Tina Turner auf dem Nastüechliweg

Schaad Märkli bellevue StehsatzAutor: Thomas Wyss

Am letzten Sonntagnachmittag, es war gegen 14 Uhr, spazierte Tina Turner mit zwei Freundinnen den Panoramaweg im Friesenbergquartier entlang. Da ich unlängst im Fussballstadion feststellen musste, dass ich nicht mehr alles, was sich in einer gewissen Ferne abspielt, exakt mitbekomme – im besagten Fall waren es blöderweise zwei FCZ-Tore – würde ich, auch um einem gerichtlichen Nachspiel wegen Falschaussage vorzubeugen, präziseren: es war ziemlich sicher Tina Turner mit zwei Freundinnen.

Klar, ich hätte bei dieser schier unfassbaren Nähe zu Frau Turner –  wir kreuzten uns schätzungsweise im Abstand von 30 bis 45 Zentimeter – durchaus in Ohnmacht fallen oder zumindest loskreischen können, wie dies anständige Groupies in solchen Situation zu tun pflegen. Allerdings, ich habe eben nochmals nachgesehen, befindet sich auf meinem iPod einzig der Song «Nutbush City Limits», und den spielte sie noch im Duett mit Ike; mich als ihr Groupie zu schimpfen, wäre also ziemlich vermessen.

Zudem, das ist ja das Tolle an uns Zürchern, lassen wir Weltstars in Frieden. Die können in unserer Stadt unbehelligt dinieren, flanieren, joggen, koksen, posten – gar Krokodilledertaschen, wenn sie sich in der Boutique zu benehmen wissen – wir bleiben stets auf respektvoller Distanz (und mutieren dann aus dieser respektvollen Distanz mit gezücktem Handy zu Lesereportern für den medialen Boulevard; ja, das ist das Tolle an uns Zürchern).

Doch eigentlich ist Tina Turner in dieser Episode nur der Nebenschauplatz.

Es geht nämlich um den Panoramaweg. Beziehungsweise um die Schrebergartenidylle, die man dort, am Fusse des Uetliberg, auf gut zwei Kilometern Länge geniessen darf (ich weiss, offiziell nennt man die Dinger heute Klein- oder Familiengärten, und ich weiss auch, dass deren Erfinder, der Leipziger Arzt Moritz Schreber, nebenbei mit mechanischen Geräten zur Verhinderung der Masturbation experimentierte, doch das tut hier nichts zur Sache). Diese Idylle, die jeweils im Frühling erwacht und bis in den goldenen Herbst andauert, hilft uns Zürchern, die uns angeborene ­Verstocktheit zu überwinden.

Oder feinfühliger formuliert: Wenn wir auf den Panoramaweg-Bänkli sitzen, welche die Stadt netterweise alle paar 100 Meter aufgestellt hat, und zusehen, wie diese Freizeitgärtner in ihren sicher eingezäunten, kleinen Welten häckeln und pflanzen, giessen und säen, wenn ihre Büsis durch die bunten Blumenbeete streifen und nach allem gööpeln, was da kreucht und fleucht, wenn ihre Bratwürste auf den Grills rauchen, und sich die knisternde Holzkohle mit der SRF-«Musikwelle» zum urchigen Medley paart (sogar bei den Italienern und Portugiesen, was zeigt, das befolgt wird, was der Schweizerische Familiengärtnerverband SFGV auf der Homepage einfordert: «Ausländer laufend zur Integration in die Vereinskultur bewegen!»), sind wir inniger gerührt und geschüttelt als beim Finale von «Love Story» (damit das einzuordnen ist: laut einer US-Studie ist das Melodrama von 1970 bis dato jener Film, der weltweit am meisten Kinogänger zum Schluchzen brachte).
Deshalb nennt man den Panoramaweg im Volksmund auch gern den Nastüechliweg.

Kommentarfunktion deaktiviert.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.