.

Am Abend dann luden die SBCK und Petzi dann in den Club Härterei, um über den wirtschaftlichen Verlauf und Neuheiten des Nachtlebens zu informieren, inklusive einer Podiumsdiskussion und einem Gastvortrag mit dem Thema «Holzmarkt Berlin – von der Bar25 zur 24Stunden Kindertagesstätte». Insbesondere an diesem, mehrere Stunden dauernden, Programmteil waren die Nightlife-Macher dann mehr oder weniger unter sich und das obschon im Vorfeld mit Nachdruck auch die Gegner der Partystadt Zürich eingeladen wurden:

Der Tag der offenen Bar und Clubtür soll helfen Vorurteile abzubauen und als Plattform für den Austausch zwischen Anwohnern und Club-Betreibern genutzt werden. Dies aber blieb nur ein hehrer Wunsch, da die lärmgeplagten Nachbarn der Bars und Clubs dem Anlass ferngeblieben sind – trotz beachtlicher Medienpräsenz im Vorfeld.

Auch der Gastronom Marc Blickenstorfer von der BCK zeigte sich wegen des lauen Interesses etwas enttäuscht: «Wir bieten mit dem Tag der offenen Bar und Clubtür Hand zur Diskussion. Da wäre es schon wünschenswert, dass auch Leute partizipieren die sonst jede Gelegenheit zur Nachtleben-Kritik ergreifen». So war der erste nationale Tag der offenen Bar- und Clubtür zumindest in Zürich ein Anlass von Nightlife-Machern für Nightlife-Macher. Alle anderen standen dann zu späterer Stunden an den Kordeln der Clubs um sich ihr Stück vom Zürcher Partykuchen zu sichern. Und das besteht nicht aus Informationen und einem Blick hinter die Kulissen sondern aus Bass, Drinks und netten Begegnungen.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

20 Kommentare zu «Transformation der Nacht»

  • Toerpe Zwerg sagt:

    Fury und die dargebotene Hand … hihihi

  • adam gretener sagt:

    Also, lieber Alex, das mit der Idee „der ausgestreckten Hand“ hat nicht funktioniert, aber statt die Schuld bei den Anwohnern zu suchen, müssten halt die Clubs mal über die Bücher. Das funktioniert natürlich nicht in der Höhle des Löwen. Versucht doch mal ernsthaft den Blick- bzw. Hörwinkel der Anwohner einzunehmen. Ich bin sicher es gibt einige, die würden euch einladen, den Lärmpegel aus ihrer Sicht zu erfahren.

    Ich war in meinen jungen Jahren sehr extensiv im Zürcher Nachtleben unterwegs. Aber wenn sich bei mir zu Hause heute der Rotwein im Glas kräuseln würde, täte ich mittlerweile auch reklamieren. Du weisst selbst, es gibt DJs, die brauchen die maximale Lautstärke, weil halbtaub.

    • Alex Flach sagt:

      Höhle des Löwen? 🙂 Ich bin mir nicht sicher was für einen Eindruck du vom Wesen der Club- und Barschaffenden hast, aber… zudem: Auch Anwohner gehen bisweilen aus. Das waren dieselben Orte einfach tagsüber und mit der Möglichkeit zu diskutieren. Wenn sich bei Dir der Rotwein im Glas kräuselt hast du absolut das Recht beim Club oder der Bar zu reklamieren, ohne jedes Wenn und Aber. Weil das wäre dann der Bass und dann hat der Laden ein Problem mit der Isolation oder der Extrovertiertheit seiner DJs/Musiker. Keine Diskussion. Das ist dann aber was Bilaterales zwischen Club und Nachbar.

      • adam gretener sagt:

        Mein Eindruck bezüglich der Club- und Barschaffenden ist eben nicht relevant, relevant ist der Blickwinkel der Anwohner.

        Kleines Beispiel, Du weisst ja, wo meine Wohnung wohnt. Schräg gegenüber hat eine dominikanische Bar aufgemacht. Von Sonntag auf Montag, um 3:00 Uhr in der früh, wurde es den Leuten drinnen wohl zu heiss und sie liessen die Türe offen und beschalten den Grossraum Lochergut. Es dauerte keine halbe Stunde und die Polizei löste die Gesellschaft auf. Zum ersten Mal in meinem Leben, fand ich das völlig in Ordnung.

