Im Darkroom der Photo16

Die Bilderflut auf Kniehöhe untergräbt die Wirkung der besten Bilder.

Die Bilderflut auf Kniehöhe untergräbt die Wirkung der besten Bilder.

Die Absicht, die der Organisator Michel Pernet mit der Schweizer Werkschau Photo 16 verfolgt, ist eigentlich edel: Er will jungen Schweizer Fotografen eine Bühne geben, auf der sie ihr Schaffen in einer Zeit visuellen Überangebots im Web in der realen Welt einem interessierten Publikum zeigen können.

Leider leidet der Anlass an der gleichen Krankheit wie die Fotografie im Zeitalter der Digitalcameras an jedem Handy generell. Es herrscht eine inflationäre Bilderflut, die den einzelnen Fotografen und sein Werk untergehen lässt.

Gerechterweise muss ich sagen, dass ich auch vom Kunsthaus überfordert bin. Nach Ansicht von 15 Kunstwerken ist mein Geist und meine Wahrnehmung abgestumpft und ich kann nichts mehr wirklich vertieft aufnehmen. Bei der Photo 16, die einige hervorragende Arbeiten zeigt, ist die Aufnahmegrenze schon erreicht, bevor ich in den Hauptsaal komme. Erwähnt seien deshalb auch nur zwei Fotoserien, die mich dennoch erreichten: Die eine ist eine Geschichte aus Senegal, die ich unbedingt empfehle. Die andere nenne ich etwas abschätzig «Flüchtlingsporno». Eine Fotoserie über das Leid und das Elend der ankommenden Flüchtlinge an den Küsten Europas, deren Grossaufnahmen der Verzweiflung an der Vernissage zwischen den Cüpligläsern irgendwie pervers wirken. Aber gehen Sie hin und machen Sie sich selbst ein Bild.

Insgesamt ist die Kuratierung gelungen, die Bilder sind zwar nicht thematisch geordnet (ausser in einem Raum, zu dem ich noch komme), aber die Arbeiten der verschiedenen Künstler beissen sich nicht mehr wie letztes Jahr. Trotzdem: Der Intention der Ausstellung wäre wohl mehr gedient, wenn sie sich in der Masse etwas im Zaum halten würde. Hier wäre wirklich weniger mehr. Die Anzahl der Ausstellenden auf einen Viertel reduziert, dafür mehr Sorgfalt auf die Präsentation der einzelnen Bilder verwendet – weg von den Kisten auf Kniehöhe hin zu Bildern an Wänden – und man würde sich beim Verlassen vielleicht wirklich noch an den einen oder anderen jungen Fotografen aus der Schweiz erinnern.

Brüste nur für Ü18

Brüste nur für Ü18

Eine Spezialität gabs dann aber doch noch: Den Darkroom. Da die Photo 16 als Familienausstellung promotet wird, kam irgendjemand auf die Idee, «explizite» Bilder in einem abgetrennten Raum mit dem Hinweis «Ab 18» zu präsentieren. Unter «explizit» scheinen die Veranstalter Brüste zu verstehen. Offenbar nehmen sie – in totaler Ignoranz der Säugetiernatur des Menschen – an, dass Kinder noch nie Brüste gesehen hätten. Ansonsten sieht man im «Darkroom» aber nichts, dem man nicht schon auf Werbeplakaten im öffentlichen Raum begegnet wäre. Ausser vielleicht dieses eine Bild mit einer Schamlippe. Es riecht etwas nach Amerikanisierung, wenn man im Hauptsaal das Leiden von Flüchtlingen ohne Bedenken auch Kindern zeigen kann, aber Probleme mit nackten Menschen hat.

Aber egal, die Ausstellung enthält Perlen, die man sich in Ruhe anschauen kann. Nehmen Sie sich nicht alle Bilder vor, sondern verlassen Sie die Ausstellung, bevor die Flut der Fotos die einzelnen Eindrücke inflationär abwertet. Viel Spass!

25 Kommentare zu «Im Darkroom der Photo16»

  • Brigitte Richli sagt:

    Erstmalig an der Foto 16 meine subjektiven Eindrücke. Zeitmanagement: top beim Verlassen 3/4 h Wartezeit wir 5 Min. Ambiente: nüchternes, überfüllt. Info versch. Räume? Platz/Zeit Bildbetrachtung?? Fazit: Wo ist die Innovation, die Genialität, Lebensfreude, Vitalität und das Neue und Experimentelle über Fotografie. Böse gesagt: 40% Hochglanztussis, perfekte Faces und geschminkt, gepierst, gefönt, gesteilt, bemalt nach Vorgabe des Ablichters. Zeitungspapierbilder die nicht mal solgfältig befestigt wurden. Ist Foto 16 alles was die junge Fotoszene zu bieten hat? Ich finde es traurig

  • David Oesch sagt:

    War heute da.

