Familienzoff bei den Linken

Das geht gar nicht. Richard Wolff ist sozusagen die Vaterfigur der äussersten Linken, und jetzt wagt er es, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen und Dinge für die Zürcher so zu regeln, dass alle damit leben können.

So geht doch das ganze Bad-Boy-Image der jungen Revolutionären kaputt.  So kann man doch keine Bürger mehr verschrecken. Wenn irgendwie klar ist, dass man sich, sobald erwachsen und mit Lebenserfahrung, dafür entscheidet, über die eigene Profilierung und den Nervenkitzel hinauszuwachsen und schliesslich Teil der Gesellschaft zu werden, ist das Verrat an der Revolution! Ich schwör! So nimmt doch niemand mehr die revolutionären Absichten der Schweizer Mittelstandsjugend ernst!

Nun, so traurig es ist: Es hat auch bisher niemals jemand die politischen Aktionen der Revolutionären Jugend ernst genommen. Ausser natürlich der RJZ selbst.

Was nicht heisst, dass sie überflüssig sind. Viele von uns Linken haben diesen politischen Kindergarten durchlaufen. Wir haben bei Bier und billigem Wein mit Freunden in WGs und besetzten Häusern erst Marx, dann Trotzki und schliesslich Bakunin gelesen, und mit jedem beendeten Kapitel unsere politische Ausrichtung korrigiert. Bis wir dann eines Tages herausfanden, dass wir unsere Lösungen nicht in Büchern von alten Deutschen und Russen finden, sondern uns in der Realität mit den Menschen auseinandersetzen mussten, um eine Schweiz für alle Bewohner der Schweiz zu schaffen.

Nun  ja, es ist wichtig für die Charakterentwicklung, dass eine Bewegung aus jungen Menschen die ödipale Phase des Vatermordes durchleben und sich eine eigene Identität bilden kann. Das gehört zum Erwachsenwerden. Wir haben damals an Demos skandiert «Wer hat uns verraten, die Sozialdemokraten!», um uns von der etablierten Linken abzugrenzen. Heute ist Richi Wolff und seine AL auch Teil des bösen Systems, und es ist wichtig, dass sich die jungen Wilden von ihnen abgrenzen dürfen.

Und wie ein verständnisvoller Vater hat Richi Wolff nicht den Teppichklopfer (in Form von Polizeigrenadieren) hervorgeholt, sondern nimmt die Anliegen der Pubertären ernst und setzt auf Gespräche.

Wie in Remo Largos Erziehungshandbüchern.

Hier, auf den Text achten, nicht einfach nur mitgrölen.