Schulen für DJs?

DJ Ferrari über Kunst, DJs und Handwerk.

Domenico Ferrari über Kunst, DJs und Handwerk.

Längst leben viele Schweizer ausschliesslich von der Auflegerei. Inzwischen gibt es auch einige (mehr oder weniger aktive) Schulen an denen man das Turntable-Handwerk erlernen kann, beispielsweise die DJ University in Pfäffikon, die Spin DJ Academy in Zürich, Beatmix in Bern und Basel oder die neue Mixmasters-Schule mit Standorten in Horgen und Birmenstorf.

Domenico Ferrari, DJ und Produzent (High Heels Breaker) und Dozent für Producing an der ZHdK, erzählt, was er von solchen Instituten hält.

Brauchen DJs eine Schule?
Der Markt zeigt, ob es solche Schulen braucht. Das sind ja private Institutionen, also Firmen die Geld verdienen wollen. Mir fehlen die Erfahrungswerte um fundiert beurteilen zu können ob diese Schulen über die nötige Kompetenz verfügen, auch in pädagogischer Hinsicht.

Es fällt auf, dass einige dieser Schulen mit namhaften Gastdozenten arbeiten, derweil man von den ständigen Dozenten kaum einen kennt.
Das ist in der Tat etwas besorgniserregend: Das sieht nach schmückendem Namedropping aus. Wenn aber die Gastdozenten über pädagogisches Talent verfügen, dann profitieren die Studenten von deren Know How. Auch an der ZHdK gibt es international renommierte Gastdozenten. Jedoch sind bekannte Namen kein Indiz dafür, dass die Schule was taugt.

Sind solche Schulen nicht zu kleinbürgerlich für den Beruf DJ?
Keine Schule kann aus einem Talentierten einen Künstler machen. Sie kann nur Türen öffnen: Durchgehen muss der Student selbst. Wer denkt, er könne solche Kurse absolvieren und komme dann an viele Bookings, der landet schnell auf dem harten Boden der Realität.

Mixmasters.ch verspricht, dass man nach Abschluss der Kurse schnell 500 CHF Gage pro Booking verdienen kann …
Das ist gummig formuliert. Der Schritt zum Künstler dauert viele Jahre. Ein gutes Beispiel ist Jimi Jules: Er hat fünf Jahre Musik an der ZHdK studiert und sich seinen Masterabschluss erarbeitet, hat bereits während seines Studiums aufgelegt. Wir reden hier von einem Zeitraum von 8 – 10 Jahren zwischen dem ersten Mal auflegen und dem endgültigen Durchbruch.

Du sprichst von Künstlern. Machen nicht erst eigene Songs aus einem DJ einen Künstler?
Erfolgreiche Produktionen werden immer wichtiger, will man ein angesehener DJ werden. International erfolgreiche DJs können auf Hits verweisen oder sie führen Labels, auf denen andere Produzenten solche veröffentlichen. Wie beispielsweise der Berliner Dixon mit Innervisions. Das Produzenten-Know How wird an diesen Schulen wohl nicht in genügendem Umfang vermittelt. Dafür aber wird da „Taktlehre“ gelehrt, wobei mich interessieren würde, was man da lernt… wie man bis Vier zählt?

Dein Fazit?
Im Gegensatz zur ZHdK lehren diese Schulen eher das Handwerk als die Kunst. Nun muss sich jeder selbst fragen, ob er dereinst elektronischer Musiker werden möchte, oder ob er beim reinen DJing bleiben will. Ist Zweites der Fall, dann können diese Schulen durchaus eine wertvolle Starthilfe sein. Der Karriereaufbau liegt jedoch in beiden Fällen letzten Endes immer beim Student.

Alex-Flach2Alex Flach ist Kolumnist beim Tages Anzeiger und Club-Promoter. Er arbeitet unter anderem für die Clubs Supermarket, Hive, Hinterhof, Nordstern Basel, Rondel Bern, Hiltl Club und Zukunft.

19 Kommentare zu «Schulen für DJs?»

  • Sarah sagt:

    Ich denke ja, das würde nur auf mehr Anpassung und Durchschnitt hinauslaufen. Es gäbe dann weniger ganz schlechte und aber auch wneiger Top-DJs, sondern viele die Ihr qualitativ akzeptables Druchschnittswissen anbieten. Die gehen die paar Tage zur Schule und haben dann ihr Zertifikat und fordern dann Topjobs. Heute indes sind DJs entweder unengagiert und unbegabt, oder die Topkräfte sind extreme Freaks, die sich hochengagiert die Technik selbst drauf gebracht, die Szene von ganz unten täglich kennengelernt und gelebt haben und meist auch selbst Profiproduzenten sind. Ist wie bei Bologna, die Reform bringt auch keine hochspezialisierten und begeistert forschenden Topkräfte hervor, sondern schleust nur mehr junge Leute punktejagend durch eine Grundausbildung anstatt eines Studiums an der Uni.

