Und der Haifisch …

Das Ende der Seefahrt: Die Haifischbar schliesst.

Das Ende der Seefahrt: Die Haifischbar schliesst.

Das alte Dörfli-Nachtleben stirbt nicht plötzlich, es verendet langsam – Lokal für Lokal. Nachdem Ende 2015 das Kontiki und die Züri-Bar für immer geschlossen wurden, ist nun die Reihe an der Haifisch-Bar: Der Cabaret-Betrieb wird eingestellt und am 5. Februar eröffnet an dieser Adresse der Haifisch Club. Unter dem bisherigen Pächter wird der erst 20jährige Club-Manager Sebastian Köpe aus dem Lokal eine trendige Lounge mit grösserem Dancefloor und House-, Hip Hop- und RnB-Beschallung machen.

Cabarets sind ein Auslaufmodell. Erst kürzlich musste der Strip-Betrieb des Kings Club an der Talstrasse einem gayfriendly Tanzlokal weichen und im Longstreet an der Langstrasse hebt schon seit Jahren das junge, hippe Stadtvolk die Gläser. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch der Haifisch ins Netz geht und wenn man nur die letzten zehn Betriebsjahre des Lokals betrachtet, dann ist es wohl auch nicht allzu schade: Um Stangen gewickelte Tristesse, bei den Nackten auf der Bühne und den Vereinzelten davor.

So zumindest sah es der Pornoproduzent, Dörfliweise und Altpunk Peter Preissle im Interview, das er dem Tagi vor einem Jahr gegeben hat: «Heute handelt es sich beim Haifisch um einen biederen Stripschuppen, in dem – mit viel Glück – eine der Frauen mal ihr Höschen verliert.»

Preissle erinnert sich jedoch an eine frühere Zeit, an eine, die vom legendären Gastronom und Haifisch-Vater Josef «Käpten Jo» Schupp geprägt war. Seit Gründung 1965 spielte Sex eine Rolle, Preissle erinnert sich aber an andere Dinge: An Punkbands, die dort nach dem Konzert ihre Gage verpulverten. An Käpten Jo, der seine Schimpansen-Nummer zum Besten gab. An einen Zauberer, der seine Assistentin verschwinden liess und an ihrer statt ein lebendiges Krokodil auf die Bühne zauberte. An einen Mann aus dem Kongo, der mit seinen Zähnen einen Tisch heben konnte.

Nur so ein Gedanke, aber ist es nicht genau das, was in Zürichs Nachtleben derzeit fehlt? Attraktionen und Sensationen, ein Club wie aus Fellinis Film La Strada, in dem der stärkste Mann der Welt Zampano mit seiner Brust Ketten sprengt? Ein Club, der die Errungenschaften des modernen Clubbings mit der urigen Schrulligkeit eines Wanderzirkus kombiniert? Ein Lokal, in dem man einen Entfesslungskünstler bei der Arbeit bestaunen kann, derweil man zur Musik erlesener Bands und DJs feiert? Wäre der Haifisch nicht der perfekte Ort, um ein solches Experiment zu wagen?

Bezüglich Musik sind die Ansätze Köpes ganz okay, wenn auch etwas mutlos: Angekündigte DJs wie Aystep, Ezikiel, Dario D’Attis, Cedric Zeyenne und Fat Sushi zählen in ihren jeweiligen Genres zur Schweizer Elite. Jedoch ist das Ansinnen, das Köpe dem 20minuten ins Notizbuch diktierte, das falsche: «Wir wollen uns von der Haifisch-Bar als Cabaret distanzieren und uns stattdessen als neue Trend-Location etablieren“. Genau das sollte er nicht tun, er sollte die alte Tradition aus den Anfängen des Haifischs aufgreifen und diese mit zeitgemässer Musik garniert in die Zukunft führen.

Wird er offenbar aber nicht. Schade drum.

