Vegan extrem

Wie verdammt schwer es ist, ein anständiges Leben zu führen, besonders in der Saison der Metzgete.

_gimesEine der Köchinnen im Hort sei Veganerin, erzählten meine Söhne. Vegan, das Wort habe ich als Kind nicht gekannt. Zum ersten Mal hörte ich es vielleicht vor zwanzig Jahren. Es klang extrem. Extrem wie die Musik von Nine Inch Nails. Oder wie Zungenpiercing. «Sie isst nichts, was von den Tieren kommt», wusste der Älteste. «Sie sagte, Kühe brauche es nicht

«Meine Mitbewohnerin ist Veganerin», sagte meine Patentochter, die auch am Tisch sass. Deborah, so heisst sie, gehe mit Einkaufssäcken und Eimern am Abend los und hole Esswaren ab, die in Restaurants, Lebensmittelläden, Bäckereien übrig geblieben seien. «Dann füllt sie unseren Kühlschrank.» Berge von Sandwichs, Armeen von Joghurts, alles an der Datumsgrenze.

Ich erkannte Deborah an den rötlichen Haaren und ihren unglaublichen Augen. Sie wartete vor der ETH, wo sie im zweiten Jahr Agronomie studiert. Sie ist 20. Das Fach habe sie gewählt, um später in einer NGO arbeiten zu können, sagte sie. Als sie zum Studium aus dem Tessin nach Zürich gekommen sei, hatte sie einen Freund, der Abfälle aus Containern holt, Dumpster-Diving oder Mülltauchen nennt man die Bewegung. Es sei unvorstellbar, was man in den Züri-Säcken finde, volle Weinflaschen, Gemüse, Früchte, ungeöffnet in Plastik verpackt.

So kam sie zum Foodsharing. In Zürich gebe es etwa zwanzig Betriebe, die bereit seien, unverkaufte Lebensmittel abzugeben. Am Abend tauchen Deborah und ihre Freunde auf und holen die Ware, sie zeigte mir ihren Ausweis, «Foodsaver» steht da. Dann werden die Lebensmittel verteilt oder nach Hause genommen, ein Teil geht in die öffentlichen Kühlschränke, welche die Bewegung unterhält, sie stehen im Kreis4 (die genauen Standorte finden sich auf www.foodsharing.de), man kann nehmen und bringen, so viel man will. Bald soll ein weiterer Kühlschrank in Schwamendingen stehen.

Aha, denke ich, Deborah kann mir etwas über die Armut in Zürich erzählen, über die Penner, die Namenlosen, die Alleinerziehenden, die von Ladenresten leben. Zu den Mülltauchern gehörten ein paar Einzelgänger, die sich aus den Kehrichtsäcken ernährten, sagt Deborah. Aber der Bewegung gehe es nicht um Umverteilung, in Zürich gebe es genug zu essen. «Wir retten Lebensmittel. Wir produzieren Nahrung für elf Milliarden Menschen, und dabei leben bloss acht Milliarden auf dem Planeten. Viel zu viel», sagt sie. Die Nahrungsmittel seien viel zu billig, deshalb würden sie achtlos fortgeworfen, am schlimmsten seien private Haushalte. Am Foodsharing gefalle ihr, dass jeder seinen kleinen Beitrag leisten könne, kleine Schritte. Sie habe gelernt, von Resten zu leben.

«Wann warst du zum letzten Mal einkaufen?»

«Vor sechs Wochen vielleicht, ein paar Flaschen Bier.» Veganerin ist Deborah seit drei Jahren, seit sie weiss, wie Kälber und Legehennen gezüchtet werden, wie früh ein Mastschwein stirbt. «Wir leben in einer Gesellschaft, in der man aufeinander schauen muss.» Ich höre ihr zu und denke, wie verdammt schwer es ist, ein anständiges Leben zu führen, besonders in der Saison der Metzgete. Deborah sagt: «Man kann sein Leben immer ändern.»

32 Kommentare zu «Vegan extrem»

  • Felix Berini sagt:

    Privat Haushalte sind am schlimmsten? Was ist mit den unzähligen „All inclusive Hotels“ Weltweit?

  • Hannes Müller sagt:

    Ersatzreligion.

    • Tobias Lienhard sagt:

      edle Lebenshaltung.