    ZU viele Bilder.
    ZU wenig einprägsame Arbeiten
    ZU viele Leute
    ZU teuer (22CHF ohne jeglichen Rabatt für Studenten oder AHV ist extrem teuer)

    So genug gemeckert. Natürlich gibt es schöne Projekte wie das NewYork Projekt von Oliver Bär! Aber mehr Innovation von Seiten der Kuratoren wäre toll..

  • Jorge sagt:

    Wie seht ihr das mit dem Ch-Kunstfilz? Eine mir bekannte Künstlerin meinte, ohne Beziehung läuft in Zürich gar Nichts…. egal wie gross das Talent ist.

    • Réda El Arbi sagt:

      Das ist so. Man muss an die richtigen Anlässe, die richtigen Leute kenne, dem Zeitgeist entsprechen. Talent ist sowieso relativ.

      • Diego sagt:

        Das ist in Zürich doch überall so, nicht nur im „Kunstfilz“…oder hat schon mal jemand eine anständige Wohnung auf Homegate gefunden ? 🙂

        • Tim Birke sagt:

          Der Beste ist mit der Schamlippe im Darkroom. Je länger ich darüber nachdenke umso schallender muss ich lachen.

          Da ergeben sich sicher interessante Gespräche unter Kennern. Man sollte jeden Abend so eine Austellung machen.

        • Jorge sagt:

          Dir Filz auf dem Wohnungsmarkt ist ärgerlich… Filz in der Kunst dagegen ist einfach nur traurig.

  • Tim Birke sagt:

    Ich bin Multimillionär (seit der dritten Generation), also nicht neureich und habe eine Tochter. In Ihrer Freizeit malt sie gerne und manchmal macht Sie Fotos von den Randständigen an der Bahnhofstrasse. Nachdem Sie die Kunstschule und Schauspielschule ebenfalls abgebrochen hat wäre es schön, wenn Sie einmal ihre Fotos austellen könnte. Ich spendiere auch einen feinen Apéro. P.S. Sie kann auch Klavier spielen

    • Tim Birke sagt:

      Achtung: Das ist Ironie referenzierend auf “ das Elend der ankommenden Flüchtlinge an den Küsten Europas, deren Grossaufnahmen der Verzweiflung an der Vernissage zwischen den Cüpligläsern irgendwie pervers wirken“ aber nahe an der Wahrheit, wobei es in der Schweiz Kunstszene durchaus Talente gibt.

      • Diego sagt:

        Wenn man Ironie erklären muss, ist der Reiz der Ironie dahin, Herr Birke.

        • Tim Birke sagt:

          Da haben Sie natürlich recht. Der Grund dafür war ein Artikel, in dem stand, dass Schweizer keine Ironie verstehen. Interessant wäre eine Studie, weshalb das so ist. Gell 😉

  • Dominique Disteli sagt:

    Die Fülle der Bilder ist sicher sehr gross, & man kann dabei auf keinen Fall allen Bildern die gleiche Aufmerksamkeit zukommen lassen, da dies vermutlich wirklich überfordert. Ich gehe aber davon aus, und bei mir ist es jedenfalls so, dass man Prioritäten setzt, indem man sich auf der einen Seite, vor allem Lieblings-Genres (z.B. Portrait-Photographie) widmet, & auf der anderen Seite Bildern, die einem einfach spontan ansprechen (individuelle Affinität, aussergewöhnliche Optik/Bildaufbau/Farben/Thema/Schönheit/Betroffenheit, etc.) intensivere Betrachtung zukommen lässt ! Die Photos von Jürg Streun & seinem grossartigen Model ( im Darkroom) gehören für mich zu den Besten und Berührendsten !!

  • Thomas Salzmann sagt:

    Sehr schöner Artikel den sie da verfasst haben .Ich bin selber Aussteller auf der Photo16 und gehöre auch zu den verbannten in den DARKROOM . Nicht das ich das sehr lächerlich finde in Anbetracht dessen was in den anderen Ausstellungsräumlichkeiten zu sehen ist. Des weitern muss ich auch mal anmerken das der Veranstalter selbst glaube ich nicht viel Interesse am Aussteller hat und sie sozusagen im Regen stehen lässt.Den Aussteller dürfen nicht den Nebeneingang benutzen ….der ist anscheinend nur für den Privaten Freundeskreis des Veranstalters reserviert.Auch die Portfolio Lounge ist ein Witz bei 150 Ausstellern da Eigenwerbung auf den Kuben nicht erlaubt ist .