Alex-Flach2 Alex Flach ist Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

20 Kommentare zu «Und der Haifisch …»

  • danilo sagt:

    Schade, ich habe das Zürcher Niederdorf aus den 80ern in bester Erinnerung; Saufen in der Kontiki-, Züri-, Pumpibar, Tanzen im Castle Pub und Entertainer, Staunen im Haifisch, Shoppen im Booster, im Grossen und Ganzen eine fantastische Zeit. Die Stadt entwickelt sich leider schon lange zu einer langweiligen urbanen Metropole, besetzt von einer uniformierten einheitlichen Ausgangszene (Hipsters, Secondogangs, Regenbogenfraktion), Toleranz fehlt in der Stadt, ausser man gehört zur vorgennanten ‚hippen‘ Szene. Züri, nein danke, kein Bedarf mehr bei dieser Entwicklung.

  • Irene feldmann sagt:

    Einfach….scheisse, vor 32 Jahren hatte ich dort meine erste Show vor Augen und es brauchte geschlagene 10 Minuten bis ich meinen Kiefer wieder hochklappen konnte, soviel zu meiner ersten : Frau und auch Mann in einem….packet-Erlebniss. Spätestens dann wurde mir bewusst das, in meiner Kindheit mir viel vorgelogen wurde und das ab diesem Moment nichts mehr so sein würde, wie vorher……ach so kitschig::))))deshalb ist die Haifischliibar für mich ein Mythos, der nieeee sterben wird….

    • KMS a PR sagt:

      SIE waren in der hf-bar, frau feldmann??? – als frau???? ja „hai…“ 🙂 wo bleibt denn da die emanzipation….?????
      nein im ernst – sie sind mir ja eine nummer…. 🙂 🙂

      • Irene feldmann sagt:

        Wir waren eine Gruppe weiber, welche zu ehren eines Geburtstages einer dieser Freundinnen uns einen Bonus schenkten….:)und echt jez mal Philip, wäre ich nicht zugegen gewesen bin ich überzeugt das, auch heute für mich es nur Emil steinberger und der Kasperli als reelle Männer gegeben hätte……soviel zu meiner Aufklärung…….:)

  • KMS a PR sagt:

    schade. ein weiterer kult-schuppen der dichtmacht zu gunsten eines bumm-bumm-verblödungsladen. auch in der clubszene sinkt die qualität stetig. hauptsache trendy, teuer und laut. die generation x scheint mir nicht wirklich anspruchsvoll zu sein?

    • geezer sagt:

      ist total egal. hauptsache, es ist ‚hueregeeeeeiiiiiil!‘ warum denn? ‚ich weis au nöd, aber es isch ‚hueregeeeeeiiiiiil!‘

      ich gebe dem neuen im haifisch mit seinem äusserst innovativen konzept ca. 1 jahr. danach ist er pleite und der nächste nightlife-glücksritter wird in den startlöchern stehen. ich persönlch begrüsse zwar, dass es einen füdli-schuppen weniger in der stadt gibt, aber anstelle eines weiteren bumm-bumm-verblödungsladen wäre mir eine brockentube oder stinknormale beiz/bar die von jemandem geführt wird, der weiss wie der hase läuft, wesentlich lieber.

    • Réda El Arbi sagt:

      Ist bereits Geberation Y

  • Lala sagt:

    „eine trendige Lounge mit grösserem Dancefloor und House-, Hip Hop- und RnB-Beschallung “

    Ja, davon gibt’s ja noch nicht genug…

  • Michael sagt:

    Nieschenprodukte haben heute kaum noch eine Chanche zu überleben. Bei Clubs ganz besonders. Falsche Musik, falscher DJ und schon kann man Konkurs anmelden. Das Publikum für die Haifischbar ist schlichtweg weggestorben. Da ist es nur logisch, das die Bar ebenfalls stirbt. Der Besitzer will – nachvollziehbarerweise – Gewinn mit dem Laden machen und deswegen ändert sich jetzt die Ausrichtung. Die neue Generation wird es toll finden, die Alten haben einen kuscheligen Platz weniger.

  • zorrokater sagt:

    irgendwelches hintergrundwissen über diesen Köpe? noch nie von dem gehört? sohn des geschäftsführers oder jemanden den ich bis jetzt einfach im zürcher nachtleben übersehen habe?