        • Alex Flach sagt:

          Absolut unprofessionell und blöd, ja. Und da hat ja auch die Stadt funktioniert… worauf willst Du hinaus? 🙂

          • adam gretener sagt:

            Fuzzy Logic, Alex, fuzzy logic.

            Was ich sagen wollte ist, dass wenn erstmal die Polizei vor Ort ist, hat der Club oder die Bar schon mal vieles falsch gemacht. Gibt es Idioten unter den Anwohnern? Aber sich doch. Macht die Clubführung Fehler, wenn sie sich nicht auf alle Eventualitäten vorbereitet? Aber ebenso sicher. Man kann doch keinen Club eröffnen und dann denken, mit ein paar spendierten Bieren werden die aufgebrachten Anwohner schon zu besänftigen sein.

          • Alex Flach sagt:

            Ah… I see…. Du ziehst von einem schwarzen Schaf Rückschlüsse auf die ganze Herde…. In Zürich gibt es 600+ Betriebe mit Nachtbewilligung die unter der Woche mehrmals geöffnet haben. Wieviele andere kennst Du die in den letzten Jahren mit weit offenen Türen ein ganzes Quartier beschallt haben? Das ist nicht ganz fair. Auch das mit den Bieren… Es gab Podiumsdiskussionen. Gäste aus Berlin wurden für Referate eingeladen, in diversen Zürcher Lokalen wurden Infoveranstaltungen, Führungen und Diskussionen organisiert. Den ganzen Tag lang und nicht nur in Zürich sondern in der ganzen Schweiz. Das als „ein paar Biere“ abzutun ist ebenfalls etwas unfair, nicht?

  • Patrick Karasch sagt:

    Vielleicht wäre es an der Zeit, dass Du zuerst einmal Deine Vorurteile gegenüber den Anwohnern abbaust. Das sind nämlich in den wenigsten Fällen bünzlige Spassbremsen, die die kulturelle Bereicherung und den wirtschaftlichen Wert der Zürcher Bar- und Klublandschaft nicht anerkennen, sondern Menschen mit ähnlichen Interessen wie die der Clubbetreiber. Genauso wenig wie die Clubbetreiber gröhlende Männerhorden, die sich mit zu viel Billigalkohol im 24-Stunden-Shop eingedeckt haben, in ihren Lokalitäten haben wollen, wollen sie die Anwohner vor ihrem Schlafzimmerfenster. Der einzige Unterschied ist, dass wir sie nicht einfach mit Türstehern wegweisen können.

    • Alex Flach sagt:

      Da ich selbst auch irgendwo wohne und damit ebenfalls Anwohner bin ist das nicht nötig, nein. Und ich bin mir jetzt nicht ganz sicher worauf Du hinaus willst…. Ich bin absolut FÜR ein Verkaufsverbot von Alkohol in 24 Stunden-Shops ab 10 Uhr abends… eben darum geht es mir hier ja; die Leute die den CLUBS die Schuld für die Lärm-Misere geben hätten an den Tag der offenen Bar und Clubtür kommen sollen, aber zu denen gehörst du ja offenbar nicht… Ich steige jetzt nicht ganz durch wo Dein Punkt ist…

      • Patrick Karasch sagt:

        Ich vermisse in der Diskussion, nicht nur bei Dir, die Differenzierung. Ich lese immer nur, wie wichtig und toll das Nachtleben ist. Und wie spasslos und vorurteilsbehaftet die Anwohner sind. Das Nachtleben ist aber nicht nur die Clubs und die Bars, sondern auch die unerwünschten Begleiterscheinungen. Und die unerwünschten Begleiterscheinungen treten nun mal vor allem dort auf, wo es Clubs und Bars hat. Also kann es nicht an den Anwohnern sein, Vorurteile abbauen zu müssen. Auch in Mallorca hatten Ballermann & Co. wahrscheinlich wenig Interesse, die Anwohner ernst zu nehmen. Nun sieht es so aus: http://www.20min.ch/panorama/news/story/Bussen-fuer-Saufgelage-am-Ballermann-10156566.

