Eine verfluchte Schande für die Stadt

Profitieren von der allgemeinen Hetze:: Schweizer Nazis.

Profitieren von der allgemeinen Hetze: Schweizer Nazis.

Zwanzig Rechtsextreme haben am 4. Juli einen jüdischen Mitbürger misshandelt und angespuckt, wie die Sonntagszeitung publik machte. Das Ganze fand mitten in Zürich, in Wiedikon statt, und die rechten Idioten liessen erst von ihrem Opfer ab, als die von Passanten gerufene Polizei eintraf.

Das habe nichts mit uns zu tun, könnte man denken. Das sind Nazis und Extreme, und überhaupt hat ja ein Passant gleich die Polizei gerufen. Das zeigt doch, dass bei uns alles in Ordnung ist.

Aber so einfach ist es nicht. Noch Ende der 90er hätten sich Nazis nicht so frei und selbstsicher in der Öffentlichkeit bewegt. Sie wären niemals davon ausgegangen, dass ihre Gesinnung und ihre Handlungen in der Gesellschaft soweit akzeptiert seien. Sie hätten ganz einfach Angst gehabt, ihre kaputte Gesinnung so zu zeigen.

Inzwischen haben Hetze gegen Ausländer, die Selbstverständlichkeit, mit der die PNoS ihren militanten Arm AS (Ahnensturm) aufbauen konnte, der bittere, aus Dummheit entstandene Hass, der einem in Internetforen anonym – oder als „Eidgenoss“ gekennzeichnet – entgegen schlägt, Wirkung gezeigt. Die hetzerischen Parolen der akzeptierten, gutbürgerlichen Rechtsnationalen, die ihr verbales Gift mit „das muss man doch noch sagen dürfen“ beenden, schaffen ein Klima, in dem der Nazidreck wieder salonfähig wird.

Es sind zwar die Rechtsextremen, die zuschlagen. Aber es sind die Leute, die mit den übelkeitserregenden  Worten „Ich bin ja nicht fremdenfeindlich, aber …“ oder „Ich bin ja kein Rassist, aber …“ eine Atmosphäre schaffen, die dem rechten Gesocks wieder das Gefühl gibt, sie könnten ihre widerlichen Parolen ohne Ahndung oder Ächtung unter die Leute tragen. Sie denken lassen, sie könnten wieder Hass und Angst verbreiten.

Wenn in Zürcher Strassen zwanzig Nazis vor einer Synagoge auftauchen und einen Mann misshandeln können, ist es an der Zeit, den Leuten, die diese Atmosphäre mitschaffen, zu sagen: Es ist genug. Wir haben genug von eurem Gift, von eurer Angst, von eurer Hetze.

Es ist Zeit, sich in den Internetforen zu äussern. Diesen Menschen etwas entgegenzusetzen. Unsere Schweiz wieder geistig von den Hetzern und den Verhetzten zurückzufordern. Die Atmosphäre wieder mitzubestimmen und nicht denen zu überlassen, die Andersartige und Fremde herabsetzen müssen, um sich selbst ein wenig grösser zu fühlen.

Die paar rechten Schläger können wir ohne Probleme der Polizei überlassen. Die sind für solche Idioten zuständig. Aber der breite Boden, auf dem diese Gesinnung so selbstverständlich wachsen kann, erfordert unsere Zivilcourage. Man muss die Lügen, die Hetze und die Angst bekämpfen.

Man muss hinstehen, in der Mittagspause, bei der Arbeit, im Freundeskreis, im Club, im Cafe am Nebentisch, man muss sich äussern, Stellung beziehen, wenn die Hetze formuliert wird. Auch wenns unangenehm ist und man lieber so tut, als hätte man nichts gehört. Auch wenn man sich sagt, dass das Gegenüber es ja nicht so meint, eigentlich kein schlechter Typ ist, ja nur einen Witz gemacht hat. Man steht hin und sagt: NEIN. So nicht. Man antwortet in den Foren und schüttelt nicht nur den Kopf und klickt weiter. Man nimmt sich zehn Minuten am Tag Zeit, um auf einen Hasskommentar bei der Zeitung seiner Wahl zu antworten. Man zeigt Zivilcourage.

Es reicht nicht, wenn wir selbst nicht so denken. Hass, Hetze und Fremdenfeindlichkeit müssen angesprochen und sozial geächtet werden. Jetzt, heute, an jedem einzelnen Tag.

Oder wie es meine alten Kumpels, die Ärzte, einmal so vorzüglich formulierten: