Langweilige Club-Inflation

So glücklich sieht man aus, wenn man jedes Wochenende feiert.

So glücklich sieht man aus, wenn man jedes Wochenende feiert.

Die wenigsten meiner Bekannten beschreiben ihre Clubbesuche am diesjährigen Jahreswechsel als «geil» oder gar als «legendär». In den späten 90ern, als Zürich gerade begann, sich zu einer Partystadt zu entwickeln, galt die Silvesternacht noch als Garant für Aussergewöhnliches, es gab Partys, von denen man sich noch monatelang hinter der Hand erzählte, sofern man sich daran erinnern konnte.

Und nein, das liegt nicht daran, dass früher alles besser war. Im Gegenteil: es liegt an der Inflation des Spasses. Mein Kollege Flach bedauerte in einem seiner Posts die armen Aargauer, die noch unter dem Festtages-Tanzverbot leiden, aber wenn man genauer hinschaut, hat eine restrektive Regulierung der Clubkultur auch seine guten Seiten. Wenn jedes Wochenende hundert Clubs hundert Partys anbieten, sinkt der Wert des einzelnen Ausgangserlebnisses diamtetral.

Wenn wir ehrlich sind, unterscheiden sich die einzelnen Clubbesuche und durchfeierten Nächte nicht besonders: Musik in einem dunklen Raum voller Menschen. Die Qualität ist vom individuellen Erlebnis geprägt, also entweder befeuert durch gute Leute – oder durch gute Drogen und Alkohol. Oder beides. Erlebt man das sechs Mal im Jahr, ist die Wirkung aussergewöhnlich, das Erlebnis exklusiv.

Es ist irgendwie wie Fastfood-Burger essen: Meist etwas ungesund und es macht Spass, und als Teenager kann man sich auch mal einige Wochen davon ernähren. Als Erwachsener wird es aber schon nach dem zweiten Mal fade und man wünscht sich wieder was anderes. Einige meiner Freunde versuchten der Spassinflation entgegenzuwirken, indem sie jedes Wochenende an in einem anderen Club verbrachten, oder aber in einer Nacht richtige Clubtouren durch möglichst viele Lokale machten. So versuchten sie am Montag die Qualität des  Wochenendes an der Anzahl der Clubs, die sie besucht hatten, zu messen. Oder an der Anzahl der Stunden, die sie in Clubs verbrachten. Nur, je grösser die Zahl, um so geringer wird der Wert des einzelnen Clubs und der einzelnen Partystunde.

Natürlich gibts Leute, die noch immer jedes Club-Wochenende «legendär» finden, und natürlich Silvester noch «legendärererst». Aber diese Leute pflegen das Nachtleben als Lebensstil und gehören entweder zum Inventar der Clubs oder aber zu den Stammkunden der XTC-Lieferanten.

Komischerweise waren es dieses Jahr viele meiner jüngeren Bekannten, die einen Jahreswechsel «für einmal ruhig begehen» wollten. Im engeren Kreis, mit ein paar Freunden zuhause, da sie die Clubnächte ja bereits das ganze Jahr hatten und am Silvester dem Ansturm der Clubdilettanten und der Gelegenheits-Feiernden ausweichen wollten.

Während meine älteren Bekannten wieder mal die Sau rauslassen wollten. Die Grosseltern schauten nach den Kids, die Eltern machten die Clubs unsicher. Und sie genossen es in vollen Zügen, da sie ja schon monatelang nicht mehr Zeit fürs Feiern hatten.

Natürlich wars niemals so legendär wie damals in den 90ern …

 

9 Kommentare zu «Langweilige Club-Inflation»

  • Jorge sagt:

    Geniesst doch eure langweiligen Silvesterabende, solange ihr noch könnt! In ein paar Jahren werdet ihr wehmütig daran zurückdenken und die gute, alte Zeit herbeisehnen.

    Damals…. als man noch innerhalb einer Armlänge feiern konnte und der Nachhauseweg auch ohne Geleitschutz machbar war.

    Kein Wunder feiern immer mehr zu Hause 😉

  • Toni sagt:

    Bin zwar keine Ü30er sondern noch zarte 27 Jahre alt 😉 Ich war ca. 1 Jahr in der Zürcher Clubszene unterwegs. Hive, Büxe und der Rest waren für ca. ein Jahr mein Programm. Musste aber sehr schnell erkennen das die ewige Wiederholungen im Nachtleben mich schnell langweilten. Die Clubs werden zumeist von einer Stammkundschaft besucht die sonst im Leben wenig aufzuweisen hat und in dieser Scheinwelt eine Alternative wohl gefunden .Ich lernte viele Leute kennen deren Leben sich hauptsächlich um Clubs und Drogen drehte.Teilweise waren weitaus ältere Semester unterwegs die seid Ewigkeiten in dieser Szene verkehren.Für ne kurze Zeit sind Suffs und Hangover ok aber irgendwann ist Schluss damit.

