«Ventil für Melancholie» – plaudern mit Anna Känzig

Arbeit zahlt sich kreativ mehr aus als ein gebrochenes Herz oder Weltschmerz: Anna Känzig

Harte Arbeit zahlt sich kreativ mehr aus als ein gebrochenes Herz oder Weltschmerz: Anna Känzig

In unserer lockeren Serie «Plaudern mit …» treffen wir diese Woche die Zürcher Singer/Songwriterin Anna Känzig im Casablanca auf einen Kaffee. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vor dem Interview kaum Musik von ihr kannte. Das ist aber meiner Ignoranz neuen Musikern gegenüber und nicht dem Bekanntheitsgrad der Musikerin geschuldet.

Nachdem ich jetzt ein wenig in deine Musik reingehört  hab, hätte ich eigentlich so ein verpeiltes Hippiehuscheli erwartet. Du erfüllst dieses Klischee überhaupt nicht.

Wahrscheinlich haben viele dieses Bild, da doch einige meiner bisherigen Stücke eher verträumt sind. Und, was man auch sagen muss, Hippihuschelis haben nicht selten einen Sinn für Mode, der mir durchaus zusagt. Vielleicht gibt es drum auch das eine oder andere Bild von mir, bei dem sich das Accessoire eines Blumenmädchens in meine Garderobe schlich. Verpeilt bin ich nur, wenn zu viel los ist und ich gestresst bin. Im Alltag bin ich aber eigentlich ziemlich bodenständig, auch wenn eine verträumte Seite durchaus nicht zu leugnen ist. Meine Eltern konnten mich schon als Kleinkind in eine Ecke setzen und ich starrte da einfach ein bisschen in die Luft und träumte herum.

Auf dem Weg hierher, vorbei an buntem Herbstlaub und goldenem Licht, empfand ich deine beiden bisherigen Alben als idealen Soundtrack für den Herbst. Bist du ein melancholischer Mensch?

Auch, aber nicht nur. Ein Schuss Melancholie verleiht dem Alltag eine gewisse bittere Süsse, die mir sehr gefällt. Die Musik hilft mir, gewisse Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten. Sie ist manchmal eine Art Ventil für meine Melancholie. So bleibt dann für den Rest des Lebens mehr Platz für Fröhlichkeit.

Bist du eine dieser Künstlerinnen, die denken, dass persönliches Leiden und Drama notwendig sind, um kreativ zu sein?

Wo kein Drama ist, fange ich mit Sicherheit keins an. Ich könnte sehr gut ohne Leiden leben, aber kein Leben ist ja gänzlich frei davon. Je älter ich werde, umso mehr mache ich die Erfahrung, dass man auch sehr gut abliefern kann, wenn man nicht gerade an Herz- oder Weltschmerz leidet. Eine gewisse handwerkliche Sicherheit, ein professionelles Team und sehr viel harte Arbeit garantieren mit Sicherheit eher ein gutes Album als eine frisch zerbrochene Liebe.

Du bist jetzt Dreissig, warst für dein neues Album ein Jahr im Studio, bist bei einem Major Label unter Vertrag und schreibst deine Songs nicht mehr alleine. Ist das der Wechsel vom Mädchen mit der Gitarre zur erwachsenen Profimusikerin?

Nein, das war ich schon vorher. Aber ich will mich ja auch weiterentwickeln, neue Einflüsse aufnehmen, mich inspirieren lassen. Deshalb arbeite ich auch mit einem Freund gemeinsam an den Songs. Sony als Label ist praktisch, weil sie mir sehr viel Arbeit abnehmen und ich mich so noch mehr dem Musikmachen widmen darf.

Dein neues Album soll ja ganz neue Elemente enthalten. Es soll elektronischer, eben weniger Hippiemeitli, sein.

Ganz neu wohl kaum. Für mich ist es sogar auch fast ein bisschen «back to the roots»: weniger Instrumente, alles etwas reduzierter, dafür mehr Stimme. Bevor ich meine beiden Soloalben veröffentlichte, machte ich mit einer Band Triphop. Das spürt man im neuen Album wieder stärker. Am 6. November erscheint Drive All Night, die erste Single des neuen Albums, da kann man sich dann einen ersten Eindruck vom neuen Material machen. Und im Februar nächsten Jahres kommt dann eeendlich das Album, ich kann es kaum erwarten.

