«Ich bin VIP, na und?»

Das Posen für Partyfotografen gehört einfach zum VIP-Leben. (Bild: Tilllate.com)

Das Posen für Partyfotografen gehört einfach zum VIP-Leben. (Bild: Tilllate.com)

Gestern war die jährliche Release-Party des Zürcher «Who is Who»-Magazins, des Heftlis, das uns jedes Jahr sagt, wer die 200 wichtigsten Zürcher sind. Rituell müsste ich heute – wie in den letzten fünf Jahren – erklären, wie überflüssig und peinlich das Ganze eigentlich ist. Nun, das wär genauso überflüssig, nicht?

Deshalb nahm ich mir vor, diesmal alles anders zu machen, und ging gestern Abend der Frage nach, was es den Leuten bedeutet «Very Important Person» in der Stadt zu sein. (Am Ende des Textes gibts dann noch ein bitteres Zückerli zum Event, also nicht enttäuscht sein.)

Zuerst schnappte ich mir die Person des Abends, die wohl international am meisten Reichweite aufzuweisen hatte: Tänzerin und Model Melanie Alexander. Sie war vor ein paar Jahren schon im Heft und ihr Gesicht war in der Benetton-Kampagne vor ein paar Jahren um die ganze Welt zu sehen.

Mehr Reichweite für persönliches Engagement: Melanie Alexander.

Mehr Reichweite für persönliches Engagement: Melanie Alexander.

«Ich finds super, etwas bekannter zu sein. Ich kann meine Reichweite dazu brauchen, mehr Herz und mehr Mitgefühl unter die Leute zu bringen. Und ich kriege auch sehr viele positive Rückmeldungen und lerne Menschen kennen, denen ich sonst vielleicht nicht begegnen würde», erklärt Melanie. Nun könnte man denken, das sei das übliche «Weltfrieden»-Geschwätz eines Models. Aber Melanie nimmt das ernst und engagiert sich zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Menschen mit Downsyndrom. Zu bemerken: Keine Arroganz, Mel ist einer der offensten und herzlichsten Menschen, denen ich je begegnet bin.

Als nächstes schnappte ich mir einen Bekannten, der schon eine Weile auf Schweizer Bühnen unterwegs ist und schon auf vielen kreativen «Hochzeiten» gespielt hat:  Comedian, Maler, Autor und seit neuestem Fleischproduzent Helmi Sigg.

«Ich liebe es, bekannt zu sein! Früher, in der Schule, spielte ich den Clown, um mich zu schützen. Ich wurde gemobbt und ich wusste, solange die Anderen lachen, würden sie mich nicht piesaken. Aber ich wollte eigentlich immer in irgendeiner Art auf die Bühne und da ist Fame der Lohn für die Arbeit. Das zu leugnen wäre Heuchelei. Als junger Mann war ich mit den Grössen der Schweizer Unterhaltung auf und hinter der Bühne. Und da gings mir auf: Das waren ganz normale Menschen. `Berühmt sein` wirkt nur auf Fremde. Im engeren Freundeskreis bleibt sich alles gleich.» Auch hier: Der Bär von einem Mann kann zwar rauh auftreten, hat aber ein Herz aus Gold.

Helmi und Barbara Sigg (Bild: Tilllate.com)

Helmi und Barbara Sigg (Bild: Tilllate.com)

Im Eingangsbereich traf ich dann Patricia Boser (die mit ihrer Sendung «Boser und böser» auch dieses Jahr im Heft vertreten ist) und stellte ihr die Frage nach dem Ruhm:

«Natürlich sprechen wir hier von Schweizer Verhältnissen von «Ruhm». Das ist nicht so gross. Natürlich werde ich auf der Strasse erkannt, aber das hat manchmal eher negative Folgen. Am meisten schätze ichs, wenn ich mit fremden Leuten auf der Strasse über meine Sendungen sprechen kann, wenns gar nicht um meine Person geht, sondern um den Inhalt. Ansonsten kanns ganz schön anstrengend sein. Als wir an einen neuen Ort zogen, hatte ich mit dem Bild, das die Leute von mir haben, und mit den Vorurteilen zu kämpfen.»

Ich versuchte auch, Newcomer zum Thema zu befragen, aber die winkten alle ab. Offenbar brauchts eine gewisse Übung im Berühmtsein. Eine Bloggerin, die nicht namentlich erwähnt werden will, gab zu, dass sie sich freute, dieses Jahr im Heft zu sein. Was ich sehr ehrlich fand. Als ich vor ein paar Jahren auf mysteriösem Weg einen Platz im Heft bekam, war mir das peinlich. Natürlich hab ich mich heimlich gefreut, aber ich war viel zu aufgeblasen, um das öffentlich einzugestehen.