  • Stefan sagt:

    Ich erlebe jeden Tag, dass sogenannte DJs kein Taktgefühl haben, den Einsatz verpassen, von Harmonien absolut keine Ahnung haben und wohl auch nie was von einem Set Aufbau gehört haben. Der Sync-Button soll es dann richten, ist doch ganz Easy… Auf die Frage welche Titel auf C-Dur passen kommt dann ein Häää? – Gefolgt von der Antwort… Keine Ahnung, das hat man doch im Blut. – Spätestens beim Plattenspieler wird dann alles klar… Nee… Ich Mixe ausschliesslich mit meinen (digitalen) Geräten, verbunden mit einem Riesen Drama, wenn das bekannte Equipement nicht bereitsteht. – Trotzdem… Auch ich musste das Mixen (mit Platten) selber lernen. Rückblickend kann ich aber sagen, dass ich das Mixen viel schneller gelernt hätte, wenn mir jemand gezeigt hätte wie man es richtig macht.

    Also… Eine Guittare hat nur 6 Seiten, das kann nicht so schwierig sein! Bis morgen habe ich dies gelernt!
    Oder könnte es doch so sein, dass ich etwas Hilfe beim lernen benötigen könnte? – Leider gehöre ich nicht zu den Ausnahmetalenten die alles einfach können und nie einen Kurs brauchen.

    Oder sprach ich gerade von der Selbstüberschätzung die dafür sorgt, dass der erste Auftritt im Club auch für den Moment der letzte war? – Magels können? – Unmöglich… Ich habe ja die besten Titel…

  • „….derweil man von den ständigen Dozenten kaum einen kennt.“ Schreiberling trifft den Nagel auf den Kopf. ….ich habe von Domenico Ferrari als Produzent und DJ auch noch nie etwas gehört…und ihr von mir wahrscheinlich auch noch nie.

  • Samuel sagt:

    Gerade in kreativen Berufen bringen Diplome garnichts. Entweder er/ sie ist kreativ und hat auch die Leidenschaft sie umzusetzen oder nicht. Kreative lernen autodidaktisch und spezialisiert, oberflächliche titelfixierte Generalisten braucht es da nicht wirklich.

    • Alex Flach sagt:

      Würde das Institute wie eine ZHdK nicht überflüssig machen?

      • Samuel sagt:

        Viele glauben Kunsthochschulen brauchen zu müssen, das mag auch hilfreich sein, aber die Kreativität fördert es meines Erachtens nicht. Die Arbeitsweisen werden perfektioniert aufgrund historischer künstlerischer Erkenntnisse. Aber ob dadurch Künstler mutiger, innovativer, kreativer werden, würde ich sehr bezweifeln. Viele bekommen doch dort auch erst vermittelt, was künstlerisch ausgedrückt werden darf und was nicht. Deshalb haben wir ja auch kaum noch wegweisende politische und soziale Statements in der Kunst.

        • Alex Flach sagt:

          Das Prinzip des „Kunst lehrens“ ist aber nicht wirklich neu… beinahe sämtliche grossen Maler und Bildhauer der Renaissance hatten Schüler (und waren auch Schüler von jemandem) und auch in späteren Epochen war das Usanz – bis hinein in die Moderne. Ich denke das mit den Statements müsste andere Gründe haben.

          • Samuel sagt:

            Kunst lernen im Leben und bei konkreten Künstlern aus einen selbst interessierenden Teilbereichen oder Szenen ist dabei für mich die eine selbstbestimmte Sache. An den Hochschulen indes bekommt man meist ein standardisiertes Komplettpaket, dass oft nicht die Grenzbereiche der Kunst auslotet und diese erweitert oder eigene Interessen vertieft und weiterentwickelt, sondern nicht selten eher ein pauschales Mittelmassangebot mit Grundkenntnissen liefert. Es gibt sicher auch an den Hochschulen hochspezialisierte Ausnahmen, aber meist ist es doch eine vertiefte Grundausbildung. Das muss für manche Charaktere nicht verkehrt sein, aber ob es notwendig zum innovativen verantwortungsvollen Individualismus in der Kunst befähigt würde ich eher sehr bezweifeln. So ist es etwa kein Geheimnis, dass gut hochschulstudierte Klassikmusiker und auch mit viel Praxiserfahrung oft keine Meister beim Improvisieren sind, etwa im Jazz. Sie brauchen eine Orientierung, anstatt flexibel selbst spontan neue innovative Wege zu gehen. Auch sind viele Künstler mit dem Raster an den Hochschulen unzufrieden und verlassen sie ohne Abschluss, um eigene Wege zu gehen und sind damit erfolgreich. Das betrifft alle Bereiche, auch renommierte Schauspielschulen. Sicher gibt es auch andere Gründe für fehlende politische und soziale Statements in der Kunst. Aber die Erziehung zum Marktpragmatismus an Bildungseinrichtungen der Kunst ist sicher ein wesentlicher.

