EDM: Chinaböller, Lametta und Privatflugzeuge

EDM ist der Billigdiscounter unter den Clibsounds.

EDM ist der Billigdiscounter unter den Clubsounds.

Letzten Montag berichtete ich an dieser Stelle vom, etwas halbherzigen, Versuch von Nadja Brenneisen alias DJ Nutters, die Scheinwelt des EDM blosszustellen. Schon die Genrebezeichnung ist ein Ärgernis, denn EDM steht für Electronic Dance Music und dazu zählt ja wohl jegliche elektronisch erzeugte Clubmusik. Unter EDM wird ein Sound abgeheftet, der ausschliesslich von Effekten lebt: In EDM Tracks werden im Akkord Chinaböller gezündet und sie werden mit kilometerweise Lametta behängt, wohl auch in der Hoffnung, der Hörer möge die verstörende kulturelle Leere, die ihnen innewohnt, nicht entdecken.

Dennoch ist EDM neben dem Hitparaden-tauglichen Deep House (wie EDM ebenfalls eine unzulängliche Beschriftung, denn mit dem Deep House des Genre-Pioniers Larry Heard hat der Output eines Robin Schulz oder eines Felix Jaehn herzlich wenig gemein) der derzeit erfolgreichste elektronische Sound weltweit. Wer aber in Zürich, Basel oder Bern eine EDM-Party besuchen möchte, der muss viel Forschungsarbeit investieren und wer an der Tür von subkulturellen Clubs fragt, ob heute auch EDM läuft, riskiert nicht nur einen abschätzigen Blick des Selekteurs, sondern auch lautes Gelächter von den hinter ihm Anstehenden.

Trotzdem schwört beispielsweise die Jugendplattform tilllate.com auf EDM. Wiedervereinigungs-Gerüchte der Armeschwenker von Swedish House Mafia werden frenetisch gefeiert und wer EDM bei der Story-Suche eingibt, kriegt beeindruckende 652 Artikel angezeigt. Die Leute bei tilllate.com setzen auf möglichst hohe Klickzahlen und die scheint ihnen EDM offenbar einzubringen. Dies ist auch der erste Hinweis auf die Zusammensetzung der EDM-Zielgruppe, denn tilllate.com wendet sich an ein junges Publikum, oft noch zu jung, um in Clubs zu gehen.

Aber auch am Swiss Nightlife Award, an dem auch der beste EDM-DJ gekürt wird, spielt der Sound eine Rolle. Hinsichtlich der kommenden Award-Verleihung stehen beispielsweise folgende DJs zur Auswahl: Alex Price, Avesta, Dave202, DJ Antoine, EDX, Mike Candys, Mr. Da-Nos, Nora en Pure, Sir Colin und Tanja La Croix und damit das Gros der Jockeys, die in den letzten 20 Jahren versucht haben (mit Brechstange bewaffnet), die Charts zu knacken. Sie kaufen sich Lamborghinis und teilen das via Presseerklärung mit, sie lassen sich vor und in Privatfliegern ablichten und stellen die Fotos auf Facebook, sie machen in Jurys von Castingshows mit, sie legen in der Seniorensendung ZDF Fernsehgarten auf, sie stülpen sich für ihre Sets eine überdimensionale Smiley-Maske über, sie lassen sich vom Blick unter der Überschrift «DJ Sir Colin (Engin Kilic) macht Türken froh – und die Schweizer ebenso» zitieren.

Sie vermarkten sich selbst, nicht ihre Musik. Und das sagt eigentlich schon ziemlich alles über ihre Musik aus. Es gibt Ausnahmen, aber die haben einfach die wahren Prioritäten der EDM-Hörer noch nicht erfasst. Es fragt sich deshalb schon ein wenig, warum Nadja Brenneisen extra undercover gegangen ist um das alles hier zu belegen: Ein bisschen durchs Internet surfen hätt’s auch getan.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

23 Kommentare zu «EDM: Chinaböller, Lametta und Privatflugzeuge»

  • geezer sagt:

    bei der im blog beschriebenen art von DJs handelt es sich genaugenommen ja nur um marketing-fuzzis, die ihr ‚produkt‘ möglichst cash-wirksam unter die leute bringen wollen. das gabs leider schon immer, und das wirds leider auch immer geben, in diversen musik-genres. das hat aber mit musik als kunst der ausdrucksform reichlich wenig zu tun.

  • Groove Kid sagt:

    In 5-10 Jahren wird dann in Nostalgie geschwelgt über die tollen alten Zeiten, als man noch total unintellektuell die Musik geniessen durfte, welche am meisten Spass machte, und das erst noch zugedröhnt.

    In der Musik gabs schon immer Peinlichkeiten.. oder wie war dies mit den Beatles? Eine billige Boygroup. Oder ABBA? Schwedengesülze. Bee-Gees? Meine Güte! Vanilla Ice? Süss. Schlagerrevival, Alpenrock? Verschont mich!