  • adam gretener sagt:

    Also ich kann ich Handstand Kerzen auspusten, na ihr wisst schon. Darüber hinaus jongliere ich mit Rasierklingen, Mach 3, aber wegen der SUVA noch verpackt. Alex, wo kriege ich Bookings her?

  • Fritz Weber sagt:

    Die Zahl der Sinn- und Nutzlosen Clubs (mal abgesehen von Prostitution, Drogenhandel und Geldwäsche) wird einfach um eine Zahl grösser – das ist eigentlich alles. Der Neue wird kommen, den Neue wird gehen und der Nächste ist an der Reihe, das Einzige was bleibt ist ein Lächeln wenn man einen Gedanken an die jeweiligen Akündigungen und Pläne verliert.

  • Vinxi sagt:

    Nein, eine Krokodilshow ist nicht genau was in Zürich fehlt. Im Moment sind die Leute mit ihrer virtuellen Welt zu sehr beschäftigt. In der virtuellen Welt ist alles wie man(n) es sich vorstellt. Warum live wenn das Handy die Langeweile so gut vertreibt, zweckdienlich und praktisch kostenlos. Hier kann man nach Lust und Laune eintreten, sich erregen lassen, sich damit erlösen, danach einbilden, dass niemand von seiner Unterhaltung etwas erfährt. Internet-Pornography floriert seit über 20 Jahren, die männlichen Zeitgenossen sind damit aufgewachsen, sie sind Wichser geworden, sie haben sich von den Frauen befreit, sie ziehen manuellen Sex vor Sex mit einer Frau. Seine Hand sagt auch nie nein.

    • Kaller sagt:

      Sprichst du aus Erfahrung? Also ich hatte gestern …. mit einer Frau, und ich genoss den sehr. Ich finde bezüglich Clubbing sollten wir in Zürich sowieso mal was ganz neues machen, was so in Richtung Kit Kat Club Berlin, oder dass, was einmal im Monat im Club Floor in Kloten ist, und dies aber jedes Wochenende, Freitag bis Sonntag. Ob die Männer sich von den Frauen befreit haben, kann ich nicht ganz beurteilen, könnten Sie diesbezüglich konkreter werden?

  • adrian wehrli sagt:

    Lieber Alex, Züri ist im Griff der drei, vier Grossen und die Wollen den ROI (return on invest) nicht mit Experimenten im Ungewissen lassen. Der Pöbel ist happy wenn es feucht, warm und laut ist, genug Dealer in der Menge die (all-)wochenendliche Betäubungsmittelkur am laufen zu halten. Ja, eine Dachkantine mit Zirkus, ein Hauch schräg, und ein Schuss geschmeidig, dass gäbe wahrlich einen Klub. Die Haifischbar war ja die dunkle Antwort auf Zürichs Zwinglikorsett, und eine neue Location sollte die Antwort auf den grassierenden stillosen Hedonismus sein.

    • Alex Flach sagt:

      …sticht in diesem Zusammenhang leider nicht ganz: Mit diesen ominösen drei, vier Grossen hat die neue Betreiberschaft des Hafisch rein gar nichts zu tun. Der Pächter bleibt derselbe und der neue Geschäftsführer ist bis anhin noch gar nicht in Erscheinung getreten.

      • rien van clef sagt:

        „Genau das sollte er nicht tun, er sollte die alte Tradition aus den Anfängen des Haifischs aufgreifen und diese mit zeitgemässer Musik garniert in die Zukunft führen.“
        richtig.. null 8 15 läden gibt es genug.
        der rest ist gelaufen und danach kommt ein KFC rein.
        wobei wir dann wieder bei den hühnern sind.

      • clublos sagt:

        Es scheint mir, Sie haben Herrn Werhli nicht verstanden. ROI sagt alles, das ist überall so, einfach in je spezifischer Form. Selbst dort, wo die Kulturarrivierten Spektakel finden wollen, beispieslweise im Cabaret Voltaire, gilt dieses Gesetz. In einer kapitalisierten Ästhetik würde man das, was Sie möglicherweise vermissen, als schmuddelig bezeichnen. Alles was der ästhetisierten Form von ROI nicht entspricht, wird schlecht gemacht und ausgeknipst.

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