Keine Party für Flüchtlinge

Schwierige Themen müssen draussen bleiben: Partys sollen Ablenkung bleiben

Schwierige Themen müssen draussen bleiben: Partys sollen Ablenkung bleiben

Dank Facebook ist es bequem ein zutiefst Erschütterter mit sozialem Gewissen zu sein. Man ändert seinen Status, bringt seine Empörung über das Leid in dieser Welt zum Ausdruck und schon schweigt der kleine Mann auf der Schulter, der einem ständig ins Ohr flüstert, man tue nicht genug fürs Karma. Das ist fantastisch: Dank Facebook sieht alle Welt, wie engagiert man ist. All die seltsamen Spinner die Geld spenden, Kleider sammeln und Lastwagen in Krisengebiete fahren, ohne jemandem was davon zu erzählen; da kriegt man ja gar keine Likes…

Das Entsetzen in den sozialen Medien nach Veröffentlichung der Bilder des toten Flüchtlingsjungen am Strand von Bodrum übertraf alles bisher Dagewesene und auch die Nightlife-Leute versuchten ihre Fassungslosigkeit auf Facebook in Worte zu fassen. Dies hat wiederum einige tatsächlich Engagierte auf den Plan gerufen, die sich in den Foren spontan zu Kleidersammlungen und anderen Hilfsaktionen zusammenschlossen. Wer jedoch an diesem Wochenende eine Benefizparty für Flüchtlinge besuchen wollte, musste lange suchen. Nicht dass es keine gegeben hätte (beispielsweise die Beats 4 Humanity im Stall 6 vom vergangenen Februar), aber gemessen am Online-Aufschrei war das Angebot an Spenden-Events doch recht spärlich.

Das Nachtleben hat sich mit Benefizpartys schon immer schwer getan. Das mag vielleicht daran liegen, dass die seit Jahren vorherrschende Konkurrenzsituation nicht viel Spielraum für finanzielle Grosszügigkeit lässt. Andererseits lässt sich der Mangel an Spendenanlässen auch mit der der Sache zugrunde liegenden Schizophrenie begründen: Während die syrischen Flüchtlingen im Mittelmeer ertrinken, sammeln wir Geld, indem wir das Leben feiern und uns zu harten Beats die Lampe füllen – an eine Sensibilisierung der Gäste für das Thema ist an solchen Events nicht zu denken. Viele der Anwesenden wissen jeweils nicht einmal, dass sie gerade an einem karitativen Event tanzen. Dazu kommt, dass es in der Vergangenheit immer wieder mal schwarze Partyschafe gegeben hat, wie zum Beispiel eine Berner Veranstalterin, die vor ein paar Jahren eine Spendenparty zugunsten eines Hilfswerks für behinderte Kinder organisiert und dann die Einnahmen für sich behalten hat. Ohne dem Hilfswerk einen Rappen zu überweisen.

Das klingt nun düsterer als es tatsächlich ist, denn wer will, der findet doch immer mal wieder die eine oder andere Party mit sozialem Engagement. Sei es nun ein Abend um sich das Schicksal der Exil-Tibeter in Erinnerung zu rufen, ein Club-Flohmarkt dessen Einnahmen an eine Schule in Senegal gespendet werden oder ein Event, um einer afrikanischen Schule den Kauf eines neuen Schulbusses zu ermöglichen. Wer sich daran stört, dass nicht viel häufiger solche Benefizpartys veranstaltet werden, sollte nicht vergessen, dass Clubs dazu da sind, den Menschen ein paar Stunden Abstand von Alltags- und anderen Sorgen zu ermöglichen. Schwierige Themen sind in dieses Grundkonzept nur schwer zu integrieren.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

19 Kommentare zu «Keine Party für Flüchtlinge»

  • Sämi sagt:

    hoi Alex,
    am Samstag organisiere ich mit meinem Verein „Konzerte für alle“ ein Benefizkonzert in der Aktionshalle in der Roten Fabrik:
    https://www.facebook.com/events/1638346216447948/
    Zugunsten der Flüchtlinghilfe Schweiz, explizit für unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge.
    Wir sind also nicht bös, wenn du das promotest…

    • tina sagt:

      darauf wollte ich gerade auch hinweisen. und wer nicht hin kann – wie ich – kann ja dafür etwas auf das selbe konto spenden, wie die einnahmen gespendet würden: flüchtlingshilfe schweiz.
      Spendenkonto
      Postfinance AG, Bern
      30-1085-7
      IBAN CH92 0900 0000 3000 1085 7
      BIC: POFICHBEXXX

  • Patrick sagt:

    Hey Alex! Fern ab der Zwinglistadt hat’s im Luzerner ROK etwas in der Art am vergangenen Wochenende gegeben – sogar mit Zürcher Beteiligung in Form von Hive Audio. Die haben immerhin 5.- vom Eintritt und 1.- pro Getränk der Schweizer Glückskette zugesteckt. Immerhin! 🙂

  • Xenia sagt:

    Es ist ja bekannt, dass gewisse Bevölkerungsgruppen sehr spärlich in Clubs reingelassen werden.
    Bürger mit jugoslawischem Migrationshintergrund zum Beispiel.
    Ich wage mir nicht vorzustellen, wenn plötzlich Gruppen von Syrern vor den hippen Clubs stehen würden.
    Die Türsteher und Betreiber würden schnell die Türen schliessen.
    Offenheit und Gastfreundlichkeit fängt im Alltag an.