    • Alex Flach sagt:

      Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden und über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Wenn das Dein Ding ist oder war, dann gibt’s daran nix auszusezten 😉

  • snob sagt:

    stadtblog ist ein kafichränzli für oldtimer snobs geworden… die dachkantine zeiten sind vorbei… sucht euch ein anderes hobby als ständig über diese generation zu lästern. ihr seit alt, hängen geblieben, verbittert und genau das geworden was ihr in eure jugend hassten. produziert mal was selber anstatt online herum kritisieren und eine bestätigung für eure irrelevante meinungen zu suchen.

  • Groovy sagt:

    Wie klingt den “ Kilometerweise Lametta“ ???

  • Patrick sagt:

    Eigentlich finde ich es fast schade, dass dieses wirklich durchgelutschte Thema im Stadtblog erscheint. Aber eben: es erzeugt Traffic, Klicks und Kommentare (wie bspw. meinen).

    Meiner Meinung nach kommt es dann gar nicht mehr gross drauf an, ob man nun positiv der negativ über dieses Ekel namens EDM berichtet. Am Schluss generiert es das, was ein Blog, eine Webseite oder ein Magazin ausmacht: Besucher.

    • Patrick sagt:

      natürlich war gemeint „positiv oder negativ“ 🙂

    • Réda El Arbi sagt:

      Geht so. Mit Büsis oder Brüsten würden wir weit mehr Traffic generieren. Die Menge an Publikum, die sich für den Namen eines DJs interessiert, ist eher begrenzt.

      • Patrick sagt:

        Das stimmt, Büsi und Busen sind geeigneter für Traffic. Trotzdem finde ich, dass dieses Thema schon viel zu viel durchgekaut wurde und man es nun wieder frisch aufrollt, damit sich alle (noch einmal) über EDM echauffieren können.

    • Alex Flach sagt:

      Yep. Brüste hätten definitiv mehr Likes generiert. Ausgelutscht ist halt relativ. Wenn man sich mit dem Nachtleben beschäftigt ist das natürlich nicht wirklich neu. Bloss ist die Kolumne nicht primär für Nachtlebenleute gedacht, sondern für Leser, die sich nur am Rande mit Nightlife beschäftigen und die dennoch gerne was aus diesem Bereich mitschneiden. Und da gibt es tatsächlich viele die nicht wissen was EDM ist.

  • KMS a PR sagt:

    ach kommt. alles müssige haarspaltereien. ab 1993 hat alles, was produziert wurde und wird, nichts mehr mit „musik“ zu tun. schon gar nicht das ganze vollelektronische gewinsel. sogar jost ribary hat nach dem „chatzebusiländler“ keine einzige platte mehr zerkratzt.

  • marie sagt:

    also, edm toppt mein erlebnis vor ca. 10 jahren bei weitem nicht. eso-techno mit buddhistischen klangschalen untermauert und dann barfüssige körperverrenkungen, mit alkoholfreien getränken (O_O) – jede szene hat ihr edm. sogar die volkstümliche musik…
    ergo: alles im grünen bereich! 🙂

  • Thomas sagt:

    Es stimmt, EDM kann man aus rein künstlerischer Hinsicht nicht ernst nehmen. Er wird produziert, um eine Geldmaschine am laufen zu halten. Er ist der Treibstoff der Pop-Industrie und er muss täglich neu hergestellt werden, da sonst der Karren abliegt. Damit ist das ganze Deep House und EDM Zeugs eine aktuelle Ausprägung der Pop-Musik und hat den Hip-Hop-House-Rap abgelöst, der aus dem „echten“ und ehrlichen Rap der 90er Jahre hervorging. Noch früher war es der Skater-Teen-Punk von Blink 183 (u.a.), welcher sich als Musikrichtung inszenierte, in Wahrheit aber auch nur die Schmiermittel von Grosslabels war.

    Musik muss man wegen der Musik machen, sonst ist es keine Kunst, sondern ein…

    • tststs sagt:

      Einerseits bin ich ganz bei Ihnen, habe auch das Gefühl, da muss man am Compi nur ein bisschen auf die Knöpfchen drücken und voilà schon ist der neue EMD-Chart-Hit parat…
      Andererseits finde ich das auch ziemlich arrogant zu behaupten, etwas sei so Bubi-Zeugs und selber kann man es auch nicht besser (also gilt zumindest für mich; aber auch erwähnte Nadja B. hatte professionelle Unterstützung). Dementsprechend verdient auch diese Kunst unseren Respekt (auch wenn sie nicht unseren Geschmack trifft); denn seien wir ehrlich, wenn wir solch elitäre Massstäbe anwenden, dann müsste man ehrlicherweise zugeben, dass seit dem guten alten Mozart nur eine Handvoll Musiker diese Prädikat verdient…

  • Alex Flach sagt:

    History repeats itself. Auch die Generationen zuvor hatten ihr EDM und ihren Eurodance. Bloss erinnert man sich mit genügend Zeit dazwischen nur an die guten Sachen. In den 80ern waren ja auch Modern Talking unendlich viel erfolgreicher als Human League und New Order. Zumiindest im deutschsprachigen Raum.

  • SrdjanM sagt:

    „die verstörende kulturelle Leere“

    Es gab schon immer einen Sound dazu und der war schon mal viel peinlicher als das „EDM“…
    Wir war das noch mit „Eurodance“?

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