Nun noch wie versprochen zum Event selbst: Die erste Stunde hatte irgendein Beleuchtungsverantwortlicher die Schnapsidee, die Gäste in Schwarzlicht zu tauchen. So erblindete man vor lauter blendend weissen Zähnen und Hemden, die weisse Unterwäsche der Damen leuchtete durch die leichte Abendbekleidung und alle Blondinen hatten denselben schmutzig-orangen Farbton im Haar. Die Musik war so gewählt, dass sie allen Generationen gerecht werden sollte. Der DJ dachte sich, er nehme dazu Oldies für die Alten und unterlege sie einfach mit einem billigen Eurotechno-Beat, damit auch die Jüngeren etwas davon hätten: Das Ergebnis erinnerte an die Beschallung einer Junggesellenparty in Niederpfupfikon.

Das Beste am ganzen Abend aber war das kleine Geschenksäckchen, das man von freundlichen jungen Damen zum Abschied in die Hand gedrückt bekam: «Was ist da drin» – «Toilettenpapier» – «Haha, guter Witz!»

Es war kein Witz. Eugen Baumgartner liess seinen Gästen eine Box mit Superluxus-Klopapier der Marke Josephs mit auf den Heimweg geben. Mit Reinigungsemulsion und Pflegecreme für danach. So weit, so anal.

Der Brüller ist aber das Social-Media-Marketing von Josephs Klopapier. Auf einem Kärtchen stand: «share your josephs moments» gefolgt vom zu verwendenden Hashtag. Ich seh schon den Instagram-Feed aus Bildern von blitzblanken Hinterteilen vor mir …

Geschenkli war voll für den A****

Geschenkli war voll für den A****

38 Kommentare zu ««Ich bin VIP, na und?»»

  • francesca sagt:

    Kenne leider keine einzige der Witzfiguren. Lese leider nie Comics und bin sowieso auch etwas hinter dem Mond.

  • Anna Meier sagt:

    Diese Frau auf dem Bild…. weder sagt mir das Gesicht noch der Name was….. Interessant, wie mir die lokalen „Promis“ offenbar wortwörtlich am A…. vorbei gehen 😀

  • Jorge sagt:

    Cool – P. Boser und den Helmi kenne sogar ich! Wo sie die anderen 198 angeblichen Promis zusammengetrieben haben ist mir allerdings schleierhaft.

    Highlight: so weit, so anal… da darf man sich auch mal verarscht vorkommen.

  • Kindasport sagt:

    Während dem Studium hab ich oft an Promievents geschuftet. Den Sympathischsten fand ich immer Peach Weber. Der kam an jede Hundsverlochete um sich die gratis Bratwurst und Bier abzuholen und machte sich dasnn mehr oder weniger unbemerkt wieder vom Acker. Wenn er Zürcher wäre, hätte er sich sicher auch an diesem Anlass blicken lassen.

  • KMS a PR sagt:

    jo is denn scho chlaustag? oder hat sich der helmi unabsichtlich verkleidet? sehens, dos is des problem in züri – es wüll a jeder prominent sän. do legst die nieder. und wenns olle auf der suppe dohergschwommen san. schpült kane rolle. a jeda zagt den schlonken fuss.

    • irene feldmann sagt:

      Hallo ritter….diese droge will ich auch….und zwar sofort…..:(

    • adam sagt:

      Notiz an mich selbst: nie nie nie Dialekte imitieren, wenn man es nicht kann.

      • KMS a PR sagt:

        i muess jetzt in die traffic, hob ka tschiks nimmi. sääns griess und bhüet eu.

        • adam sagt:

          Und was war das genau? Der besoffene Ostfriese, nachdem er einen Hirnschlag erlitten hat und verwahrlost in Burma aufgegriffen wurde, mit einem hellgrünen Pelikan auf dem Kopf und behauptet, er sei Kirk Douglas in Ben Hur, aber nicht das Original, sondern das bessere Remake aus dem Jahr 2155?

          • KMS a PR sagt:

            fast richtig. es war in borneo. dort spielte die österreichische originalfassung von „western world“. mit yul brinner und luis trenker – der übrigens noch lebt. übrigens verdrängte er dann clint eastwood mit „äne hoandvoll dollas“ und starb schliesslich bei den dreharbeiten in graz zu „zwoa gloaräche holunkan“. im februar 2011 wurde er exhumiert, zusammen mit seinem dunkelblauen kormoran und seither behauptet er standhaft, er sei wiener. ich wäre froh, wenn sie die fakten nicht immer verdrehen würden, herr gretener!

          • Adam sagt:

            Natürlich, Borneo. Mein Fehler.

      • KMS a PR sagt:

        Langsam find’t der Tag sei End und die Nacht beginnt
        In der Kärtnerstrass’n do singt aner „Blowing in the wind“
        Hat a greanes Röckerl an, steht da ganz verlorn
        Und der Steffl der schaut owi auf den oarmen Steirerbuamn….

  • Tim Birke sagt:

    «Who is Who» war mir nicht bekannt. Daher ist es Marketing: man kaufe 200 Edel Klopapier Geschenke, miete einen Raum mit Licht und DJ. Danach lade man die 200 Promis ein um «Who is Who» bekannter zu machen. Ist da Magaziin «Who is Who» eigentlich gratis oder zahlen wir damit das Edel Klopapier?