          • Lara Kraft sagt:

            Samuel, selten so einen Bullshit gehört. Solche „Künstler“ wie dich, kenne ich nur zu gut. Viel schreiben heisst eben nicht, viel zu sagen zu haben.

            Aus dem Bereich Fotografie habe ich schon oft solche wie dich erlebt. Barbies die Haare abschneiden, mit Ketchup bekleckern und dann mit der Lomo nächtens fotografieren. Das heisst dann an die Grenze gehen.

          • Kompetenzensammler sagt:

            Naja, wenn man küsntlerisch tätig ist lebt man auch in einer bestimmten Zeit und kriegt das ästhetische Formenvokabular und die kulturellen Narrative mit. Das wird an einer Schule gelehrt. Ob es jemand dann schafft, das subjektiv weiterzutreiben und weiterzunetwickeln und in der subjektiven Weiternetwicklung für andere einen kulturell-objektiven Wert zu schaffen, der dann in den Kanon integriert wird und an Schulen gelehrt wird, das ist eine nicht vermittelbare Angelegenheit, die im jeweiligen Charakter angelegt ist, de fakto ein Würfelspiel. Das trifft auf linear-progressive Kulturmodelle zu. Aber wir leben in einer long durée, und die digitale Gleichzeitgkeit steht gegen Progression. Aber Samuel hat recht, unter dem Aspekt der long durée, der Allmacht des Marktes und der Organisationswut der durchschnittlich Begabten sind die (Kunst-)Schulen natürlich oekonomisiert und verschult. Konkret: 3 credit points für die Kompetenz scratchen (Kompetenzseminar „scratchen“), Absenzenkontrollen und am Schluss Leistungsüberprüfung. Im Neoliberalismus geht es nicht darum, Wissen zu erwerben, um es zu verstehen und ggf. zu erweitern, sondern sich die Kompetenz des Wissens X anzueignen. Also Wissen X nach (oekonomischer) Vorgabe Y anwenden = Kompetenz. Wir sind Automaten.

  • geezer sagt:

    eine sehr gute idee! hier noch ein paar weitere vorschläge für schulen:

    – schule zum beischlaf
    – schule zum auto waschen
    – schule zum richtig joghurt essen
    – schule zum kreativen schuhe binden

    selbstverständlich alle mit bachelor oder mba abschluss..:-)

    jetzt mal im ernst: „Der Markt zeigt, ob es solche Schulen braucht. Das sind ja private Institutionen, also Firmen die Geld verdienen wollen.“ das sagt alles. es geht nur darum, kohle zu scheffeln. schlussendlich kommt es soweit, dass die clubs bei der auswahl von djs nur noch auf diplome schauen. in der wirtschaft sind wir inzwischen dort angelangt, und es wimmelt bekanntlich von unbrauchbaren fachidioten. wenn wir jetzt in der musik auch noch derart ‚verkopft‘ und diplomgeil werden, dann sehe ich schwarz.

    • Boris Wydler sagt:

      Ich sehe das nicht so schwarz. Ja klar, es geht privaten Schulen darum Geld zu verdienen. Einem Restaurant geht es auch ums Geld verdienen. Einem Club auch.
      Ein Club der bei einem DJ nur auf die Diplome schaut, wird ziemlich schnell rote Zahlen einfahren. Die Leute merken ziemlich schnell ob der DJ die Stimmung im Lokal richtig aufnehmen und mit der richtigen Musik befeuern kann. Einfach nur nach Lehrbuch ein paar Platten (CDs, mp3s?) aufzulegen reicht sicherlich nicht.

      • Alex Flach sagt:

        …in anderen Ländern gelten die Privatschulen ja oft als die „besseren Schulen“. Und das in allen Bereichen. Klar kann man das nicht pauschalisieren, aber das gilt auch für die andere Ansicht.

        • Theresa sagt:

          Oft ist es auch so, dass die Privatschulen nur bei einigen angesehen sind, weil sie besonders marktkonform bilden und die absolvierenden Menschen schnell einen Job im Räderwerk des System bekommen. Die kritischen Denker, welche Wissenschaft statt Marktausbildung betreiben, existieren eher an unabhängigeren Einrichtungen.

          • Boris Wydler sagt:

            Ein DJ-Student passt irgendwie nirgendwo richtig rein. Einerseits soll er ein Künstler und kreativ sein, anderseits muss sich die Kunst für die Clubs dann auch lohnen.

  • Shenji K. sagt:

    Coole Antwort von Ferrari: „Was wird bei Taktlehre gelehrt – wie man bis 4 zählt?“ Das war schon mal ein funny Einstieg in den Montag. Und noch ein Wörtchen zu den DJ-Schulen: Der Markt wirds schon richten, da stimme ich Ferrari voll und ganz zu.

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