  • Mike sagt:

    Die Clubszene mit der besagten Magie ist vor allem ein Relikt aus den 90er Jahren bis Anfang der 00er Jahren. Es war etwas Neues und noch in dieser Form nie Dagewesenes und somit fasziniert.Doch wie bei allem Neuem ist irgendwann der Lack ab und der Reiz weg und vorbei.Im Vergleich zu meiner Ü30 Generation wo das Feiern noch einen Bestandteil im Leben hatte setzt die neue Generation von jungen Leuten heute andere Prioritäten.Sehe diese im meinem Arbeitsumfeld wo wir sehr viele jungen Leuten haben. Einige hören auch elektronische Musik aber Ausgehen in Clubs hat bei keinem eine Bedeutung. Priorität ist eine gute Ausbildung ,viel Reisen,Gesundheit,Vitalität,Gamen.Rauchen,Drogen eher verpönt.

  • Alex Flach sagt:

    Dass die Freude an Silvester eher selten der Vorfreude entspricht, liegt aber weniger an einer „langweiligen Club-Inflation“ sondern mehr an übersteigerten Erwartungen. Ein „Fest der Feste“ kann man nun halt mal nicht planen. Und dass früher irgendwie alles besser war denkt man nur, weil man dazu neigt Vergangenes zu verklären… früher war nicht alles besser, es war bloss Vieles anders.

    • Réda El Arbi sagt:

      Das Überangebot ist aber nicht von der Hand zu weisen. Und jedes Wochenende Party macht die einzelne Party dann eher flau.

    • tststs sagt:

      So ist’s halt mit der Legendärigkeit, sie lässt sich soooo schlecht planen. Ich kann Wochenende für Wochenende in den gleichen Club gehen, vergnügliche und weniger vergnügliche Abende erleben… und dann kommt dieser eine Abend, gleicher Ort, gleiche Zeit, gleiche Leute…und trotzdem ist etwas anders…same same but different 🙂

  • geezer sagt:

    das ist ja das grundlegende problem der 24/7 spassgesellschaft: wenn an jedem abend/wochenende vollgas ausgang angesagt ist, verliert alles früher oder später seinen reiz; zumindest ab einem bestimmten alter. wenn Ü30er immer noch das gefühl haben, regelmässig irgendwo (clubmässig) abhängen zu müssen, finde ich das eher etwas bemitleidenswert resp. einseitig.

    es ist logisch, dass heutzutage auch ältere jahrgänge ‚ausgehfreudiger‘ sind, als noch unsere eltern. aber es liegt wohl in der natur der dinge, dass man mit einigen lenzen mehr als 18 nicht mehr jedes wochenende bum täsch und judihui mehr ‚braucht‘. da sind gemütlichere abende im kleinen kreis auch ganz nett.

  • tanja sagt:

    silvester verbringe ich seit jahren zuhause.
    die erfahrung, dass an silvester alle durchgeknallten aus den löchern kriechen, hab ich schon in meiner jugend gemacht. idioten die china-böller zwischen den leuten abfeuern, typen, die die nacht der nächte erwarte, dann gegen 3uhr frustriert und nur noch zudringlich und nervig sind… oder die, die komplett über die stränge geschlagen haben… das gabs damals schon.
    nein danke.

  • Thomas Fischer sagt:

    Für mich war Sylvester immer ein Übel. Am besten man feiert bei jemandem zu Hause privat mit ein paar Kollegen.
    Ich mag mich noch an die Milleniums-Nacht 99/2000 erinnern, Besoffene so weit das Auge reicht, Schlägereien, nein danke. Für mich genau DIE NACHT um nicht in einen Club zu gehen, wie kann man sich das nur antun? Alles total überfüllt, 1h warten in der Kälte auf Einlass – oder auch nicht. Ich weiss noch 2000 als wir von der Andreastrasse über die Bahngleise versuchten ins OXA zu gelangen. Ohne Erfolg. Irgenwann landeten wir um 03:00 Uhr im Rest. Schweizerdegen an der Ecke Lang/Dienerstrasse und feiertenn mit einer Tamilengruppe Neujahr.

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