      • Hannes Wetzel sagt:

        Nun eigentlich gibts nichts gegen Veganismus zu sagen,ausser das es wohl schwer wird mit der Weltherrschaft!;)

        • Diego sagt:

          Nun Herr Müller, man kann spotten über Vegetarier und Veganer soviel man will, um sich vom eigenen schlechten Gewissen abzulenken, aber im Gegensatz zu den meisten religiösen Menschen leisten diese wirklich etwas Gutes und es bleibt nicht bei blossen Lippenbekentnissen.

  • Maiko Laugun ★Schnitzel-Mörder★ sagt:

    Lebensmittel sind nicht zu billig. In den USA essen die Armen immer mehr Fast-Food, weil sie sich die teurere und qualitativ bessere Nahrun nicht leisten können und werden dabei immer dicker. Es gibt meines Wissens Aerzte die besagen, dass die vegane Ernährung für Kinder kriminell sei.

    Und sonst? Foodsharing ersetzt verkapptes Schmarotzertum und der Anblick von Veganern die Geisterbahn und Zombie-Filme.

    • Roger sagt:

      @Maiko Laugun: Sie haben leider völlig recht. Besichtigte vor ein paar Jahren den armen Stadtteil Bronx in New York. Ausser den bekannten Fastfood Restaurant Ketten gab es praktisch keine Supermarkets oder kleine Läden mit frischem Obst und Gemüse. So geben die Armen das wenige Geld, dass sie haben für ungesundes Fastfood aus. Bei uns ist es ja wunderbar mit der grossen, fast dekadent anmutenden Lebensmittelauswahl an Märkten und Läden. Aber dieser ganze Hype sich möglichst gesund ernähren zu müssen artet auch in unserer Wohlstandkultur ins Extreme aus. Magersüchtige sieht man leider Schritt auf Tritt in Städten wie Zürich.

    • alice weiss sagt:

      aha, herr maiko laugun. Sie sehen sich also in der lage, einen veganer/eine veganerin vom blossen anschauen her von einem „normal-esser“ unterscheiden zu können? etwa so, wie sie männlein von weiblein unterscheiden können? oder verstehe ich da mit der geisterbahn und den zombiefilmen etwas falsch? falls Sie sich das tatsächlich zutrauen: ich glaube Ihnen nicht. und Ihre aussage empfinde ich als diskriminierend.

  • Tobias Lienhard sagt:

    extrem? Fleischessen ist extrem.

    • geezer sagt:

      nein, das ist es nicht. jeder kann entscheiden, wie er sich ernähren möchte. fleischesser als extrem zu bezeichnen, ist extrem. nur weil jemand fleisch isst, heisst das noch lange nicht, dass er die (zurecht kritisierte) massentierhaltung befürwortet. darum ist dein kommentar haltlos und eher einfältig.

      • pit sagt:

        > jeder kann entscheiden, wie er sich ernähren möchte.

        Ja. Und das gilt dann aber bitte auch umgekehrt – sie würden staunen, welche Anfeindungen und Idiotien man sich als Nicht-Fleischesser anhören muss.

        > nur weil jemand fleisch isst, heisst das noch lange nicht, dass er [..] massentierhaltung befürwortet.

        Das nützen den lieben Tieren herzlich wenig. Solange sie Fleisch essen sind sie Teil der Nachfrage, welche dieses System stützt. An den Taten soll ihr sie messen …

        > kommentar haltlos und eher einfältig.

        Einfältig ist es zu glauben, es würde sich etwas ändern, wenn man selbst nichts zu tun bereit ist. Haltlos ist der Fleischkonsum, den unsere Gesellschaft der ganzen Welt…

      • Tobias Lienhard sagt:

        Darauf müsste ich antworten, dass Fleisch M..d ist,aber das würde sicher nicht gezeigt (weil es die Wahrheit ist?), und das darf man unter den Menschentieren auch nicht, mal sehen, ob das so aufgeschaltet wird.

  • Steve Gurkan sagt:

    Achtung beim Bier, dass ist für Veganer nicht so einfach. Zwar enthält Bier welches nach dem Deutschen Reinheitsgebot gebraut wurde tatsächlich nur Wasser, Hopfen, Malz und Hefe, allerdings wird für die Etikette auf der Flasche häufig Kleber verwendet welcher tierische Bestandteile enthält.

    • KMS a PR sagt:

      🙂 also. würden veganer bier trinken, würden sie auch – wie normale menschen – fleisch essen und rauchen. 🙂 und ausserdem dürften sie leder tragen.