  • Raphael Dudler sagt:

    Nach dem Beitrag habe ich Angst hinzugehen. Es ist so negativ. Und ich weiss, ich werde dem Anspruch, den Sie an diese Kunstform zwischen den Zeilen stellen, nicht genügen. Ich könnte jetzt wohl die uninteressanteste Debatte darüber auslösen, was denn Kunst sei. Und ich lasse es lieber. Was ich niemals verstehen werde, ist, wie man sich überhaupt getraut ein Foto zum Kunstobjekt hochzustilisieren. Was will man aus der Fotografie herauslesen? Was einbilden? Es ist ein Foto – mehr nicht. Bleiben wir entspannt und „danken“, denjenigen, die an den richtigen Kontrast- und Farbregler zu drehen wissen. Das ist es nämlich, was wir wahrnehmen. Explizite hin oder her. (Bitte bloss keine Selfie-Flut)

  • Jürg Streun sagt:

    Als Fotograf, der im Darkroom ausstellt, danke ich Dir natürlich für die spezieller Erwähnung und der damit verbundenen Werbung!

  • r.megroz sagt:

    Es gab schon früher solche darkrooms, an der photo09 zb. Es handelt sich dabei um die vorauseilende juristische Absicherung, damit ja niemand reklamieren könnte, oder dass ja keine Probleme entstehen. Angesichts der Harmlosigkeit der Inhalte scheint das nicht in unsere Zeit zu passen. Und etwas Mut, zu solchen Inhalten zu stehen und allfällige Umstände auf sich zu nehmen, wäre wünschbar.

    • geezer sagt:

      wobei meine persönliche theorie einmal mehr bestätigt wird: es gibt eindeutig zuviele juristen, die nichts gescheites zu tun haben!..:-)

      welcher ’normale‘ mensch würde denn schon auf die idee kommen, wegen ein paar püppis in einer fotoausstellung gleich einen juristischen prozess anstrengen zu wollen? das funktioniert doch nur, weils von denen zu viele hat, die sich um solch einen mumpitz ‚fachlich‘ kümmern könnten……

  • André sagt:

    Ich mag Ihre Texte – ob sie meiner Meinung entsprechen oder nicht. Sie sind stets unterhaltsam und authentisch.

  • SrdjanM sagt:

    Ich habe die Photo12/13/14 besucht und dann entschieden nur noch den Online-Katalog dieser Ausstellung durchzugehen und mir dort Interessantes zu suchen.
    Die Arbeiten der Künstler welche meine Aufmerksamkeit eingefangen haben schaue ich mir dann anderswo an.
    Die Präsentation auf diesen Tischen und Bänken ist katastrophal, die Beleuchtung wird ständig von den Hochglanzoberflächen reflektiert, so dass man oft kaum etwas erkennen kann…
    Und die Leute… erstens sind es wirklich zu viele, zweitens staunte ich nicht schlecht wie uninteressiert und gelangweilt sie durch diese Hallen spazierten, als ob es keine „Werkschau“ wäre, sondern bloss ein weiterer People Event…

    • lalala sagt:

      Möglicherweise ist es dasselbe. Das schliesst allerdings nicht aus, dass es Interessierte gibt.
      Mir persönlich ist die Kunst aber zu glatt geworden, mehr Design als Kunst, zumal man ja vom Hyperdesign-Zeitalter spricht, überperfekte Oberflächen zu ungunsten des Inhaltes und der ästhetischen Reflexion. aber ob das auf diese Ausstellung zutrifft kann ich nicht beurteilen, ich habe sie nicht besucht und dabei handelt es sich um Fotografie. Aber wenn die Arbeiten so ausgestellt sind, dass es reflektiert und man nicht richtig betrachten kann, dann wurde doch falsch kuratiert, nicht von den Arbeiten her, sondern die Werke sind statisten der Ausstellung als Designgegenstand.

  • Janine Berger sagt:

    Wenn jemand von „jungen Schweizer Fotografen“ und „einigen hervorragenden Arbeiten“ schreibt, muss es Faulheit oder Ignoranz sein, wenn nachfolgend die einzigen zwei explizit erwähnten Serien von den bekannten Fotografen Maurice Haas/Christian Grund und Christian Bobst sind. Oder riecht es hier nach Amerikanisierung vom Journalismus?

    • Réda El Arbi sagt:

      Sobald ich Kunstkritiken schreibe, werde ich mich schämen, ich schwör! Bis dahin blogge (!) ich über Sachen, die ich in der Stadt erlebe.

    • Hans Hegetschweiler sagt:

      Ich denke, der Autor hat völlig Recht, dass der durchschnittöiche Besucher einer Ausstellung schon bei einem normalen Volumen an Werken übefrodert ist. Niemand kann 200 Fotos oder Bilder vertieft betrachten. Und er hat auch Recht, dass diese Überforderung durch die Art de rPräsentation der Fotos bei der Photo 16 noch gesteigert wird. Sinnvollerweise schaut man sich dann tatsächlich nur 2 oder 3 Serien an, das ist aber angesichts der Fülle von guten Werken immer mit einem schlechten Gewissen verbunden.

      Mit Ignoranz und Faulheit hat dies aber wenig zu tun.

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