  • Claudio sagt:

    Wie du schreibst Alex, die Sache erscheint dann doch etwas schizophren – sind es doch die Clubs die Wochenende für Wochenende ein Asyl für viele Alltags-Flüchtlinge bieten. Trotzdem unterstütze ich jeden Gedanken der Menschlichkeit. Das Argument nicht tätig zu werden, weil es andere auch nicht sind, zieht natürlich nicht. Flüchtlingen mit offenen Armen und Empathie zu begegnen und zu teilen was wir haben (nicht nur auf Facebook), sehe ich zudem als Möglichkeit für uns alle, einmal für die Menschen da zu sein, die u.a. auf Kosten unseres Wohlstandes bereits vor Ihrer Flucht viel Leid erfahren mussten. Auch wenn wir sehr sehr grosszügig teilen (nicht nur auf Facebook), wird es uns am Ende nur ein Bruchteil von dem kosten, was die Vertrieben bereits hinter sich lassen mussten. Es wäre auch an der Zeit, dass die Medien (auch Du Tamedia ) endlich auf die wirklichen Ursachen der weltweiten Flüchtlingswelle hinweisen würden. Auch dann, wenn es schmerzt festzustellen, dass auch wir ein Teil des Problems sind. Als Journalist müsste man sich eigentlich dazu verpflichtet, wenn nicht sogar berufen fühlen. Leider geschieht das immer weniger. Vielleicht auch ein Grund – um zum Thema zurückzukehren – weshalb man in den Clubs auffällig viele Medienleute antrifft. Love.

  • Othmar sagt:

    Wieviel kostet denn so ein Eintritt ins Hive oder ins Alice Cho?
    Kann sich das ein Flüchtling überhaupt leisten?

    • Alex Flach sagt:

      Ich glaube Flüchtlinge haben nach ihrer Ankunft andere Prioritäten als Clubbesuche.

      • Simon ZH sagt:

        Aber Alex, es wäre doch mal ein Zeichen der Clubs (welche ja wirklich nicht in Geldnöten sind), an einer Rakete z.B. ein gratis Eintritt für Asylanten anzubieten. Warum wird dies nicht getan? Willl man diese Menschen nicht im Hive?

        • Alex Flach sagt:

          Das scheint mir etwas gesucht, nicht? Ich weiss nicht wie viele dieser Menschen Bock auf elektronische Musik und Vodka Lemon haben… Aber eigentlich kann man diese Frage weiterspinnen: Wieso bieten Banken Flüchtlingen keine Konti ohne Bearbeitungsgebühren an? Warum führt der H&M keine Sonderrabatte für Flüchtlinge? Wieso gibt’s im McDonalds keinen Gratisburger für Flüchtlinge? Wieso führt Dein Arbeitgeber keine Dienstleistungen/Angebote die für Flüchtlinge günstiger zu kriegen sind? Und warum wird vom Nachtleben etwas erwartet das kein anderer tut?

          • Alex Flach sagt:

            Es ist hier wohl wie überall; bei der Brieftasche endet das soziale Engagement leider allzu oft (wobei es natürlich auch einige Nachtlebenmacher gibt die privat spenden). Und auch hier gilt: Bevor man mit dem Finger auf andere zeigt gilt es zuerst einen Blick auf das eigene Umfeld zu werfen und sich zu fragen, ob man da nicht mehr tun könnte; wer ohne Nachlässigkeit ist, werfe den ersten Stein.

          • Samuel sagt:

            Ja das wird sehr sicher zu keinen Steinigungsszenen https://www.youtube.com/watch?v=SohMW2aa9IQ in CH führen. 🙂

          • Alex Flach sagt:

            Eher nicht, nein.

          • Simon ZH sagt:

            Also ich finde alle diese Dinge eine grossartige Idee. Jemand müsste einfach nur mal den Anfang machen, ich persönlich tue es im Kleinen (wobei mein Hauptaugenmerk vorwiegend meinem Geburtsland Senegal gilt). Bezüglich gratis Eintritte für Asylbewerber: Dies wäre ja in der Praxis kein Problem und die Lust an der elektronischen Musik kann man wecken und fördern, nebenbei könnte es der Integration dienen. Anmerkung: auch in arabischen Ländern hatte die elektronische Musik Einzug gehalten, einfach bereichert mit orientalischen Klängen, nur wird das Nachtleben von Fundamentalisten derzeit kaputtgemacht bzw. deren Entwicklung verunmöglicht (Damaskus, Beirut), wobei dies in Syrien das kleinste Problem ist, da Menschen um ihr Leben fürchten müssen. Eben, dies mit dem Gratiseintritt (und ja, auch Fussballclubs, das Opernhaus, Zirkus-Knie, etc.) ist ja nur ein Tropfen auf den heissen Stein, aber mal ein vorbildliches Zeichen um diesen Weg weiter zu verfolgen.

          • Alex Flach sagt:

            Tatsächlich… insbesondere Anbieter von Basics wie Kleidung, Essen und anderem Lebensgrundbedarf könnten sich hier hervorragend auszeichnen und das auch für PR-Zwecke nutzen… Aber mir ist bis anhin keiner bekannt, der das auch tut. Zumindest habe ich bisher nirgendwo was gelesen. Zumindest nicht was die Schweiz anbelangt: http://www.20min.ch/ausland/news/story/Unis-lassen-Fluechtlinge-gratis-studieren-20233328

          • peter sagt:

            alex, wenn jeder bei sich beginnen könnte, weshalb nicht die clubs auch?
            deine antwort ist die typisch egoistische: die andere sölle mol mache, nid mir.

          • Alex Flach sagt:

            Da kann ich nicht widersprechen. Im Text versuche ich der Tatsache auf die Schliche zu kommen, warum sie’s nicht (öfter) tun.

          • Sarah sagt:

            Weil es für bedürftige Flüchtlinge wohl wirklich dringendere Probleme gibt als Zutritt zu elektronischen Partys…

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