Wie wird man eigentlich Berufsmusikerin? Träumt man von der Bühne, wenn andere Mädchen Tierärztin werden wollen?

Bei uns im Haus gingen seit meiner frühesten Kindheit Musiker und Künstler ein und aus. Musik war ein Teil des Alltags. Da hats mich dann wohl einfach erwischt. Ich lernte früh verschiedene Instrumente, nahm später Gesangsunterricht und entschied mich für ein Studium an der Jazzschule.

Deine Eltern stehen voll hinter dir? Kein «Meitli, zerscht muesch öppis aständigs lehre, KV oder so.»

Meine Eltern sind jetzt auch nicht unbedingt die klassischen KV-Typen. Ich glaub aber schon, dass sie erleichtert waren, als ich ans Jazz-Konsi ging. Es ist noch immer Musik, aber wenigstens eine bodenständige Ausbildung mit einem eidgenössischen Abschluss.

Und jetzt voll Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Im Kreis 4 in Züri mit Groupies abfeiern?

Keine Groupies, nein. Höchstens mal ein Facebook-Stalker und den lösch ich lieber, als dass ich mit ihm feier. Klar gehe ich gerne mal aus, aber mein Leben verläuft eigentlich in ziemlich geordneten Bahnen, wenn man davon absieht, dass ich meist bis um 11 Uhr im Bett bleiben darf, meine Arbeit dafür aber oft bis in die Nacht geht. Ich freue mich aber auch wieder auf das Touren, weil da wieder etwas mehr Action reinkommt. Jede Nacht eine andere Stadt, mit einer Clique reisen, intensive Zusammenarbeit, exzessive Augenblicke.

Und kannst du jetzt von der Musik leben?

Von der Musik schon, aber nicht von meiner allein. Ich unterrichte noch Gesang. Das macht aber auch sehr viel Spass, weil man Menschen, die singen wollen, Stufe für Stufe näher an ihre Möglichkeiten bringen kann. Das lieb ich sehr.

Apropos Liebe …

Haa. Vergiss es.

Ou Gopf, taminomal …

Also gut. Nur so viel: Als Musikerin bin ich viel unterwegs, und wenn nicht, brauche ich sehr oft Zeit, um intensiv an meiner Musik zu arbeiten. Das ist vielleicht von manchen Partnern zu viel verlangt. Andere können sehr gut damit leben.

Und das heisst? Single oder nicht?

Glücklich! Reicht das als Auskunft?

Anna Känzig: Folk & Melancholie, genau richtig für den Herbst

6 Kommentare zu ««Ventil für Melancholie» – plaudern mit Anna Känzig»

  • Geri Binkert sagt:

    Grüezi Anna Kaenzig
    STEINER jAZZ 29. April 16. Sensationeller Auftritt mit ihrer Gruppe.Sie mit iihrem Gesang und den Instrumentalistinnen konnten nicht täuschen dass alle sehr gut ausgebildetet Frauen sind.
    Mit freundlichem Gruss Geri und Erika Binkert Stein

  • geezer sagt:

    warum sind denn bei solchen ladies die fragen zu liebe, single oder nicht etc. immer soooo grauenhaft tabu? das tschegge ich im leben nie. es dürfte wohl schon klar sein, dass frau auf solch einer plattform nicht intimste details herausposaunen muss. das erwartet wohl kein leser. aber immer gleich die vollbremse ist so was von bünzlig und zwinglianisch verklemmt!

  • Huckleberry Finn sagt:

    Eigentlich schade, In Züri findet man selten noch Hippie-Kultur. Eher noch in Amsterdam, Kopenhagen oder San Francisco. Zürich ist eben eher eine Banken- und Bordell-Stadt. Knallhartes Business. Bei mir sind jedenfalls die Hippie-Girls gerne bis zum ‚Psychedelic Breakfast‘ geblieben.

  • Onkel Arnold sagt:

    So klingt es, wenn Schweizer halt so Musik machen. Ganz nett eigentlich, momol.

  • Dani sagt:

    «Wo kein Drama ist, fange ich mit Sicherheit keins an» – sehr schön!

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