        • Alex sagt:

          …und genau das wollten die Clubs mit dem Tag der offenen Clubtür tun. Vorurteile abbauen, die Anwohner zur Diskussion einladen. Sie haben das organisiert. Sie haben damit die Hand ausgestreckt. Deinem Kommentar nach zu urteilen ist es also völlig okay dass die Anwohner diese Einladung ausgeschlagen haben? Braucht es für einen Konsens nicht die Beteiligung (Diskussion) aller involvierten Parteien? Eine Stadt ohne Nachtleben ist keine Stadt. Genausowenig ist eine ohne Anwohner eine – weder die einen noch die anderen werden das Feld räumen. Das Nachtleben hat mit viel Aufwand diesen Tag organisiert und die Anwohner explizit eingeladen. Sie mussten nix organisieren bloss kommen.

          • Alex sagt:

            …in diesem Fall sass der eine Gesprächspartner am Tisch und der andere hatte Besseres zu tun, Du inklusive. Also…

          • Patrick Karasch sagt:

            Schon wieder keine Differenzierung. Nicht das Nachtleben, sondern ein kleiner Ausschnitt davon hat eingeladen. Eine Stadt ohne besoffene Männerhorden ist sehr wohl eine Stadt.

          • Alex Flach sagt:

            Jetzt wird’s hier leicht dadaistisch. Petzi und die SBCK sind die einzigen Verbände die es in diesem Umfeld gibt…. was erwartest Du.. eine Einladung von jedem einzelnen Barkeeper? Die beiden sind durchaus berechtigt für die Bars und Clubs zu sprechen, auch wenn ihnen nicht alle angeschlossen sind. Also können ihre Vertreter auch zu den Punkten Stellung beziehen, die Du ihnen im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit vorwirfst und zwar dass es ohne sie die Männerhorden an der Langstrasse nicht gäbe.

  • Thierry Emanuel sagt:

    Lieber Alex, das mit der „beachtlichen Medienpresänz“ würde ich etwas relativieren. Habe in den letzten Wochen glaub einmal etwas über diesen Anlass gelesen.

  • dr house sagt:

    keiner will sehen, das das problem woanders zu suchen ist. seit schätzungsweise 30/40 jahren sind generationen von menschen herangewachsen, die keinen anstand + respekt mehr kennen! anwohner? nachtruhe? ist doch egal, hauptsache wir haben unseren spass…! die herabsetzung der juristischen volljährigkeit, sowie der altersgrenze nach unten für alkoholverkauf leisteten dieser entwicklung noch vorschub. nicht zu vergessen, die aufhebung der sperrstunde. das alles ist nicht die schuld der clubs, sondern der gesellschaft + da nützen leider auch tage der offenen tür nichts. lustige idee – aber leider am ziel vorbei.

    • Alex Flach sagt:

      Ich denke nicht, dass die Jugend von heute schlimmer ist als ihre Vorgängerinnen, jedoch ist das Nachtleben eine der Plattformen die sie nutzt um sich auszutoben. Da ist es schon richtig, dass es seinen Teil der Verantwortung wahrnimmt. Jedoch sollten das auch die Andere tun sonst ist es vergebene Liebesmüh… absolut korrekt.

    • frau techno sagt:

      dem stimme ich nicht zu dr. house. jugend wurde von älteren generationen schon immer, auch vor 50 jahren, als respektlos empfunden. das nennt sich wohl u.a. generationskonflikt. die „heutige jugend“ ist nicht respektloser als ihre vorgenearationen. wenn, dann wird respekt- und skrupellosigkeit von der grossen alten polit-/wirtschaftsgesellschaft vorgelebt. wenn das nachtleben hand reicht zum verständnis & dialog und die ach so lauten (erwachsenen respektbedürftigen) kritiker nicht den anstand oder interesse haben vorbeizuschauen/mitzupartizipieren dann ist das schlicht ignorant. und degradiert sie zu wutbürgern errster klasse. „wir haben ja nichts gegen jugend & bedürfnisse, aber..“

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