    • geezer sagt:

      ou ja, ganz schlimm! als veganer hat man echt keine ‚richtigen‘ probleme, gäll? aber als hopfen-, malz und hefe-killer scheinbar null schlechtes gewissen!..:-) ich würde dich gerne mal in einer situation sehen, in der du sagenhaft durst hast, und es nur bier aus flaschen mit etiketten aus ‚horrorleim‘ gibt.

  • KMS a PR sagt:

    ich frage mich ja immer, wieso die „hardcore-veganer“ immer so ungesund ausschauen. nun. sie tun ja keinem was zu leide und so soll jeder tun was er für richtig findet – solange sie nicht missionieren gehen. persönlich finde ich aber schon, dass veganer so an der grenze zwischen bemühend und sektiererisch sind. wie alles extreme.

    • geezer sagt:

      zudem ist der vegane hype ein typisches 1. welt phänomen. die anderen können es sich nämlich schlichtwegs nicht leisten. aber die idee, möglichst alle lebensmittel auch wirklich zu verwerten, ist sehr gut!

      • Mladen sagt:

        Veganismus ist wahrlich kein Hype sondern eine Lebenseinstellung von immer mehr Menschen. Wieso soll eine vegane Lebensweise speziell teuer sein? Im Gegenteil, denn die meisten Lebensmittel sind preislich eher moderat oder sogar günstig, ausgenommen wer den Anspruch auf eine biologische Herkunft hat wird auch etwas mehr bezahlen.

    • Mladen sagt:

      Sie müssen ja Tausende von sogenannten „Hardcore-Veganern“ kennen.
      Ich selbst kenne tatsächlich mehr als 100 vegan lebende Menschen persönlich und würde niemand davon als „Hardcore-VeganerIn“ bezeichnen. Auch sieht davon kaum jemand ungesund aus, ganz im Gegensatz zu vielen Leuten die sich ganz offensichtlich von Tierprodukten ernähren. Sektiererisch ist Veganismus in keinster Weise, allerhöchstens in der Auffassung der Menschen die mit einer gewaltfreien Lebensweise überfordert sind.

  • ivan casale sagt:

    Mit Vegan kann ich nichts anfangen. Was die im Blog beschriebene Organisation macht, finde ich echt gut. Ist einfach eine gute Sache. Danke für die Info.

  • Cybot sagt:

    Reste verwerten ist sicherlich eine gute Sache. Aber „Armeen von Joghurts“ findet man bei einer Veganerin sicher nicht. Joghurt ist quasi doppelt nicht-vegan – die Milch stammt von Tieren und andere Tiere (Bakterien) wandeln die Milch zu Joghurt um. Letztere isst man auch noch mit.

    • Réda El Arbi sagt:

      Die Joghurts sind auch eher fürs Foodsharing gedacht, nicht für den Verzehr durch Veganer.

    • Oliver Wirth sagt:

      @ Cybot; Bakterien sind keine Tiere.

    • Ähem sagt:

      Seit wann sind Bakterien Tiere?
      Mit dieser Konsequenz müssten Veganer übrigens verhungern – auf jedem Lebensmittel sind Millionen von Bakterien. Wenn ich die abwasche, sterben sie. Wenn ich den Apfel ungewaschen esse, sterben sie auch. Das nennt man wohl Arschkarte…

    • Mike Gygax sagt:

      Bakterien sind Tiere? Das wäre mir neu.

      • Roger sagt:

        Da muss man nur kurz Googeln:Mikroorganismen sind eine sehr uneinheitliche Gruppe mikroskopisch kleiner Lebewesen (Organismen), die als Einzelwesen nicht mit bloßem Auge erkennbar sind.[1] Sie werden auch als Mikroben[1] oder Kleinstlebewesen bezeichnet.[2] Die meisten Mikroorganismen sind Einzeller, zu ihnen zählen jedoch auch wenigzellige Lebewesen (Pilze, Algen) entsprechender Größe.[1] Solche winzigen Lebewesen, die nur aufgrund ihrer Kleinheit dem Tier- und Pflanzenreich gegenübergestellt werden, sind Gegenstand der Mikrobiologie.[1]
        Zu den Mikroorganismen zählen Bakterien (z. B. Milchsäurebakterien), viele Pilze (z. B. Backhefe), mikroskopische Algen (z. B. Chlorellen) sowie Protozoe

  • Frick sagt:

    Input: Der Youtuber unge lebt seinen veganen Lebensstill den Kindern vor. Gerade für Kinder die Ihre Unterhaltung auf diesen Kanal suchen ist dies Wahrscheinlich sehr prägend.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.