    • Réda El Arbi sagt:

      Ist teuer.

      • Tim Birke sagt:

        Wobei ich ergänzen muss, dass die Promis, welche sich in irgendeiner Art für Humanismus einsetzen erwähnenswert sind und ich auch schätze, dass Sie Herr Arbi, dass am Anfang Ihres Artikel hervogehoben haben, also aus einem eigentlich banalem Event das Beste rausgeholt haben. Das Heft werde ich dennoch nicht kaufen, weil man über die eigentlichen VIPS nicht in solchen Magazinen liest. Aber ich habe einige VIPS in meinem Leben getroffen, welche sich mutig, oft gegen den Strom, für die gute Sache einsetzen. Einer von Ihnen sind Sie.

        • adam gretener sagt:

          Lieber Tim, ich bin auch nicht immer mit Reda einverstanden. Manchmal könnte ich Ihn an die Wand klatschen. Und er mich. Aber ich finde, er ist einer der Wenigen die verstanden haben, um was es wirklich geht.

          Gerechtigkeit herstellen. Den Schwachen zu stützen ohne den Starken zu schwächen. Und darum ziehe ich immer wieder den Hut vor ihm. Auch wenn ich manchmal die Augen verdrehe. Links und rechts und oben und unten und zurück.

          • Maiko Laugun ★Ameisli Horter★ sagt:

            „Den Schwachen zu stützen ohne den Starken zu schwächen.“

            Ja, in der Traumwelt ist das so, in der realen Welt genau umgekehrt. Die Stärkung des einen ist gleichzeitig die Schwächung des anderen und umgekehrt. Es gibt bekanntlich Ausnahmen, in der Regel zeigen VIP’s nur ein gutes Herz entweder für Publicity oder Steueroptimierung – und zusätzlich zur Aufrechterhaltung der Träume der Träumer.

          • adam gretener sagt:

            Lieber Chinesen-Maiko, Du gehst davon aus, dass Würde und Gerechtigkeit ein endliches Gut sind. Sind Sie nicht. Es ist nicht eine Waage, wenn man da was weg nimmt, muss man es drüben wieder hintun.

            Jeder kann das in seinem Alltag tun. Fatalität ist gefährlich, man beginnt sich in einer Abwärtsspirale wohl zu fühlen. Is‘ halt so. Was soll’s.

            Ist es eben nicht. Réda rudert in einem kleinen Gummiboot kurz vor dem Rheinfall gegen den Strom. Für manchen aussichtlos. Für mich nicht und mutig.

          • Maiko Laugun ★Ameisli Horter★ sagt:

            Die wenigen Starken (oder Reichen) holen es sich von den vielen Schwachen (oder Armen) und diese wiederum verteilen ihre Almosen unter ihresgleichen.

            „Die meisten sind ganz ok…“ heisst also, dass es gut ist, wenn viele schwach sind und es auch bleiben. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist schwach also eigentlich stark, da nicht böse und gierig. Ganz ehrlich, da bin ich lieber ein bisschen schwach.

            „Réda rudert in einem kleinen Gummiboot kurz vor dem Rheinfall gegen den Strom. Für manchen aussichtlos. Für mich nicht und mutig.“

            Sagt einer, der am Ufer steht und zuschaut. Ein kleiner Tipp: Man kann am Rhein auch am Ufer gegen den Strom laufen.

          • adam gretener sagt:

            Mit schwach oder stark meine ich ausdrücklich nicht nur die finanziellen Aspekte. Wie geduldig Du kognitiv Schwächeren immer wieder zu erklären versuchst, ist schon Dankes wert.

      • Anna Meier sagt:

        @Réda El Arbi: Ist teuer? Ernsthaft? Es gibt tatsächlich Leute die was für ein Heft bezahlen, in dem die Namen von angeblich wichtigen Leuten stehen? Nicht dein ernst jetzt, oder?

  • geezer sagt:

    ich ‚musste‘ den blog natürlich auch lesen; an dieser stelle ein dankeschön für den aufwand des schreibers.

    aber ehrlich: wenn die macher diese komischen heftlis das nächste jahr wieder so eine tolle sause inklusive hammergeschenken veranstalten, wäre ich trotzdem froh, wenn Réda über etwas anderes schreiben würde. und wenn es um den ‚chüngelizüchterverein dübendorf‘ oder ähnliches ginge: es wäre wohl definitiv interessanter und weitaus weniger peinlich.

    200 wichtigste zürcher? in diesem kaff? hör doch uuf!

  • bugsierer sagt:

    warum wird über diesen peinlichen event überhaupt – wenn auch „nur“ im stadtblog – berichtet? oder anders gefragt, warum wird das von einem sog. seriösen medium nicht bewusst und konsequent ignoriert?

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